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CoronapandemieVersuchen, die Welt besser zu gestalten

Das Recht auf Bildung ist durch die Corona-Pandemie weltweit stark unter Druck geraten. Betroffen sind vor allem Kinder und Jugendliche im Globalen Süden, die oft keine Möglichkeit haben, an einem digitalen Distanzunterricht teilzunehmen.

10.03.2021 - Interview: Joshua Schultheis, Redaktion bbz – Berliner Bildungszeitschrift der GEW Berlin

Im Interview mit E&W erläutert Sandra Reitz vom Deutschen Institut für Menschenrechte, welche Lehren aus der Erfahrung mit der Pandemie zu ziehen sind und wie eine gute Bildung nach Corona aussehen sollte.

  • E&W: Auf der ganzen Welt mussten die Bildungseinrichtungen zeitweise schließen. Was bedeutet das für die betroffenen Kinder und Jugendlichen?

Sandra Reitz: Die Zahlen der UNESCO besagen, dass im November 2020 ungefähr ein Drittel aller Schülerinnen und Schüler von Schulschließungen betroffen war. Im Frühjahr waren es fast alle Lernenden. Die Situation hat sich also mittlerweile etwas entspannt, auch durch Alternativlösungen und Notbetreuungen. Dennoch gibt es die berechtigte Warnung, dass in vielen Ländern des Globalen Südens die Finanzierungslücke im Bildungssystem immer weiter wächst. Dort fehlen die dringend benötigten zusätzlichen Mittel für Distanzunterricht oder Hygienemaßnahmen.

Neben dem globalen Nord-Süd-Gefälle, das wir beim Recht auf Bildung haben, gibt es auch innerhalb von Gesellschaften soziale Ungleichheiten, die durch Corona verschärft werden. Für Kinder, die derzeit nicht in die Schule gehen und auch nicht an alternativen Bildungsangeboten teilhaben können, kann dies Folgen für ihre weiteren Bildungsprozesse und -abschlüsse haben. Dies hat wiederum Einfluss darauf, wie diese später ihr Leben als Erwachsene gestalten können und ob sich Armut weiter verfestigt.

  • E&W: Den Einsatz für die Menschenrechte, insbesondere auch für das Recht auf Bildung, haben sich in jüngster Zeit auch Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker auf die Fahnen geschrieben. Was antworten Sie aus einer Menschenrechtsperspektive auf deren Kritik, die Maßnahmen, die Pandemie einzugrenzen, seien unzumutbare Einschnitte in unsere Grundrechte?

Reitz: In der aktuellen Situation stehen verschiedene Menschenrechte im Spannungsverhältnis: so das Recht auf Bildung und das Recht auf Gesundheit. Dabei handelt es sich aber meistens nicht um eine simple Entweder-oder-Frage. Schließlich kann das Recht auf Bildung auch in unterschiedlichen Modellen – zum Beispiel beim Wechsel- oder beim Distanzunterricht – gewährleistet werden. Antworten auf diese Fragen sollten demokratisch gesucht und verhandelt werden.

Bei solchen Überlegungen muss auch besonders auf die Gesundheit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer geachtet werden – auf die des Pflegepersonals im medizinischen Bereich, aber eben auch auf die der Beschäftigten in den Bildungsstätten. Hier zeigen die Zahlen, dass die Corona-Infektionen besonders hoch sind. Auch weitere, besonders vulnerable Gruppen stehen in der Diskussion selten im Zentrum: Betroffene von häuslicher Gewalt sowie Asylsuchende oder Wohnungslose in Gemeinschaftsunterkünften. In der Öffentlichkeit werden leider meistens nur die lautesten Stimmen gehört. Die machen aber nicht notwendigerweise auch auf die tatsächlich dringendsten Probleme aufmerksam.

  • E&W: Was sollte besser gemacht werden, um das Ziel der Bildung für alle auch unter solch erschwerten Bedingungen nicht aus den Augen zu verlieren?

Reitz: Es ist wichtig, gerade in Krisenzeiten Menschenrechte als Maßstab für politisches und gesellschaftliches Handeln heranzuziehen, eben um zu einer gerechten Abwägung der verschiedenen Rechte und Bedürfnisse zu kommen und besonders die vulnerablen Gruppen nicht aus dem Blick zu verlieren. Wir haben im Moment in Deutschland viele Kinder und Jugendliche, die in ihrer Lernentwicklung durch die Schulschließungen zurückfallen, weil sie in ihrem häuslichen Umfeld nicht ausreichend unterstützt werden können. Hier sollte mit speziellen Angeboten entgegengewirkt werden.

  • E&W: Welche könnten das sein?

Reitz: Neben dem Bereitstellen der Infrastruktur braucht es auch kreativere Ideen, um diese Entwicklung abzumildern. Es gibt bereits einige Anregungen: etwa den Wechselunterricht, die Anschaffung von Luftfiltergeräten für die Klassenräume oder den Vorschlag der deutschen UNESCO-Kommission, dass Kinder mit besonderen Bedarfen oder Herausforderungen ähnlich wie die Kinder von Eltern in systemrelevanten Berufen einen speziellen Anspruch auf Unterstützung bekommen, etwa durch eine feste Kontaktperson.

  • E&W: Neben der Frage nach Bildung während Corona stellt sich auch die Frage danach, wie Bildung nach Corona aussehen soll. Was sind Ihrer Meinung nach die Lehren aus diesen schwierigen Zeiten? Welche inhaltlichen Verschiebungen für den Unterricht sollten sich daraus ergeben?

Reitz: Es wird viel über den Digitalisierungsschub diskutiert. Dieser muss aber mehr sein als die Bereitstellung von Endgeräten. Wichtig ist eine Medienbildung, sowohl für die Lehrkräfte als auch für die Schülerinnen und Schüler. Außerdem treten wir am Deutschen Institut für Menschenrechte für einen menschenrechtsorientierten Ansatz in der Bildung ein. Menschenrechtsbildung vermittelt nicht nur das Wissen um die Menschenrechte, sondern sensibilisiert auch für Themen wie Solidarität, Diskriminierungsschutz oder Inklusion und Partizipation. Das sind Prinzipien, die grundsätzlich einen zentralen Stellenwert in der Gesellschaft haben, jetzt in Pandemiezeiten aber noch einmal an Bedeutung gewinnen.

  • E&W: Und wie sieht es außerhalb der Schule aus?

Reitz: Menschenrechtsbildung kann nicht nur in Schulen angewendet werden, sondern auch in der Aus- und Fortbildung von Berufsfeldern wie Lehramt, Soziale Arbeit, Pflege, Verwaltung oder Polizei. Nur durch konsequente Menschenrechtsbildung kann das Verantwortungsbewusstsein gestärkt werden, Menschenrechte als Maßstab für das professionelle Handeln anzuerkennen.

  • E&W: Wie kann dieser Ansatz in der Lehrpraxis konkret aussehen?

Reitz: In unserem Bildungsmaterial gibt es eine Übung, in der es am Beispiel HIV um das Recht auf Gesundheit und um Medikamentenzugang geht. Die dort beschriebenen Probleme lassen sich gut auf Corona übertragen. Neben einer ethischen Betrachtung der globalen Ungleichverteilung des Zugangs zu Arzneimitteln, bietet sich hier auch die Reflexion über das persönliche Gerechtigkeitsempfinden und die eigenen Möglichkeiten an, zu mehr Solidarität und zum Recht auf Gesundheit beizutragen. Wichtig ist es auch, so konkret wie möglich zu werden und zu schauen, wie und wo man aktiv werden kann, um die in der Reflexion gefundenen Werte und Ziele zu verwirklichen. Insofern besteht Menschenrechtsbildung nicht nur in der Vermittlung von Wissen und Raum zur Reflexion, sondern auch im Versuch, die Welt aus menschenrechtlicher Perspektive ein kleines bisschen besser zu gestalten.