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Vielfalt leben, lehren, lernen

23.11.2015

Die Herausforderungen der inklusiven Schule machen eine Reform der Lehrer_innenbildung notwendig. Doch wie ist diese zu verändern, damit (zukünftige) Lehrer_innen für ihre Arbeit in inklusiven Schulen gut vorbereitet sind?

Im Auftrag der GEW richtet Erziehungswissenschaftlerin Dr. Sabine Klomfaß den Blick auf die Lehrer_innenschaft: Inwiefern bildet sich in den Institutionen der Lehrer_innenbildung die gesellschaftliche Vielfalt ab? Und wie lässt sich ein angemessener Umgang mit Vielfalt selbst lernen?

GEW: Vielfalt in der Lehrer_innenschaft, was genau untersuchen Sie in Ihrer Expertise?

Sabine Klomfaß: In der Studie geht es um drei Punkte: Erstens wollen wir den Blick gezielt auf die Lehrer_innenschaft in den verschiedenen Ausbildungsphasen richten, wie vielfältig ist diese zusammengesetzt und spiegelt sie die unterschiedlichen Lebensbedingungen und vielfältigen Lebensentwürfe unserer Gesellschaft wider? Hier geht es nicht nur um eine Art Bestandsaufnahme, sondern auch um die Frage, ob und wenn ja, wie Vielfalt in der Zusammensetzung der Lehrer_innenschaft überhaupt erfasst und somit zum Thema gemacht wird. Zweitens interessiert uns, welche Angebote es an Universitäten, an Studienseminaren usw. gibt, um die Vielfalt in der Zusammensetzung der Lehrer_innenschaft zu erhöhen. Es gibt Initiativen, die zum Beispiel Migrant_innen für den Lehramtsberuf gewinnen wollen, oder Projekte zur Rekrutierung von mehr Männern für den Grundschulbereich. Da wollen wir aufzeigen, welche Art von Maßnahmen es gibt und worauf diese abzielen. Der dritte Punkt richtet den Blick auf die Inhalte und Ziele der Lehrer_innenbildung: Wie und was sollen (zukünftige) Lehrer_innen lernen, um Schüler_innen zu einem anerkennenden Umgang mit Vielfalt und zu Toleranz erziehen zu können?

GEW: Was ist das Ziel Ihrer Expertise?

Sabine Klomfaß: Wir wollen aufzuzeigen, wie Vielfalt in der Lehrer_innenbildung strukturell verankert werden kann. Auch heute schon gibt es interessante Angebote, aber wenig Verbindliches. Die Vielfalt zu fördern gilt zwar als ein Querschnittsthema, allerdings wird es curricular oftmals vernachlässigt. Wir wollen durch die Expertise herausfinden, wie das Ganze als Baustein in der Lehrer_innenbildung systematisch eingebunden werden kann. Es geht darum, wie Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten zum gleichstellungsorientierten Umgang mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden vermittelt werden können.

GEW: Was macht eine vielfältige Lehrer_innenschaft aus?

Sabine Klomfaß: Woran man Vielfalt festmacht, wird auch eine schwierige Frage bei unserer Untersuchung sein. Um Ungleichheiten zu erfassen, müssen bestimmte Kategorisierungen vorgenommen werden, nach Geschlecht, nach Herkunft, nach Alter, nach Bildungsherkunft der Eltern. Aber hier müssen wir aufpassen, dass wir nicht gleichzeitig Stereotype verfestigen. Denn das „Haben“ eines solchen Merkmals sagt auf der Ebene des einzelnen Menschen nichts darüber aus, ob er beispielsweise benachteiligt ist oder besonders geeignet. Ein Beispiel: Ob Herr Müller oder Frau Schmidt ein besseres Vorbild für seine oder ihre männlichen Schüler_innen ist, entscheidet nicht ihr Geschlecht. Unsere Frage richtet sich vielmehr danach: Was müssen Lehrer_innen eigentlich lernen, um mit Vielfalt umgehen zu können? Denn Lehrkräfte verstehe ich als Mittlerinnen und Mittler der Vielfalt. Sie können für Schüler_innen als Vorbilder fungieren, sowohl in ihrem individuellen Vielfältig-Sein, vor allem aber auch durch einen wertschätzenden Umgang mit Heterogenität im gesellschaftlichen Subsystem Schule.

GEW: Was bedeutet das für die Lehrer_innenbildung?

Sabine Klomfaß: Das bedeutet, zukünftige Lehrkräfte müssen einerseits über Wissen verfügen, zum Beispiel die Grundlagen der Rassismustheorie und -forschung kennen. Aber sie müssen auch immer den Einzelfall sehen, denn dort zeigt sich die Diskriminierung. Es geht darum, die Erkenntnisse aus der Forschung zu nutzen, um reflektierend und selbstkritisch auf die Bildungsinstitutionen und die dort stattfindenden Praktiken zu schauen. „Vielfalt lehren und lernen“ heißt dann, diese selbst in der Lehrer_innenbildung für Bildungsprozesse fruchtbar zu machen, um einen wertschätzenden und selbstverständlichen Umgang mit Vielfalt zu etablieren. Wenn die Expertise fertig ist, sollen daraus konkrete Handlungsempfehlungen abgeleitet werden können.

GEW: Was ist noch zu tun?

Sabine Klomfaß: Auch die Bildungspolitik ist gefragt und gefordert: Nötig ist insbesondere die Aufwertung des Grundschullehramts durch eine gleichwertige Entlohnung. Um das Ziel einer Gleichstellung aller Lehrämter zu erreichen, sollten wir mit einer einheitlichen Regelstudienzeit von fünf Jahren in der ersten Phase anfangen. Insgesamt ist klar, dass viele Rahmenbedingungen im Lehrberuf nicht optimal sind. Um schrittweise Verbesserungen durchsetzen zu können, brauchen wir politisch aktive Lehrkräfte und eine starke Gewerkschaft.

Die Fragen stellte Britta Jagusch.

Zur Person
Dr. Sabine Klomfaß ist Lehrerin und arbeitet derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der Stiftung Universität Hildesheim.

Hintergrund - Zukunftsforum Lehrer_innenbildung
Inklusive Bildung, Schulstrukturreformen, Ganztagsunterricht – nicht nur die Anforderungen an die Schulen verändern sich, sondern auch die Herausforderungen für Lehrerinnen und Lehrer. Um diesen neuen Anforderungen gerecht zu werden, bedarf es einer qualifizierten Aus-, Fort- und Weiterbildung der Lehrerkräfte. Die Bildungsgewerkschaft GEW hat auf ihrem Gewerkschaftstag 2013 einen „Aktionsplan Lehrerbildung“ verabschiedet und damit die Reform der Lehrerinnen- und Lehrerbildung auf die Agenda der nächsten Jahre gesetzt. Im „Zukunftsforum Lehrer_innenbildung“ der GEW arbeiten Vertreterinnen und Vertretern der Landesverbände, Fach- und Personengruppen der GEW zusammen und diskutieren mit Expertinnen und Experten, Vertreterinnen und Vertreter aus Bund, Ländern, Hochschulen und bildungspolitischen Organisationen.

 

 

 

 

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