GEW - Die Bildungsgewerkschaft
Du bist hier:

Berufliche und akademische BildungÜber Umwege zum Ziel

Falsche Erwartungen, mangelnde Erfolge, vermisste Praxisbezüge: Es gibt viele Gründe, ein Studium abzubrechen. Manchmal ist eine Ausbildung die bessere Lösung für ein zufriedenes Berufsleben, wie die folgenden Beispiele zeigen.

03.05.2021 - Anne-Katrin Wehrmann, freie Journalistin

Für Kim Klochinski war immer klar, dass sie nach dem Abitur studieren würde. „An eine Ausbildung habe ich gar nicht gedacht“, erzählt sie. „Vielleicht deswegen, weil es Trend war, nach dem Abi ein Studium zu beginnen. Das haben alle so gemacht.“ Ein Fach, das sie interessiert, war schnell gefunden. Schon im Biologie-Leistungskurs hatte sie es immer spannend gefunden, sich mit Lebensmitteln zu beschäftigen – weil die täglich gebraucht werden und weil es sich um eine zukunftsorientierte Branche handelt.

Also schrieb sie sich an der Hochschule Bremerhaven für den Studiengang Lebensmitteltechnologie/Lebensmittelwirtschaft ein. Der Start war auch durchaus vielversprechend: „Ich hatte ursprünglich ein sehr gutes Gefühl, die Vorbereitungskurse sind gut gelaufen“, erinnert sich die 25-Jährige. Doch dann stellte sie fest, dass sie von Semester zu Semester immer stärker mit der Theorie haderte. Während eines Praxissemesters erlebte sie, wie viel Spaß ihr die Arbeit im Personalwesen macht, gleichzeitig fiel sie auch noch durch eine Prüfung.

„Aber sich selbst einzugestehen, nicht glücklich zu sein und es nicht geschafft zu haben, ist ein schwieriger Schritt.“ (Kim Klochinski)

Plötzlich waren die inneren Zweifel nicht mehr zu überhören. „Aber sich selbst einzugestehen, nicht glücklich zu sein und es nicht geschafft zu haben, ist ein schwieriger Schritt“, meint Klochinski. In dieser Phase fand sie eine Rundmail vom Career Service Center (CSC) der Hochschule in ihrem Postfach, in der ein neues Programm mit dem Titel „Land in Sicht“ vorgestellt wurde. Es stellt eine Sonderform des Dualen Studiums dar und bietet allen Bremerhavener Studierenden der Bachelorstudiengänge die Möglichkeit, ihr Studium mit einer beruflichen Ausbildung zu kombinieren. Für die gebürtige Bremerin ein Glücksfall: „Es war extrem hilfreich, mit meinen Gedanken nicht mehr allein zu sein und eine qualifizierte Beratung und Unterstützung zu bekommen.“

Mit Hilfe des CSC fand sie eine Lehrstelle bei einem Personalvermittlungsunternehmen, wo sie sich nun zur Personaldienstleistungskauffrau ausbilden lässt. „Ich habe gefunden, was mich erfüllt und mir Spaß macht“, sagt sie heute. „Manchmal muss man Umwege gehen, um zum Ziel zu kommen.“ Momentan will sie zuerst die Ausbildung abschließen und dann, mit dem beruhigenden Berufsabschluss in der Tasche, auch noch ihr Studium beenden.

Programm mit Vorbildcharakter

Der Wissenschaftsrat hat schon 2014 empfohlen, für die zukünftige Versorgung der Gesellschaft mit Fachkräften eine „funktionale Balance zwischen beruflicher und akademischer Bildung“ herzustellen und dafür auch vielfältige Übergangsmöglichkeiten in beide Richtungen zu schaffen. Eine solche Übergangsmöglichkeit stellt die Hochschule Bremerhaven mit „Land in Sicht“ bereit – und sieht sich damit bundesweit als Vorreiterin. „Unseres Wissens bietet keine andere Hochschule ein Rückkehrrecht für Studierende an, die mehrere Jahre unterbrechen, um zunächst eine Ausbildung zu machen“, berichtet Professor Gerhard Feldmeier, ehemaliger Konrektor und Initiator des Programms.

Auslöser sei die Erkenntnis gewesen, dass es gerade in den MINT-Studienfächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) Abbrecherquoten von zum Teil mehr als 50 Prozent gegeben habe. „Da haben wir nach Möglichkeiten gesucht, solchen Studienzweiflern Brücken in die Ausbildung zu bauen – über die sie dann später auch wieder zurückkommen und ihr Studium beenden können.“

Um das möglich zu machen, wurde eigens die Immatrikulationsordnung der Hochschule geändert. Mit Unterstützung der Arbeitsagentur und der örtlichen Industrie- und Handelskammer entstand ein Netzwerk von Partnern, über das das CSC bei Bedarf direkten Kontakt zu ausbildungswilligen Betrieben herstellen kann. Die Rückmeldungen aus den Unternehmen seien durchweg positiv, sagt Feldmeier. „Gegenüber jungen Leuten, die gerade aus der Schule kommen, haben die Studierenden deutliche Vorteile. Sie verfügen über mehr Lebenserfahrung und haben bei uns schon gelernt, systematisch und zielorientiert zu arbeiten.“

Für die Studierenden wiederum sei es sehr motivierend, dass sie keine Studienabbrecher seien, sondern lediglich temporäre Studienunterbrecher. Wie viele von ihnen später tatsächlich noch ihren Abschluss an der Hochschule machen werden, lässt sich derzeit nicht sagen, da das Projekt erst seit zwei Jahren läuft. „Aber die, die nicht wiederkommen, hätten wir auch ohne das Programm verloren“, ist Feldmeier überzeugt. „Und wenn wir damit einen Beitrag zur Bekämpfung des Fachkräftemangels leisten und junge Leute in der Region behalten, haben wir schon Gutes getan.“

Knapp 30 Prozent brechen ab

Insgesamt fast 30 Prozent der Bachelorstudierenden eines Jahrgangs brechen ihr Studium ab: Das geht aus aktuellen Berechnungen des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) hervor. Besonders hoch sind die Abbruchquoten demnach an den Universitäten in den Geisteswissenschaften sowie in Mathematik und Naturwissenschaften. An den Fachhochschulen finden sich neben Mathematik und Naturwissenschaften auch die Ingenieurwissenschaften ganz oben in der Statistik.

„Es gibt eine ganze Reihe Ursachen, die zum Abbruch eines Studiums führen“, erläutert Ulrich Heublein, der sich am DZHW mit dem Themenschwerpunkt Studienabbruch beschäftigt. Als subjektive Gründe würden am häufigsten zu hohe Leistungsanforderungen sowie Motivationsprobleme wegen zu geringer Identifizierung mit dem gewählten Fach genannt, berichtet der Wissenschaftler. „Viele stellen auch fest, dass ein akademischer Bildungsweg nicht das Richtige für sie ist und sie lieber praktisch arbeiten wollen.“

Rund zwei Drittel derer, die ihr Studium abbrechen, starten anschließend eine Berufsausbildung. Nicht wenige haben darüber hinaus schon vor Aufnahme des Studiums einen Berufsabschluss erworben. Bei lediglich 9 Prozent zeichnen sich zweieinhalb Jahre nach der Exmatrikulation noch keine klaren Tätigkeitsabsichten ab: Sie wechseln häufig den Job oder sind arbeitslos. „Das sind dann diejenigen, die eine intensivere Unterstützung brauchen als die bisher angebotenen Instrumente“, meint Heublein. Ein Problem sei, dass sich viele Studienabbrecherinnen und -abbrecher noch immer stigmatisiert fühlen. „Dabei ist es doch wünschenswert, dass man sich in jeder Bildungsphase fragt, ob man auf dem richtigen Weg ist – und sich im Zweifel auch neu orientieren kann.“

„Es ist immer noch so, dass viele eine Berufsausbildung nicht für gleichwertig halten.“ (Ulrich Heublein)

Mit Blick auf die zu fördernde Durchlässigkeit zwischen akademischer und beruflicher Bildung habe es in den vergangenen Jahren eine Reihe Programme und Initiativen gegeben, die auf einen unkomplizierten Übergang von der beruflichen in die hochschulische Bildung abzielten. Der umgekehrte Weg rücke erst jetzt zunehmend in den Fokus des bildungspolitischen Interesses. „Da bleibt auch bei der Mentalität derjenigen, die ihr Studium abbrechen, noch einiges zu tun“, sagt der Bildungsforscher. „Es ist immer noch so, dass viele eine Berufsausbildung nicht für gleichwertig halten.“

„Am Gymnasium kam das Thema Ausbildung in der Berufsorientierung praktisch nicht vor.“ (Leon Seibert)

Zu diesen gehörte auch Leon Seibert. Obwohl der 24-Jährige aus Klingenberg am Main sich schon immer handwerklich interessierte, war für ihn nach dem Abitur ein Studium die logische Konsequenz. „Am Gymnasium kam das Thema Ausbildung in der Berufsorientierung praktisch nicht vor“, erzählt er, „und auch meine Eltern wollten gerne, dass ich studiere.“ Da er in der Schule immer gut in Englisch war, schrieb er sich kurzerhand an der Uni Würzburg für Englisch auf Lehramt ein – aber schon nach drei Semestern hatte er jeglichen Spaß verloren und besuchte keine Vorlesungen mehr. „Das war mir alles zu theoretisch, und ich habe mich auch nicht wirklich als Lehrer gesehen.“

So beschloss er, das Studium abzubrechen und über die Arbeitsagentur eine berufsvorbereitende Maßnahme zu beginnen. Als er ein Praktikum bei einem technischen Modellbauer machte, wurde ihm klar: Das ist genau das Richtige. Seibert begann in dem Betrieb eine Ausbildung und steht seither morgens wieder gerne und motiviert auf: „Jedes Projekt braucht eine neue Lösung, das ist einfach abwechslungsreich und macht viel Spaß.“ Ende vorigen Jahres musste sein Chef aufgrund der Folgen der Corona-Krise Insolvenz anmelden, doch der 24-Jährige fand mit Unterstützung der Handwerkskammer für Unterfranken einen anderen Betrieb, bei dem er seine Ausbildung nun fortsetzt.

„Karriereprogramm Handwerk“

Die Handwerkskammer hat Erfahrung mit jungen Menschen, die ihr Studium abgebrochen haben oder darüber nachdenken. 2012 startete sie ein mit öffentlichen Mitteln gefördertes Pilotprojekt mit dem Titel „Karriereprogramm Handwerk“, das sich mittlerweile in der Beratungsarbeit verstetigt hat und zahlreiche Nachahmer im gesamten Bundesgebiet fand. „Die Situation war schon damals so, dass es eine hohe Zahl Studienabbrecher mit vielen Kompetenzen gab, während unsere Mitgliedsbetriebe händeringend nach Fach- und Führungskräften suchten“, erläutert Andrea Sitzmann, Leiterin des Geschäftsbereichs Berufsbildung. „Da haben wir überlegt, wie wir die beiden Seiten zusammenbringen können.“

In den ersten sechs Jahren habe man rund 100 Ex-Studierende aus allen möglichen Studienbereichen erfolgreich in eine handwerkliche Ausbildung vermittelt, berichtet Sitzmann. Dabei bewähre sich, die Teilnehmenden an die Hand zu nehmen und sie in der Phase der Neuorientierung und auch darüber hinaus zu begleiten.

„Aber ich habe die gesellschaftliche Erwartung gespürt, dass man studieren sollte, wenn man schon das Abitur gemacht hat.“ (Jan Weis)

Jan Weis war in der Anfangszeit einer der ersten Teilnehmer des „Karriereprogramms Handwerk“. Der heute 27-jährige Unterfranke hatte schon in der 12. Klasse bei einem großen Autozulieferer einen Vertrag für ein duales Studium im Bereich Wirtschaftsingenieurwesen unterschrieben. „Ich habe das damals etwas blauäugig entschieden, weil ich möglichst viel Geld verdienen wollte“, räumt er rückblickend ein. Im Fach Wirtschaft habe er immer gute Schulnoten gehabt – er habe aber verdrängt, dass er schlecht in Mathe gewesen sei. „Und das ist mir dann auf die Füße gefallen.“ Hinzu kamen große zeitliche und finanzielle Belastungen, da er wegen der großen Entfernungen Wohnungen in seinem Heimat-, seinem Arbeits- und seinem Studienort brauchte. „Da habe ich schon am Ende des ersten Semesters gemerkt: Das wird nichts.“

Weis kündigte seinen Vertrag, exmatrikulierte sich und überlegte, sich stattdessen für BWL einzuschreiben. „Davon war ich aber auch nicht wirklich überzeugt, und darum habe ich schließlich entschieden: Ich mache lieber eine Ausbildung, dann habe ich schon mal einen Abschluss sicher.“ Seine Eltern betreiben eine eigene Bäckerei, und doch hatte er bis zu diesem Zeitpunkt noch nie darüber nachgedacht, sich zum Bäcker ausbilden zu lassen. Obwohl er immer gerne in der Backstube mitgeholfen habe, wie er sagt: „Aber ich habe die gesellschaftliche Erwartung gespürt, dass man studieren sollte, wenn man schon das Abitur gemacht hat.“

„Menschen sind erfolgreicher, wenn sie etwas machen, was sie gerne tun und was sie nachhaltig zufrieden macht.“

Durch eigene Recherchen stieß er auf das Programm der Handwerkskammer für Unterfranken und war froh, hier eine Karriereberaterin an die Seite gestellt zu bekommen, die ihm bei der Ausbildungsplatzsuche half und auch sonst mit Rat und Tat für ihn da war. Inzwischen ist Weis Bäckermeister und unterrichtet als Fachlehrer an der Berufsschule. „Das ist der perfekte Job, den ich immer gesucht habe – ohne dass ich es vorher gewusst hätte“, erzählt er. Die Dinge hätten sich glücklich gefügt. Die damaligen Verlockungen des Geldes bewertet er heute anders: „Menschen sind erfolgreicher, wenn sie etwas machen, was sie gerne tun und was sie nachhaltig zufrieden macht.“ Seinen Umweg bereue er nicht, im Gegenteil. „Manchmal hat man das Ziel am Anfang vielleicht noch nicht so genau vor Augen. Durch meinen Weg ist mir klargeworden, was mir wirklich wichtig ist.“