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CoronapandemieViele drehen am Rad

Eine bundesweit für Schulen der Sekundarstufe I und II repräsentative Studie der GEW zeigt: Trotz Digitalisierungsschub an den Schulen bestehen weiterhin enorme Techniklücken. Außerdem wächst die digitale Kluft zwischen den Schulen.

14.07.2021 - Matthias Holland-Letz, freier Journalist

Während der Corona-Pandemie waren Lehrkräfte zudem gezwungen, völlig neue Aufgaben zu bewältigen. Fragen an den Leiter der Studie „Digitalisierung im Schulsystem“, Frank Mußmann, Universität Göttingen.

  • E&W: Die guten Nachrichten zu Beginn: Welches positive Ergebnis der Studie hat Sie am meisten überrascht?

Frank Mußmann: Sicherlich die Tatsache, dass digitale Medien in der einen oder anderen Form bei 90 Prozent der von uns befragten Lehrkräfte im normalen Unterrichtsgeschehen angekommen sind. 68 Prozent arbeiten inzwischen sogar täglich mit digitalen Medien im Unterricht.

  • E&W: Nennen Sie mal ein Beispiel. Wie hat sich die Nutzung von Lernmanagementsystemen verändert?

Mußmann: In 2018 gab es eine internationale Befragung, der zufolge nur 2 Prozent der Lehrkräfte in Deutschland regelmäßig Lernmanagementsysteme eingesetzt haben. Inzwischen sind es 39 Prozent. Und wenn man die hinzunimmt, die diese Technologie gelegentlich nutzen, kommen weitere 19 Prozent dazu. Auch hier sprechen wir von einem Digitalisierungssprung.

  • E&W: Entscheidend ist gutes WLAN an Schulen. Wie sieht es damit aus?

Mußmann: Inzwischen arbeiten 70 Prozent der Lehrkräfte an einer Schule, die WLAN für alle Lehrerinnen und Lehrer bietet. Allerdings haben wir weiterhin Schulen, in denen das WLAN nur im Lehrerzimmer oder gar nicht verfügbar ist.

  • E&W: Lehrkräfte kritisieren seit Jahren, dass ihnen die Schule keine Dienst-Smartphones oder -Notebooks zur Verfügung stellt. Was hat sich hier getan?

Mußmann: An 18 Prozent der Schulen ist das komplette Kollegium mit tragbaren digitalen Endgeräten versorgt. Wir können aber nicht sagen, ob das private oder Dienst-Geräte sind. Es kommen nochmal 30 Prozent hinzu, an denen es einzelne Schulsätze gibt und sich Lehrkräfte für bestimmte Unterrichtseinheiten Endgeräte ausleihen können.

  • E&W: Die Studie zeigt, dass die Unterschiede zwischen den Schulen bei der Digitalisierung enorm sind. Was genau haben Sie herausgefunden?

Mußmann: Etwa 12 Prozent der Schulen in unserem Datensatz sind „Digitale Vorreiterschulen“. Es folgen „Digital orientierte Schulen“ und „Durchschnitt-Schulen“. Circa 33 Prozent aller Schulen sind „Digitale Nachzügler-Schulen“, sie haben eine signifikant schlechtere digitale Infrastruktur und Strategie.

  • E&W: Welche Folgen hat es für Schülerinnen und Schüler, wenn sie eine „Digitale Nachzügler-Schule“ besuchen?

Mußmann: Sie haben deutlich weniger Möglichkeiten, digitale Kompetenzen zu entwickeln. Das gefährdet die gesellschaftliche Teilhabe und ist ein neues, zusätzliches Gerechtigkeitsproblem.

  • E&W: Und die „Vorreiter-Schulen“? Was sagen die dort tätigen Lehrerinnen und Lehrer?

Mußmann: Sie empfinden es als Wertschätzung, wenn der Schulträger oder das Bundesland eine vernünftige digitale Infrastruktur zur Verfügung stellt, die sie pädagogisch und didaktisch sinnvoll einsetzen können. Auch das Schulklima ist besser, die Arbeitszufriedenheit ist höher. Und vielleicht das Wichtigste: Es gibt definitiv weniger Stress für die Lehrkräfte, zum Beispiel weil die IT-Systeme verlässlicher sind und nur selten ausfallen.

  • E&W: Stichwort Arbeitsbelastung der Lehrkräfte. Zu welchen Ergebnissen kommen Sie?

Mußmann: Während der Pandemie sind durch das Homeschooling und den Wechselunterricht neue Anforderungen hinzugekommen: Alles musste doppelt vorbereitet werden – sowohl analog als auch digital. Manche Schülerinnen und Schüler mussten sich zudem zu Hause ein Endgerät mit zwei, drei Geschwistern teilen. Das zu managen, ist für Lehrkräfte eine gewaltige Herausforderung. Und länger arbeiten, sich noch mehr belasten, das geht auf Dauer nicht. Denn schon vor Corona haben viele an ihrer Belastungsgrenze gearbeitet. Das heißt, sie müssen ihre Prioritäten neu setzen. Dann werden andere Aufgaben weniger ausgeführt oder fallen sogar weg. Das heißt am Ende: Faktisch kommt es zu Qualitätseinbußen.

  • E&W: Welche politischen Forderungen ergeben sich daraus?

Mußmann: Wir müssen davon ausgehen, dass sich jetzt Erschöpfungserscheinungen bei Lehrkräften zeigen. Diese brauchen professionelle Unterstützung. Wir müssen auch damit rechnen, dass die eine oder andere Lehrkraft ausfällt. Erforderlich ist eine Reduktion der Unterrichtsstunden. Gerade in den Bereichen, in denen hochbelastete Pädagoginnen und Pädagogen arbeiten.

  • E&W: Und was muss sich an Schulen tun, damit der jetzt gestartete Digitalisierungsprozess pädagogisch sinnvoll und nachhaltig fortgesetzt werden kann?

Mußmann: Dazu braucht es vor allem die Entwicklung digitaler Strategien, und dies auf der Ebene jeder einzelnen Schule. Es geht um das richtige Maß der Digitalisierung im jeweiligen Fach. Es geht nicht darum, Konzepte, die von irgendwelchen Anbietern kommen, eins zu eins zu übernehmen. An solchen Schulentwicklungsprozessen sollten Schulleitungen, Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie Eltern beteiligt werden.

  • E&W: Eine Frage zum Design der Studie. Beteiligt haben sich 2.750 Lehrkräfte an Gymnasien, Gesamtschulen und vergleichbaren Schulen aus allen Bundesländern. Kann es sein, dass vor allem jene mitgemacht haben, die ihren Frust loswerden wollten?

Mußmann: Wir haben eine Reihe von Sicherungsmaßnahmen eingebaut. Das macht man aus statistischen Gründen so. Wir haben zum Beispiel auch diejenigen Lehrkräfte befragt, die nicht mitmachen wollten. Die Mehrheit sagte: Ich konnte nicht teilnehmen, weil ich einfach keine Zeit habe. Ich dreh‘ sowieso schon am Rad, da kann ich nicht auch noch eine Studie machen.

  • E&W: Die ersten Studienergebnisse wurden Anfang Juni präsentiert. Wie war das Medienecho?

Mußmann: Größer als erwartet. Wir haben alle Leitmedien erreicht und über 20 Rundfunk- und Fernsehinterviews geführt. Das Handelsblatt hat vorab berichtet. Über die Nachrichtenagentur dpa haben sich viele kleinere Medien angeschlossen. Welche Auswirkungen haben Pandemie und Homeschooling auf die Digitalisierung – das wollten viele wissen.

Die Richtschnur für die Maßnahmen in der Schule sollen nach Ansicht der GEW die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts sein. Dafür schlägt die GEW ein Fünf-Punkte-Programm vor:

5-Punkte-Programm zum Gesundheitsschutz an Schulen
Ab der 5. Klasse muss das gesellschaftliche Abstandsgebot von 1,5 Metern gelten. Dafür müssen Klassen geteilt und zusätzliche Räume beispielsweise in Jugendherbergen gemietet werden.
Um die Schulräume regelmäßig zu lüften, gilt das Lüftungskonzept des Umweltbundesamtes. Können die Vorgaben nicht umgesetzt werden, müssen sofort entsprechende Filteranlagen eingebaut werden.
Die Anschaffung digitaler Endgeräte für Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler muss endlich beschleunigt werden. Flächendeckend müssen eine datenschutzkonforme digitale Infrastruktur geschaffen und IT-Systemadministratoren eingestellt werden. Zudem müssen die Länder Sofortmaßnahmen zur digitalen Fortbildung der Lehrkräfte anbieten.
Für die Arbeitsplätze in den Schulen müssen Gefährdungsanalysen erstellt werden, um Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler besser zu schützen.
Transparenz schaffen: Kultusministerien und Kultusministerkonferenz müssen zügig ihre Planungen umsetzen, wöchentlich Statistiken auf Bundes-, Landes- und Schulebene über die Zahl der infizierten sowie der in Quarantäne geschickten Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler zu veröffentlichen. „Wir brauchen eine realistische Datenbasis, um vor Ort über konkrete Maßnahme zu entscheiden“, sagte GEW-Vorsitzende Marlis Tepe. 

Übersicht: Alles, was sich an Bildungseinrichtungen mit Blick auf den Gesundheitsschutz in Corona-Zeiten ändern muss.