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fair childhood - Bildung statt KinderarbeitVideo-Event statt Schoko-Verkauf

Die Corona-Krise samt Homeschooling und Kontaktverbot hat zwar einige Schulprojekte gegen Kinderarbeit gebremst – viele aber auch beflügelt.

21.07.2021 - Martina Hahn, freie Journalistin

Sie singen, putzen Schuhe oder verkaufen Zeitungen – viele Schulklassen beteiligen sich jedes Jahr zum Tag der Kinderrechte am 20. November an der Aktion „Straßenkind für einen Tag“. Sie verrichten ein paar Stunden lang Arbeiten, mit denen sich Millionen Gleichaltrige vor allem in armen Ländern tagtäglich über Wasser halten müssen. Das Kinderhilfswerk terre des hommes hat diese Aktion ins Leben gerufen, damit Schülerinnen und Schüler in Fußgängerzonen oder auf Märkten auf die Not arbeitender Kinder aufmerksam machen. Doch geht das auch in der Corona-Pandemie, wenn Fußgängerzonen verwaist und klassenübergreifende AG-Treffen nicht möglich sind?

„Wir konnten zwar nicht mehr auf die Straße gehen, aber wir haben das Projekt trotzdem gut hinbekommen.“ (Anke Animashaun)

Ja, denn der Kampf der Schulen gegen ausbeuterische Kinderarbeit ging trotz Corona weiter. „Wir konnten zwar nicht mehr auf die Straße gehen, aber wir haben das Projekt trotzdem gut hinbekommen“, sagt Anke Animashaun, Lehrerin an der Papst-Johannes-Gesamtschule in Pulheim bei Köln. „Wir mussten eben umdenken.“ Statt Schuhe zu putzen, haben die Fünft- und Sechstklässler im Winter 2020 Bascetta-Sterne gebastelt und verkauft – „statt wie sonst an Laufkundschaft halt kontaktlos über den Freundeskreis der Schule“.

Schulprojekte gegen Kinderarbeit litten nicht zwingend unter Homeschooling und Wechselunterricht. Manche liefen sogar besser als vor der Pandemie. „Als im Dezember der neue Lockdown ausgerufen wurde, dachte ich, oh nein, jetzt geht gar nichts mehr“, sagt Sue Eickhoff, Lehrerin am Käthe-Kollwitz-Gymnasium in Neustadt an der Weinstraße, seit Herbst 2020 eine Fairtrade-School. „Doch dann haben wir trotz aller Widrigkeiten ganz viel umgesetzt.“

Auf digital umgestellt

Jana Haberstroh von der Kindernothilfe – sie arbeitet eng mit Schulen zusammen – bestätigt das: „Viele haben mit viel Einfallsreichtum Aktionen auf die Beine gestellt.“ Schulteams haben beispielsweise digitale Ausstellungen zum fairen Handel als Live-Event organisiert, Fotocollagen zum Thema Fair Fashion kreiert, Videos über ihr Engagement gedreht, über Instagram-Kanäle Fotowettbewerbe zum fairen Frühstück ins Leben gerufen oder statt eines gemeinsamen fairen Klassenfrühstücks To-go-Frühstückstüten verteilt.

Am Elisabeth-Selbert-Gymnasium in Filderstadt bei Stuttgart haben die Zehntklässler der AG Fairer Handel für den Verkauf von Produkten ohne Kinderarbeit ein Online-Bestellformular entwickelt; geordert und verteilt wurden Schokoladen, Kaffee oder Kunsthandwerk über den Weltladen im Ort. „Die Schulteams waren unglaublich kreativ“, hat Aileen Böckmann von der Kampagne -Fairtrade-Schools beobachtet.

„Vor Corona haben wir uns alle drei Wochen physisch getroffen – seit der Pandemie über die schulinterne digitale Plattform sogar noch öfter ausgetauscht.“ (Sue Eickhoff)

Wie der Schulunterricht fand auch die Projektarbeit überwiegend digital statt. „Vor Corona haben wir uns alle drei Wochen physisch getroffen – seit der Pandemie über die schulinterne digitale Plattform sogar noch öfter ausgetauscht“, sagt Eickhoff. In ihrem Schulteam gegen Kinderarbeit und für fairen Handel sitzen 13 Jugendliche der Klassen 7 bis 12, drei Eltern und ein Vertreter des Weltladens im Ort. Durch die Digitalisierung sei zudem die Reichweite gestiegen: „Über Aushänge in der Schule hätten wir die Schulgemeinschaft nie so gut erreicht.“

Außerdem waren die Projekte für den einen oder die andere eine willkommene Abwechslung zum Corona-Alltag: „Die Kinder sind seit Monaten Feuer und Flamme.“ Auch Christian Gottwald hat seit dem Herbst 2020 drei neue Schüler für die AG Fairer Handel gewonnen. „Diese Treffen waren das Highlight der Woche – auch für mich“, sagt der Lehrer am Elisabeth-Selbert-Gymnasium. „Die Teilnahme lag immer bei 100 Prozent – das gibt´s bei Präsenztreffen nicht.“

Corona veränderte die Inhalte

Corona hat die Schulprojekte auch inhaltlich verändert, sagt Gottwald – und den Schülerinnen und Schülern die Not vieler Millionen Kinderarbeiterinnen und -arbeiter noch eindringlicher vor Augen geführt. „Die Krise machte das Problem viel konkreter – manche Schüler haben erstmals erfahren, wie es ist, keine Schule besuchen zu können“, sagt auch Eickhoff. Vielen wurde klar: Anders als bei uns können in anderen Ländern viele Jungen und Mädchen nach dem Lockdown gar nicht mehr in ihre Schule zurück. „Sich das vor Augen zu führen, war für die Kinder und Jugendlichen gut“, ist Eickhoff überzeugt. Auch hier habe manches Projekt durch Digitalisierung gewonnen, sagt Kampagnenleiterin Böckmann: Zur Fairtrade-Schüler:innenakademie, die zweimal im Jahr stattfindet, konnten jetzt Partner aus Kenia zugeschaltet werden – „das hat die Treffen sehr bereichert“.

Schwieriger war es für Schulen, „durch das Homeschooling und die Einschränkung der Kontakte neue Partner für ihr Engagement zu gewinnen“, sagt Böckmann. Das bestätigt Lehrer Gottwald: „Treffen mit Vertreterinnen und Vertretern des Rathauses oder Weltladens fanden während des Lockdowns nicht statt.“ Finanzspritzen für die AGs fielen auch weg, weil Händler vor Ort ihre Geschäfte schließen mussten oder Verwaltungen mit dem Aufbau von Impfzentren beschäftigt waren.

Dennoch sei die Finanzierung von Schulprojekten zum Thema Kinderarbeit durch Dritte heute nicht zwingend schlechter, sagt Gottwald: „Manche Kommunen haben Mittel übrig, die bereits für Veranstaltungen genehmigt worden sind, wegen des Lockdowns aber nie abgerufen wurden.“ Einen solchen nicht ausgeschöpften Topf hat er jetzt für ein Online-Symposium zum Thema Kinderarbeit angezapft; er kann damit Technik ausleihen und einem Gastreferenten ein Honorar zahlen. Denn das Thema bleibe wichtig: „Corona hat viele Fortschritte gegen Kinderarbeit zunichte gemacht – das wird unser nächstes AG-Thema sein.“