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TALIS-Studie: "Verkannte Helden des Alltags“

Die meisten Lehrkräfte in Deutschland sind motiviert, engagiert und fleißig – allen schwierigen Arbeitsbedingungen zum Trotz. Dies ist das Ergebnis einer an das internationale TALIS-Projekt angelehnten GEW-Studie, die heute in Berlin vorgestellt wurde.

18.06.2009

"Die meisten Lehrerinnen und Lehrer sind für mich verkannte Helden des Alltags.“ Mit diesen Worten kommentierte Marianne Demmer, Vize-Vorsitzende der GEW und für den Schulbereich verantwortlich, heute die Ergebnisse einer Online-Lehrerbefragung, die die Bildungsgewerkschaft Ende 2008 gestartet hatte.

Lehrerinnen und Lehrer präsentierten sich laut GEW-Studie "weder als faule Säcke noch arme Schweine", sondern als mehrheitlich selbstbewusste Männer und Frauen, die trotz hohen Durchschnittsalters offen sind für Selbstreflexion und alles, was im Alltag hilft, das Lehren und Lernen zu verbessern, die wissen, wie es gehen könnte, aber oft nicht (mehr) können.

Nach Angaben Demmers müssen die Lehrerinnen und Lehrer teilweise unter schwierigen Bedingungen arbeiten: in zu kleinen Räumen mit zu vielen Schülern, Räumen, die entweder überhitzt oder zu kalt und zu laut sind. Wenn die "Helden des Alltags“ Pech haben, arbeiten sie zudem an einer Schule mit baulichen Mängeln (55 Prozent), zum Teil regnet es durchs Dach.

Vielfach haben sie mit unzulänglichen Lern- und Unterrichtsmaterialien zu kämpfen, es fehlt an Computern, die Schulbücherei ist in einem schlechten Zustand. Zwischen 40 und 60 Prozent der Schulen sind nach Angaben der Schulleitungen davon betroffen – national ebenso wie international.

Die allermeisten Lehrkräfte arbeiten dazu an einer Schule, an der es kein oder zu wenig unterstützendes Personal wie Sozialarbeiter, Schulpsychologen oder Logopäden gibt. 82 Prozent der befragten Schulleitungen geben das an, fast doppelt so viele wie im internationalen Durchschnitt (46 Prozent).

Mit dem Fehlen schulnahen Unterstützungspersonals mag auch zusammenhängen, dass die Lehrkräfte in Deutschland mehr Lernzeit mit Unterrichtsstörungen verlieren als der internationale Durchschnitt. (TALIS-GEW 17 Prozent; TALIS OECD 13 Prozent). Zwar sind die Schülerinnen und Schüler in der GEW-Stichprobe insgesamt ein klein wenig braver als ihre internationalen Kollegen; bei den Unterrichtsstörungen und im Gebrauch einer vulgären und ordinären Ausdrucksweise sind sie allerdings "Spitze“.


Profession im Umbruch

Hinzu kommt, dass viele Lehrkräfte nicht mehr die Jüngsten sind. 42 Prozent von ihnen und sogar 72 Prozent der Schulleiter sind älter als 50 Jahre. Im internationalen Vergleich sind nur etwas mehr als ein Viertel die Lehrerinnen und Lehrer älter als 50 Jahre. Die Lehrerschaft in Deutschland ist derzeit eine Profession im Umbruch, die sich jedoch bewundernswert hält.

Das Interesse an beruflicher Weiterentwicklung ist laut Studie bei vielen Lehrkräften so stark ausgeprägt, dass dazu sogar finanzielle Einbußen in Kauf genommen werden. Deutlich mehr als 50 Prozent der Lehrkräfte berichten, dass sie die besuchten Fortbildungsveranstaltungen ganz oder teilweise selbst bezahlt haben. In der internationalen TALIS-Stichprobe gab dies nur etwa ein Drittel der Befragten an.

Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland bilden sich laut Demmer zu fast 100 Prozent regelmäßig fort. Sie wünschen sich mehr Feedback sowie die Evaluation und Beurteilung der eigenen Arbeit – vorausgesetzt, die Verfahren sind fair und nützlich.

Vielfältige Herausforderungen

Eine große Herausforderung für alle Beteiligten ist der richtige Umgang mit Kolleginnen und Kollegen, die dauerhaft schlecht arbeiteten. Ein Fünftel der befragten Schulleitungen in Deutschland berichtet beispielsweise von Mängeln bei der Unterrichtsvorbereitung (bei TALIS international war dies fast ein Viertel).

Die größte Herausforderung ist jedoch laut Demmer, "dass Schulträger und Politik endlich begreifen, dass effektives Lehren und Lernen anregende, wissensreiche, kommunikative Lernumgebungen mit guten Rahmenbedingungen braucht und nur gemeinsam mit den Lehrer/innen, nicht gegen sie zu erreichen ist. In der Lehrerschaft ist der gute Wille vorhanden, er allein reicht aber nicht und verfliegt, wenn er ausgebeutet wird".

Den größten Handlungsbedarf sieht die GEW in folgenden Fragen:

  • Bekämpfung des Lehrermangels und Management des Generationenwechsels sowohl bei Lehrkräften wie bei Schulleitungen,
  • Aus- und Fortbildung im Umgang mit einer heterogenen Schülerschaft und im Vermeiden von Unterrichtsstörungen,
  • anregungsreiche, gesunde Lernumgebungen; hier sind vor allem auch die Schulträger gefragt,
  • Einstellen von Unterstützungspersonal "in großem Stil“,
  • individuelle Konzepte für Lehrkräfte, die ihren Aufgaben nicht gewachsen sind,
  • folgenreiche Evaluation und Feedback, die zu Verbesserungen führen. Evaluation um der Evaluation willen ist für die Katz.

Info:

Die Kultusministerkonferenz (KMK) beschloss im Herbst 2005 ohne Angabe von Gründen, sich nicht an der geplanten OECD-Lehrerstudie zu beteiligen. Die GEW forderte die KMK in der Folgezeit mehrfach auf, diesen Beschluss rückgängig zu machen und doch an TALIS teilzunehmen, erhielt jedoch nur ablehnende Antworten.

Im Herbst 2008 entschloss sich die GEW zu einer eigenen Online-Befragung auf zwei Ebenen: Zum einen wurden in einer für die GEW repräsentativen E-Mail-Umfrage Mitglieder auf der Basis der OECD-Fragebögen um ihre Meinung gebeten. Zum anderen konnten über die Homepage der GEW auch Nicht-Mitglieder an einer separaten Befragung teilnehmen.

Die Umfrage wurde im Dezember 2008 durchgeführt und im Anschluss durch Prof. Matthias von Saldern (Leuphana Universität Lüneburg) ausgewertet.

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