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Thüringer Altlasten

08.05.2018 - Jürgen Amendt, Redakteur „neues deutschland“

In Thüringen ist der Personalnotstand an Schulen und Kitas das Resultat einer jahrelangen verfehlten Politik. In Zeiten fallender Geburtenraten sind Pädagoginnen und Pädagogen entlassen worden, die heute angesichts steigender Kinderzahlen fehlen.

Zeugnisse ohne Noten – was für Schülerinnen und Schüler ein Traum ist, wurde in Thüringen zum Ende des ersten Schulhalbjahres 2017/18 zum bildungspolitischen Albtraum. Landesweit gab es in Hunderten Schulklassen Zeugnisse, die teilweise große Lücken enthielten: Fächer wie Sport, Musik, Kunst, Ethik, Physik, Chemie oder Biologie wurden aufgrund des Ausfalls von Unterricht nicht bewertet. Grund dafür war der anhaltende Lehrkräftemangel im Land. Das Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport (TMBJS) spricht von einem „strukturellen Problem“. Die Vorgängerregierungen hätten in den vergangenen 20 Jahren „kontinuierlich Lehrerstellen abgebaut“, sagt der Sprecher des Ministeriums, Frank Schenker. Ihren traurigen Höhepunkt hatte diese Entwicklung Schenker zufolge 2008, als lediglich fünf neue Lehrkräfte eingestellt worden seien. Thüringen wird seit Dezember 2017 von einer Koalition aus Linkspartei, SPD und Grünen regiert, davor wurde das Land von der CDU geführt.

Als Notmaßnahme kündigte Bildungsminister Helmut Holter (Die Linke) an, mit Beginn des neuen Schulhalbjahres 177 Lehrkräfte zusätzlich einzustellen. Die Neueinstellungen seien ein Tropfen auf den heißen Stein, kommentiert die Vorsitzende der GEW Thüringen, Kathrin Vitzthum, diese Entscheidung. „Damit werden die größten Löcher gestopft; für das neue Schuljahr braucht es deutlich mehr Neueinstellungen.“ Auch die im Doppelhaushalt 2018/19 von der rot-rot-grünen Landesregierung zusätzlich eingeplanten 600 befristeten Stellen seien keine nachhaltige Lösung. Um den Personalbestand an den Schulen langfristig zu sichern, müssten unbefristete Stellen geschaffen werden.

Das nötige Geld sei da, sagt Vitzthum. Bei Neueinstellungen wegen des altersbedingten Ausscheidens von Kolleginnen und Kollegen spare das Land Geld – schätzungsweise fünf bis sieben Millionen Euro –, da die „Neuen“ in der Regel in der untersten Stufe der Tarif- oder Besoldungstabelle anfangen. Rot-Rot-Grün fürchte aber offensichtlich die Kritik anderer Bundesländer – Thüringen sei ein so genanntes Nehmerland im Länderfinanzausgleich und stehe unter politischem Druck, Personalkosten im öffentlichen Dienst zu sparen. Eine langfristige Personalplanung fordert auch Rüdiger Schütz. Schon vor 15 Jahren habe die Gewerkschaft darauf hingewiesen, dass das Land zu wenig in die Lehrkräfteausbildung investiere und dies bei steigenden Schülerzahlen zu Engpässen führen werde, sagt der Leiter der Arbeitsgruppe Schulleiterinnen und Schulleiter der thüringischen GEW. „Diese Situation ist jetzt eingetreten.“

„Die Zahl der Erkrankten oder Langzeiterkrankten ist in vielen Grundschulen epochal hoch. Viele Erzieherinnen und Erzieher müssen vormittags bei der Betreuung der Kinder einspringen, wenn Lehrkräfte ausgefallen sind.“ (Peter Seifert)

„Lehrkräftemangel gibt es über alle Schulformen hinweg“, ergänzt Peter Seifert. Besonders dramatisch sei die Personallücke in den Regelschulen, zunehmend allerdings auch in den Grundschulen, sagt der 59-jährige Leiter der Hans-Christian-Andersen-Grundschule in Walschleben nahe der Landeshauptstadt Erfurt. Hier machten sich die steigenden Schülerzahlen, die Pensionierung, das vorzeitige Ausscheiden aus dem Schuldienst und der Krankenstand der Pädagoginnen und Pädagogen bemerkbar.

Die Probleme bei der Personalbeschaffung kennt Seifert zur Genüge. „Wir sind eine dreizügige Grundschule mit 211 Schülerinnen und Schülern, im nächsten Schuljahr werden es 15 Kinder mehr sein.“ Seifert braucht nicht nur neue Lehrkräfte oder eine höhere Stundenzuweisung; Mangel herrscht auch bei den Hort-Erzieherinnen. Aus seiner Tätigkeit als GEW-Vertreter im Hauptpersonalrat beim Bildungsministerium weiß Seifert, dass er mit seinen Personalproblemen nicht allein ist: „Die Zahl der Erkrankten oder Langzeiterkrankten ist in vielen Grundschulen epochal hoch. Viele Erzieherinnen und Erzieher müssen vormittags bei der Betreuung der Kinder einspringen, wenn Lehrkräfte ausgefallen sind.“

Als langzeiterkrankt zählen Arbeitskräfte, die ohne Unterbrechung mehr als sechs Wochen krank sind. Häufig leiden diese unter psychosomatischen Erkrankungen; überproportional häufig melden sich ältere Kolleginnen und Kollegen krankheitsbedingt vom Schuldienst ab. Angesichts eines Altersdurchschnitts von rund 55 Jahren schnellte in den vergangenen Jahren die Zahl der langzeiterkrankten Lehrkräfte nach oben. 2016 stieg sie nach Angaben der Landes-GEW von weniger als 600 auf über 800, zählt man die berufsbildenden Schulen hinzu sogar auf rund 950. Von den landesweit rund 17.400 Lehrerinnen und Lehrern standen also gut 5,5 Prozent langfristig oder dauerhaft nicht für den Unterricht zur Verfügung.

„Wer Qualität in der frühkindlichen Förderung will, der muss endlich für die wissenschaftlich empfohlene Personalausstattung mit einem Schlüssel von 1:3 und für gute, tariflich gesicherte Arbeitsbedingungen in den Kindertageseinrichtungen sorgen.“ (Bettina Löbl)

Viele Grundschulen seien dazu übergegangen, die Stunden, die für Musik, Sport, Kunst, Werken vorgesehen sind, für die Hauptfächer Deutsch, Mathe, Heimat- und Sachkunde zu nutzen, damit diese Fächer so selten wie möglich ausfallen, beschreibt Seifert die Folgen. Die Regelschulen – das sind in Thüringen die im Jahr 1990 zusammengelegten Haupt- und Realschulen – und die Gymnasien könnten auf solche Lösungen allerdings nicht zurückgreifen. Hier falle der Unterricht in Mathe, Chemie, Physik oder Deutsch „halt dann ganz aus“.

Im Bereich der frühkindlichen Pädagogik sieht es nicht besser aus. Rechnerisch könnten die 31 Fachschulen für Sozialpädagogik und drei Hochschulen mit ihren jährlich knapp 1.000 Absolventinnen und Absolventen den Personalbedarf der Kitas zwar decken. Das Land verliere aber viele fertig Ausgebildete an westliche Bundesländer, sagt die Kita-Referentin der Landes-GEW, Nadine Hübener. Außerdem bilde Thüringen „breit aus, also auch für den Bereich Schulhort und Jugendhilfe, sodass nicht alle Absolventinnen und Absolventen für den Bereich Kita zur Verfügung stehen“. Beim TMBJS sieht man vor allem die freien Träger in der Verantwortung. Einige von ihnen bezahlten die Beschäftigen nicht in Anlehnung an den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD), so dass sich viele Neu-Erzieherinnen für eine Stelle in einem anderen Bundesland entscheiden.

Auch Bettina Löbl sucht händeringend neue Erzieherinnen und Erzieher. Die 47-Jährige leitet eine Kita eines freien Trägers in Erfurt mit 147 Kindern ab zwei Jahren, die von 18 Erzieherinnen pädagogisch betreut werden. Natürlich halte man die gesetzlichen Rahmenbedingungen ein, sagt Löbl, aber schon die normalen Ausfallzeiten aufgrund von Erkrankungen und Schwangerschaften sowie des hohen Altersdurchschnitts der Beschäftigten sorgten für eine permanente Überlastung des Personals. Es sei 5 vor 12, warnt Löbl. Insbesondere bei den für die Finanzierung der Kindertageseinrichtung zuständigen Kommunen stecke man parteiübergreifend trotz der notwendigen Investitionen in die frühkindliche Förderung den Kopf häufig in den Sand. „Wer Qualität in der frühkindlichen Förderung will, der muss endlich für die wissenschaftlich empfohlene Personalausstattung mit einem Schlüssel von 1 (Fachkraft):3 (Kinder) und für gute, tariflich gesicherte Arbeitsbedingungen in den Kindertageseinrichtungen sorgen.“

  • Zahlen und Fakten:
Die niedrigste Zahl an Schülerinnen und Schülern verzeichnete die amtliche Statistik mit knapp 234.000 für das Schuljahr 2012/13, seitdem steigt sie Jahr für Jahr wieder an. Im aktuellen Schuljahr besuchen etwas mehr als 242.000 Kinder und junge Menschen in Thüringen allgemeinbildende sowie berufsbildende Schulen. Die Zahl der Lehrkräfte hat sich von 2013 bis 2017 dagegen kaum erhöht: Im Schuljahr 2012/13 beschäftigte das Land rund 21.400 Pädagoginnen und Pädagogen, im vergangenen Schuljahr – die Zahlen für das aktuelle Jahr liegen noch nicht vor – waren es knapp 400 mehr. Zu Beginn des Schuljahres 2014/15 konnten aufgrund des Personalmangels 2,6 Prozent der Unterrichtsstunden nicht erteilt werden; bis Anfang des laufenden Schuljahres erhöhte sich der Unterrichtsausfall auf 4,1 Prozent. Erzieherinnen und Erzieher in Thüringen schneiden bei der Bezahlung im Vergleich mit anderen Bundesländern schlecht ab. Nach einer Studie der Landesarbeitsagentur aus 2017 beträgt ihr Vollzeitgehalt im Schnitt monatlich 2.783 Euro brutto. Nur Erzieherinnen in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern bekommen weniger. Das Gehaltsgefälle zu Hessen beträgt etwa 357 Euro monatlich. Dies sei einer der Gründe, warum knapp 1.200 Erzieherinnen und Erzieher täglich zur Arbeit in benachbarte Bundesländer fahren, heißt es in der Studie. Im Gegenzug pendelten aus anderen Bundesländern nur 740 Erzieher nach Thüringen. Nach Angaben des Thüringer Landesamtes für Statistik sind zurzeit rund 40 Prozent der knapp 23.000 Erzieherinnen und Erzieher in den Einrichtungen über 50 Jahre alt.
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