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MissbrauchTatort Odenwaldschule

Über Jahrzehnte sind Schülerinnen und Schüler an der Odenwaldschule genötigt, vergewaltigt und emotional ausgebeutet worden. Die Aufarbeitung dieser Verbrechen, der sich zwei Studien widmen, ist auch eine Geschichte des Versagens.

13.06.2019 - Helga Haas-Rietschel, Redakteurin der E&W

Ihr versage die Stimme immer dann, erzählt Sabine P., wenn sie, die ehemalige Odenwaldschülerin, an die sexuelle Gewalt des Mathelehrers Jürgen K. im VW-Bus erinnert werde. Sabine P., von 1972 bis 1976 an der südhessischen Internatsschule, ist fast 60 Jahre alt. Trotzdem stecke sie noch ziemlich in der „Geschichte“ drin. Ihr sei das für sie Schlimmste widerfahren, was einem Mädchen im Alter von knapp 13 Jahren passieren kann. Einer der Haupttäter, eben jener Jürgen K., hatte sie in einer Nacht, die sie, gemeinsam mit anderen Schülern, in dessen VW-Bus auf einer Frankreichfahrt verbrachte, mehrmals sexuell bedrängt. Lehrer K. habe sich jahrelang „an Mädchen und Jungen vergriffen. Hauptsache, sie hatten noch keine Haare“. Sabine P. ist ihrem Peiniger im Internat aus dem Weg gegangen, hat jeglichen Kontakt zu ihm abgelehnt, jahrzehntelang geschwiegen. Als sie sich schließlich einer Lehrerin anvertraute, sei nichts passiert. „Am Ende dachte ich, meine Wahrnehmung sei falsch.“ Bis 2010 hat sie damit gelebt.

Zeugnisse der Betroffenen

Eine Quelle von unschätzbarem Wert seien die Zeugnisse der Betroffenen, so Prof. Heiner Keupp, als er seine Studie Die Odenwaldschule als Leuchtturm der Reformpädagogik und als Ort sexualisierter Gewalt kürzlich auf einer Konferenz in Darmstadt vorstellte. Zu der Tagung hatte das Hessische Landesarchiv gemeinsam mit der „Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ eingeladen. Auf der Tagesordnung: die Aufarbeitung monströser Taten – Vergewaltigungen und sexuelle Nötigungen in Ober-Hambach. Die Teil-Untersuchung des Wissenschaftlerteams der Uni München um den Psychologen Keupp, bereits Ende Februar veröffentlicht, basiert auf Interviews vor allem mit Betroffenen.

„Die Odenwaldschule als Ort des Verbrechens sexuellen Missbrauchs ist bezeugt, belastbare Fakten sind über das Tätersystem dokumentiert“, hält Prof. Jens Brachmann, Uni Rostock, fest, Autor der im Mai veröffentlichten zweiten Teil-Studie Tatort Odenwaldschule. Anders als Keupp, dessen sozialpsychologische Befragung sich auf die Sicht und die Erfahrungen der Opfer fokussiert, konzentriert sich Brachmann auf die Institution und Organisation der Internatsschule sowie auf die Frage nach einem Tätersystem. Zirka 400 Meter Aktenmaterial – darunter Schülerlisten, Fotos, Videos, Sitzungsprotokolle - des Schularchivs haben die Rostocker Autoren durchforstet und ausgewertet.

Ihr Fazit: Die pädosexuelle Gewalt an der Odenwaldschule sei Ausdruck eines „Systemversagens“. Die Zahl der Opfer liegt nach Angaben der Forscher seit 1969 mindestens im mittleren, wenn nicht sogar im oberen dreistelligen Bereich. Das bedeute, vermutet Brachmann, dass 500 bis 900 Heranwachsende dem Druck eines Tätersystems ausgeliefert waren. Und: Es gab Mitwisserschaft, passive wie aktive Unterstützung und strukturelle wie kulturelle Rahmenbedingungen, Machtstrukturen und persönliche Allianzen, die den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen über Jahrzehnte ermöglichten.

Flankenschutz der Elite

Die Brachmann-Studie analysiert nicht nur Organisation und Struktur der Odenwaldschule, sondern gibt auch exemplarisch einen Einblick in „Tätersysteme“ geschlossener Institutionen, gleich, ob es sich um Internate oder Heime handelt. Kindesmissbrauch in Institutionen, resümiert der Erziehungswissenschaftler, müsse als „systemischer Bankrott und als kriminelle Fehlleistung“ der jeweils betroffenen Einrichtung angesehen werden. Durch Kooperation mit Mittätern und Mitwissenden und deren Schweigen und Vertuschen sei es Täterkollektiven gelungen, ein für ihre Übergriffe passendes Umfeld zu schaffen. Deshalb könnten die Gewaltverbrechen im Hambachtal nicht mehr einfach „personifiziert und damit historisiert“ werden, hebt Brachmann hervor. Über einen langen Zeitraum hinweg – das legt die Aufarbeitung der Forscher nahe – schützte ein „Schweigekartell“ aus Teilen einer „linksliberalen Kulturelite“, der Fachöffentlichkeit und der Medien das Tätersystem an der OSO.

Der Reformpädagoge Hartmut von Hentig war mit der Odenwaldschule nicht nur ideell verbunden. Viel stärker noch war er es durch die Person seines Lebensgefährten Gerold Becker. Becker war seit 1969 Lehrer an der OSO und von 1972 bis 1985 Schulleiter in Ober-Hambach, er verstarb 2010. Unter den Haupttätern der mehr als zwei Dutzend Täter – davon mindestens fünf Täterinnen – nimmt Becker eine Sonderrolle ein. Er war der Mittelpunkt eines Tätersystems. Mutmaßlich zählten laut Studie weit mehr als 100 Kinder und Jugendliche allein zu seinen Opfern. Becker war „Intensivtäter“, nötigte die Schüler, bedrängte sie sexuell, schreckte vor Gewalt nicht zurück.

Warum konnte das „System Becker“ über einen so langen Zeitraum funktionieren? Becker kooperierte Brachmann zufolge einerseits mit neu an die Schule gelangten „pädophilen Lehrern aus jugendbewegten Kreisen“. Zum anderen „eliminierte er jegliche Opposition im Kollegium“. Macht und Einfluss sicherte er sich über Abhängigkeiten. Entstehen konnte das „System Becker“, bilanzierten die Rostocker Forscher, durch den „Flankenschutz von Teilen der Kulturelite der alten Bundesrepublik“ – vielen galt Becker als „Star am Pädagogen-Himmel“.

„Raum der Regellosigkeit“

1998 machte ein Artikel von Jörg Schindler in der Frankfurter Rundschau erstmals auf die Missbrauchsfälle an der OSO und den Täter Becker aufmerksam. Doch die Öffentlichkeit reagierte kaum auf die „Causa Becker“. Nur zwei Regionalzeitungen, eine war das „Darmstädter Echo“, griffen den Skandal, über den FR-Redakteur Schindler berichtete, auf. „Es wurde immer die Institution geschützt, der gute Ruf der Schule stand über allem“, kommentiert Ex-OSO-Schülerin Sabine P.

Nach Beckers Ausscheiden 1985 sei das einstige reformpädagogische Vorzeigeinternat „curricular, schulstrukturell und unterrichtsorganisatorisch verwahrlost“ gewesen, stellt Brachmann fest. Doch erst ab 2010 sei die OSO „entmystifiziert“ und als „manipulatives und kindesschädigendes System enthüllt“ worden, konstatiert Keupp.

Teil des Tätersystems war das Familienkonzept der OSO: Die Schülerinnen und Schüler lebten mit ihrem Familienoberhaupt in Kleingruppen in abgeschlossenen Wohneinheiten. Diese Gemeinschaften boten Geborgenheit, zugleich begünstigten sie Grenzverletzungen im Lehrer-Schüler-Verhältnis, machten die Trennlinie zwischen Distanz und Nähe unscharf. „In manchen Familien“, berichtet Keupp, sei „alles erlaubt gewesen“. Unterstützt durch libertäre Ideen der 1968er sei unter Beckers Leitung ein „Raum der Regellosigkeit“ entstanden. Dieser verschaffte den Tätern besseren Zugriff auf ihre Opfer. Die leiden bis heute unter den Übergriffen.

Fragen bleiben

Sabine P. verließ Ober-Hambach ohne Schulabschluss, genauso wie Max M., der seine Zeit an der Odenwaldschule – 1963 bis 1975 – als funktionaler Analphabet beendete. Er kam – aufgrund fehlender Kontrolle in einem regellosen System – ab der 5. Klasse kaum mehr zum Unterricht, trank mit elf Jahren einen Kasten Bier in der Woche. „Ich hatte mehrere Täter und eine Täterin“, sagt Max M. Und: Er sei nicht das „geliebte“ Opfer gewesen, sondern eher „der Lückenbüßer, der durchgereicht worden ist – seit meinem elften, zwölften Lebensjahr“. Wie er das alles ausgehalten hat? Der Suizid-Gedanke sei Teil seines Lebens. Er sei die „einzige Flucht“, die er noch habe, wenn es nicht mehr auszuhalten wäre.

Die Forscher kennen das Problem. Der ganze Aufarbeitungsprozess über die Odenwaldschule, so Brachmann, besitze eine hohe Dynamik. Betroffene seien zwar erleichtert darüber, dass er stattfindet. Doch die Forschungsergebnisse könnten die Schädigungen der Opfer nicht kompensieren. Das weiß auch der Opferverein Glasbrechen, der die Forscherteams von Anfang an – seit 2014 – bei ihrer -Arbeit stark unterstützt hat. Das Unrecht der Vergangenheit, resümiert die Vorsitzende der „Unabhängigen Aufarbeitungskommission zum sexuellen Kindesmissbrauch“, Sabine Andresen, in Darmstadt habe Bedeutung für Gegenwart und Zukunft.

Zur Gegenwart gehört, dass 2017 laut polizeilicher Kriminalstatistik deutschlandweit rund 13.500 Kinder und Jugendliche als Opfer sexualisierter Gewalt und Ausbeutung registriert worden sind. Fragen bleiben. Kann die Aufklärungsarbeit der Forscherteams Prävention und Schutz der Kinder künftig verbessern? Warum versagte die Erziehungswissenschaft 1998? Und warum danach? Setzte sie sich ausreichend mit der Rolle der reformpädagogischen Ikone von Hentigs auseinander? Warum haben staatliche Instrumente nicht gegriffen? Und warum ist die Schulaufsicht ihrer Kontrollfunktion nicht nachgekommen? Warum ließ sich die Fachöffentlichkeit von Pädagogen wie Becker, der wie andere OSO-Täter kein Lehrerexamen hatte, blenden? Warum haben Eltern weggeschaut und ihren Kindern nicht geglaubt? Nicht zuletzt die Frage, die der Erziehungswissenschaftler Prof. Jürgen Oelkers aufwirft: Inwieweit seien reformpädagogische Ideen konstitutiv für die sexuelle Gewalt an der Odenwaldschule?

2010, nachdem der sexuelle Missbrauch am katholischen Canisius-Kolleg in Berlin aufflog, explodierte die Debatte über sexualisierte Gewalt an der Odenwaldschule. Zu spät sei der Öffentlichkeit klar geworden, dass es sich dort um ein Nest von Pädophilen gehandelt habe, berichteten Ende März 2019 auf der Darmstädter Tagung zur „Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ Claudia Burgsmüller und Brigitte Tilmann. Die beiden Juristinnen waren 2010 von der damaligen OSO-Schulleiterin, Margarete Kaufmann, als Erste mit der Aufklärungsarbeit beauftragt worden. 2014 – parallel zum geplanten Forschungsbeginn der Teams von Prof. Heiner Keupp und Prof. Jens -Brachmann – tauchten erneut Verdachtsfälle auf. Im Zuge dessen verlor die Schule dann nicht nur endgültig ihre Reputation, sondern musste nach Insolvenzantrag im Juni 2015 den Schulbetrieb einstellen.

 

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