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Viele Lehrkräfte arbeiten mehr als 48 Stunden

Lehrkräfte arbeiten länger als vergleichbare Beamtinnen und Beamte im öffentlichen Dienst. Dies gefährdet bei vielen die Gesundheit. Das ist das Ergebnis einer neuen Meta-Zeiterfassungsstudie im Auftrag der Max-Traeger-Stiftung.

29.01.2018 - Frank Mußmann, Sozialwissenschaftler, Studienleiter und Leiter der Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften der Georg-August-Universität Göttingen

Lange Zeit wurde die angemessene Ermittlung der Arbeitszeit von Lehrkräften in Deutschland für „unbestimmbar“ gehalten. Geregelt wird die Arbeitszeit durch ein Deputat-Stundenmodell, das aber mit den verbindlichen Dienstpflichten und Präsenzzeiten („Determinationszeiten“) nur einen Teil der tatsächlichen Arbeitszeit vorgibt. Dafür wie und mit welchen Vor- und Nachbereitungszeiten diese Pflichten erfüllt werden, sind die Lehrkräfte im obligaten Teil ihrer Arbeitszeit selbst verantwortlich („Obligationszeit“). Was aber, wenn die Unbestimmbarkeit nur eine willkommene Ausrede ist, hinter der sich politische Akteure verstecken, um offensichtliche Konsequenzen nicht ziehen zu müssen? Und was, wenn die hinter den Deputaten verborgenen Arbeitszeitvorgaben der öffentlichen Dienstherren unangemessen sind?

Dies führt uns zu den beiden Ausgangsfragen der aktuellen Metastudie, in der die 20 wissenschaftlichen Untersuchungen aus den vergangenen 60 Jahren durchleuchtet wurden, die seit Ende der 1950er-Jahre die Arbeitszeit von Lehrkräften in Deutschland ermitteln sollten. Erstens: Werden Lehrkräfte in Arbeitszeitfragen gegenüber Tarifbeschäftigten und Beamten im öffentlichen Dienst benachteiligt, weil die Einflussfaktoren auf die Länge der Arbeitszeit im Kern bekannt sind und längst gestaltet hätten werden können? Zweitens: Existiert das Problem der „Unbestimmbarkeit“ möglicherweise nicht (mehr), weil längst wissenschaftlich fundierte Methoden vorliegen, um die Arbeitszeit von Lehrkräften belastbar und zuverlässig zu bestimmen?

Ein hoher Prozentsatz der Lehrkräfte bewegt sich im Bereich gesundheitsgefährdender „überlanger Arbeitszeiten“ (mehr als 48 Stunden in der Schulwoche).

Die Studie kommt zu einem doppelten Ergebnis: Erstens haben die Methoden der Arbeitszeiterfassung einen Stand erreicht, der ermöglicht, durch das Zusammenspiel von juristischer Entwicklung und Weiterentwicklung der Erfassungsmethoden die Arbeitszeit ausreichend genau zu erfassen. Es lassen sich bestimmte Einflussfaktoren auf die Arbeitszeit identifizieren und in ihrer Bedeutung grob quantifizieren. Der Gesetzgeber und die Sozialparteien sind daher handlungsfähig und aufgerufen, die Arbeitszeit angemessen zu gestalten.

Zweitens zeigt die inhaltliche Auswertung, dass trotz erheblicher Veränderungen in den Schulen und deren Rahmenbedingungen zentrale Befunde in der Substanz immer wieder bestätigt werden: Lehrkräfte sind aufgrund zu hoher Arbeitszeitvorgaben gegenüber vergleichbaren Beschäftigten im öffentlichen Dienst im Schnitt schlechter gestellt. Die Arbeitszeitverkürzungen der letzten Jahrzehnte kamen nur verspätet und nicht vollständig an. Ein hoher Prozentsatz der Lehrkräfte bewegt sich im Bereich gesundheitsgefährdender „überlanger Arbeitszeiten“ (mehr als 48 Stunden in der Schulwoche). Zudem existieren extreme Streuungen in der Arbeitszeit zwischen einzelnen Lehrkräften, es fehlen Erholungsmöglichkeiten in Schulpausen, die Sieben-Tage-Woche ist in der Schulzeit quasi obligatorisch, Entgrenzung der Arbeitszeit ist fast die Regel und es gibt lange Phasen mit Spitzenbelastungen. In Summe sind die zeitlichen Belastungen im Mittel zu hoch und Gesundheitsrisiken zu groß.

Um bekannte quantitative und qualitative Belastungen abzubauen, sind deutliche arbeitspolitische Maßnahmen erforderlich.

Auf der anderen Seite sind relevante neue Trends identifiziert worden, die neue Wege in der Arbeitszeitgestaltung eröffnen: Der Anteil des reinen Unterrichtens hat sich über die Jahrzehnte um etwa zehn Prozentpunkte reduziert (in Grundschulen von etwa 50 Prozent auf 40 Prozent und in Gymnasien von 40 Prozent auf 30 Prozent), während nicht unmittelbar unterrichtsbezogene Tätigkeiten mehr Zeit verlangen. Der Forschungsstand zeigt ferner, dass professionelle Einstellungen, Kompetenzen und „Arbeitsbezogene Verhaltens- und Erlebensmuster“ ebenfalls einen bedeutenden Einfluss auf die Länge der Arbeitszeit haben. All dies sind nicht etwa die Ergebnisse einer, sondern die konsolidierten Resultate vieler Studien, die wiederum von unterschiedlichen Auftraggebern, mit verschiedenen Methoden und über mehrere Jahrzehnte hinweg in Auftrag gegeben wurden. Wissenschaftlich gesprochen: konsistente, reproduzierbare und reliable Befunde!

Politisch gesprochen: Um bekannte quantitative und qualitative Belastungen abzubauen, sind deutliche arbeitspolitische Maßnahmen erforderlich. Arbeitszeitpolitik von Lehrkräften darf sich aber auch nicht auf die Gestaltung der Rahmenbedingungen beschränken, sondern muss ebenso die Möglichkeiten gesundheitsfördernden Verhaltens und verantwortlicher Arbeitsteilung in den Schulen mit in den Blick nehmen.

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