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Krisenbewältigung in der KitaTrauerbegleitung für Kinder

„Kinder trauern, indem Momentaufnahmen aufflackern. Dann ist es wichtig, kurz und knapp zu antworten. Sie können nur das verarbeiten, wonach sie fragen“, sagt Heike Neyls. Die Sozialmanagerin leitet eine Kita des DRK in Hamburg.

15.02.2019 - Michaela Ludwig, freie Journalistin

  • E&W: Vor zwei Jahren verunglückte eines Ihrer Kita-Kinder tödlich. Als Einrichtung waren Sie doppelt getroffen, denn auch das jüngere Geschwisterkind wurde bei Ihnen betreut. Wie hat die Kita auf die schockierende Nachricht reagiert?

Heike Neyls: Wir haben sofort Kontakt zum „Hamburger Zentrum für Kinder und Jugendliche in Trauer“ aufgenommen und uns intensiv mit einer Trauerbegleiterin beraten, wie wir mit den Themen Tod und Trauer in der Kita umgehen sollten. Wir wollten die Eltern im Rahmen eines Elternabends ins Boot holen, bevor wir mit den Kindern sprechen. Die Trauerbegleiterin sollte uns dabei unterstützen.

  • E&W: Warum wollten Sie sich zunächst mit den Eltern abstimmen?

Neyls: Der Umgang mit Tod und Trauer ist sehr kontrovers: Einige Eltern hatten uns gebeten, ihren Kindern nicht von dem Tod des Kindes zu erzählen. Andere fanden es dagegen wichtig, dies zu tun. Jeder hat seine eigenen Erfahrungen und Prägungen. Für mich war klar, dass wir es thematisieren werden. Für die Eltern war es hilfreich, dies auch aus dem Mund einer Expertin zu hören.

  • E&W: Bis zum Elternabend haben Sie mit den Kindern kein Wort über den Tod des Jungen gesprochen?

Neyls: Der Elternabend fand zwei Tage später statt. Die Kinder hatten Gespräche mitbekommen und kamen mit immer neuen Geschichten über das Geschehene. Wir konnten ihnen nur sagen, dass wir nicht wissen, was passiert ist. Das war für die Erzieherinnen und Erzieher sehr schwer auszuhalten. Beim Elternabend berichtete die Trauerbegleiterin dann, wie Kinder mit Tod und Trauer umgehen und wie wir sie in diesem Prozess begleiten können. Am nächsten Morgen haben wir das Geschehene thematisiert – mit dem Rückhalt der Eltern.

  • E&W: Wie haben Sie das Gespräch gesucht?

Neyls: Wir haben nun auf die Fragen der Kinder reagiert. Als die ersten sagten „Ich habe gehört, er ist gestorben. Stimmt das?“, haben wir es bestätigt. Dann haben wir gefragt, wer noch etwas von diesem Kind weiß, und eine kleine Runde gemacht mit den Kindern, die dazu etwas sagen wollten.

  • E&W: Haben Sie dafür einen Rahmen geschaffen?

Neyls: Wir haben unsere täglichen Morgenkreise zeitlich verlängert und ganz bewusst darüber gesprochen, wer heute anwesend ist, wer fehlt, und wo das Kind ist. Die Antworten nahmen wir dann auf und fragten: „Was meinst du, warum fehlt er?“ Dann konnten die Kinder erzählen. Weil wir unterschiedliche Altersklassen haben, war es ganz wichtig, nur auf Nachfrage zu reagieren und knappe, kurze Antworten zu geben.

  • E&W: Warum ist es wichtig, so kurz und knapp zu informieren?

Neyls: Kinder trauern, indem Momentaufnahmen aufflackern. Sie fragen, wo der Junge ist, was er jetzt macht. Dann kann man sagen, man weiß es nicht, und fragen, was sie sich vorstellen. Vielleicht erzählen die Kinder, dass der Junge auf einer Wolke sitzt oder gar nicht mehr da ist. Darauf sagt die Erzieherin: „Ich weiß es auch nicht, aber das kann schon sein.“ Das reicht den meisten schon, und sie spielen weiter. Sie können nur verarbeiten, wonach sie fragen.

  • E&W: Wie sind Sie mit dem Bruder des verstorbenen Kindes umgegangen?

Neyls: Er kam erst einige Wochen später wieder in die Kita. Mit dem Vater war verabredet, dass er ihn nach der üblichen Bringzeit bringt, um nicht den anderen Eltern zu begegnen – das hätte er nicht ausgehalten. Für das Kind war es dann schwer, in die Gruppe reinzukommen. Die Erzieher haben sich speziell um ihn gekümmert, viel bei ihm gesessen, mit ihm gemalt oder vorgelesen. Auch seine Fragen haben wir kurz und klar beantwortet. Der Junge war sehr still, sehr zurückgezogen und wollte gar nicht bei uns sein. Dann blieb er einige Monate zu Hause. Als er dann zurückkam, hatte er einen unglaublichen Schub gemacht. Es schien ihm wieder gut zu gehen.

  • E&W: Die Erzieherinnen und Erzieher waren ja nicht nur in ihrer professionellen Rolle gefragt, sondern auch als Menschen betroffen. Wie haben Sie sie unterstützt?

Neyls: Am Elternabend war das gesamte Kollegium anwesend. Auch die Kolleginnen und Kollegen hatten viele Fragen zu Kindern in Trauer, die sie hier einer Fachkraft stellen konnten. Ebenso wichtig war, die eigenen Sorgen und Nöte loszuwerden. Den Eltern wurde dadurch bewusst, dass es auch für die Erzieher eine schwierige Situation war. Das war die fachliche Rückversicherung.

  • E&W: Und die persönliche?

Neyls: Ich habe eine psychologische Beratungsausbildung. In der ersten Zeit haben wir viele Gespräche geführt und ich habe versucht, oft präsent zu sein. Nach einigen Wochen haben wir als Einrichtung und dann in den Teams mit einer Supervisorin gearbeitet. Jedem stand frei, zusätzlich eine Einzelsupervision zu machen. Es wurde deutlich, dass einige das Ereignis sehr gut verkraften konnten. Anderen ging die Kraft aus, weil plötzlich eigene Erinnerungen und Erfahrungen hochkamen. Wenn es gar nicht mehr ging, habe ich sie für einige Tage beurlaubt.

  • E&W: Gab es in der Kita einen Ort der Trauer oder Erinnerung?

Neyls: Einige Kinder haben ein großes Bild gemalt. Das stand zunächst im Gruppenraum, dann haben wir es den Eltern bei der Beerdigung geschenkt. In den ersten Monaten haben wir den Jungen bei den Morgenkreisen immer einbezogen. Wir haben gesagt, dass er fehlt. Das thematisieren wir jetzt nicht mehr. Außerdem ließen wir über Monate sein Foto und die persönlichen Sachen an der Garderobe hängen. Das war für eine Kollegin sehr schwer. Doch ich wusste, dass es richtig war: Für „verwaiste“ Eltern ist es das Schlimmste, wenn Bild und Erinnerungsstücke verschwinden.

  • E&W: Was hat sich in der Kita durch das Ereignis verändert?

Neyls: In den ersten Monaten hatte sich eine gewisse Ängstlichkeit breitgemacht, es wurden weniger Ausflüge gemacht. Doch das hat sich wieder gelegt. Was man rückblickend -sagen kann: Das Erlebnis hat Team und Gruppen zusammengeschweißt. Es war eine sehr schwere Zeit, aber wir sind gut und positiv herausgegangen. Das haben uns auch die Eltern zurück-gemeldet.

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