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Sisters NetworkÜber Umwege ans Ziel

Sisters Network unterstützt junge Frauen mit Fluchtgeschichte bei der Berufsorientierung und Ausbildungsplatzsuche, damit sie ihre eigenen Wege finden - und später finanziell auf eigenen Beinen stehen können.

14.10.2020 - Michaela Ludwig, freie Journalistin

Lilith Buchartowski blickt in die Gesichter der jungen Frauen auf ihrem Bildschirm. „Wie steht es um euer Deutsch, wenn ihr so viel zu Hause seid?“, fragt die 27-Jährige. Die „Mädels“, wie sie sich untereinander nennen, seufzen. Doch Fatemeh hat einen Tipp. Ihre Nachhilfelehrerin habe geraten, jeden Tag ein paar Seiten in einem deutschen Roman zu lesen und das Gelesene zusammenzufassen. „Das hilft“, findet sie. Big Sister Buchartowski nickt.

Die Sozialarbeiterin arbeitet gemeinsam mit der Medienpädagogin Nina Soppa ehrenamtlich für Sisters Network. Seit mehr als einem Jahr trifft sich die Gruppe jeden Mittwoch in einem ruhigen Nebenraum der Hamburger Zentralbibliothek, nur wenige Minuten vom Hauptbahnhof entfernt. Während des Corona-Lockdowns saßen die 14 jungen Frauen und ihre Big Sisters jedoch zu Hause in ihren Gemeinschaftsunterkünften und Wohnungen vor Handy oder Laptop und diskutierten in Video-Konferenzen über das, was sie beschäftigt: von den Abschlussprüfungen über Ramadan in Corona-Zeiten bis hin zu Cybermobbing.

„Wir nehmen ihre Anliegen auf, geben aber auch Impulse zu Themen wie Frauenrechten, kulturellen Identitäten oder wie man ein Referat präsentiert.“ (Stephanie Landa)

„Wir nehmen ihre Anliegen auf, geben aber auch Impulse zu Themen wie Frauenrechten, kulturellen Identitäten oder wie man ein Referat präsentiert“, sagt Stephanie Landa. Die 54-Jährige hat das Netzwerk vor zwei Jahren als Projekt des gemeinnützigen Unternehmens Audiyou gegründet, das unter anderem eine Internet-Plattform zur Medienbildung betreibt. Sisters Network begleitet junge Frauen zwischen 16 und 21 Jahren, die „Unterstützung für den Übergang von Schule in Ausbildung suchen“, erläutert sie. Besonders groß sei der Bedarf bei Frauen mit Fluchtgeschichte in den Ausbildungsvorbereitungsklassen für Migranten – jedoch „steht das Angebot allen Hamburgerinnen offen“. Bisher gibt es drei Gruppen mit bis zu 14 Teilnehmerinnen. Die Big Sisters unterstützen bei Fragen rund um die Schul- und Ausbildungsplatzsuche. Ziel ist, dass die jungen Frauen „einen für sie passenden beruflichen Weg finden, um später finanziell auf eigenen Beinen stehen zu können“.

Das sei keineswegs selbstverständlich, berichtet Landa. „Die meisten Mütter sind nicht berufstätig und weibliche Erwerbsbiografien keine Normalität.“ Mit den Big Sisters können die jungen Frauen über Themen rund um die Berufsfindung sprechen und sich durch Rollenspiele möglichen Tätigkeiten annähern. Wichtig sind Vorbilder: So haben sie bereits eine Ärztin, eine Schriftstellerin, eine Bäuerin und eine Kommunalpolitikerin getroffen und zu deren beruflichem Alltag, aber auch zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie interviewt. „Wir ermuntern die Frauen, ihre Stärken und Wünsche zu erkennen und zu äußern“, sagt Buchartowski. Als Big Sister versteht sie sich als Brücke zu Menschen und Ideen. Sie wolle dabei unterstützen, „Menschen anzusprechen und eigene Netzwerke aufzubauen – jenseits ihrer ethnischen Communities“.

„Als Töchter, manchmal sogar Ehefrauen, sind sie stark in ihre Familien und Communities eingebunden. Andererseits sehen sie in der Schule und überhaupt in ihrem neuen Lebensumfeld Freiheiten, die sie vorher nicht kannten.“ (Britta Ratuschny)

Britta Ratuschny weiß, wie schwierig es für viele Jugendliche mit Fluchtgeschichte ist, in der neuen Heimat Fuß zu fassen. Die Sozialpädagogin an der Beruflichen Schule City Nord ist froh, dass sie ihre Schülerinnen in ein Angebot wie Sisters Network vermitteln kann. „Die jungen Frauen möchten sich integrieren. Dafür brauchen sie Orientierung sowohl in beruflicher als auch persönlicher Hinsicht“, bestätigt die Pädagogin. „Als Töchter, manchmal sogar Ehefrauen, sind sie stark in ihre Familien und Communities eingebunden. Andererseits sehen sie in der Schule und überhaupt in ihrem neuen Lebensumfeld Freiheiten, die sie vorher nicht kannten.“ Sisters Network unterstütze die jungen Frauen „sehr individuell, ohne vorgefertigte Standards“, diesen Spagat zu bewältigen.

Shaimas Vater und Bruder sind Informatiker. Die junge Syrerin interessiert sich jedoch viel mehr für Mode und zeichnet gern. Für ihre Eltern sei dies nicht mehr als ein Hobby. Unterstützt von Big Sister Soppa ist Shaima nun ihrem Traum vom Modedesign-Studium einen Schritt nähergekommen: Sie hat eine gymnasiale Oberstufe mit Kunstprofil gefunden und sich dort beworben. „Zu Hause in Syrien haben unsere Eltern uns unterstützt“, sagt Shaima. „Hier müssen wir ihnen helfen und viel erklären.“ Den nötigen Rückhalt, so Norhan, gebe den „Mädels“ dabei die Gruppe. „Wenn wir an uns glauben und uns gegenseitig anfeuern, können wir unsere Ziele erreichen.“

Weitere Kooperationen geplant

Die 18-Jährige lernt Einzelhandelskauffrau und ist die erste Auszubildende der Gruppe. Als sie vor vier Jahren vor dem syrischen Bürgerkrieg nach Hamburg flüchtete, träumte sie davon, zu studieren. Doch die Schule in der Hansestadt war mühsam, schweren Herzens entschied sie sich für eine Ausbildung. Ihren Traum hat sie nicht aufgegeben. „Danach werde ich das Abi machen.“ Denn heute weiß sie: „In Deutschland muss man manchmal Umwege gehen, um ans Ziel zu kommen.“

Für die meisten jungen Frauen sind die Big Sisters die einzigen „Deutschen“, zu denen sie ein enges Vertrauensverhältnis aufbauen. Gemeinsam entdecken sie Orte und Aktivitäten, die für viele Gleichaltrige selbstverständlich sind: Sie besuchen Museen, reisen ins Hamburger Umland, lernen Schlittschuhlaufen oder gehen ins Kino. In diesem geschützten Rahmen würden auch Probleme in der Familie angesprochen, so Buchartowski. In solchen Fällen erklären ihnen die Big Sisters, welche Freiheiten und Rechte junge Frauen in Deutschland haben. „Wir stülpen den Mädchen diese Lebensrealitäten nicht über, sondern gehen reflektiert in den Austausch.“ Bei Bedarf geben sie ihnen die Telefonnummern von Hilfseinrichtungen.

Mithilfe neuer Fördergelder entwickelt Landa das Netzwerk organisatorisch weiter: So sollen im Herbst drei weitere Gruppen geöffnet und Kooperationen mit weiteren Schulen geschlossen werden. Denn die Nachfrage – auch außerhalb Hamburgs – sei groß, so Landa.