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LehrkräfteausbildungStudieren für die inklusive Schule

Die GEW hat „Leitlinien für eine innovative Lehrer_innenbildung“ entwickelt: Praxisorientierter soll das Studium werden, Lehrkräfte aber auch befähigen, ihre Arbeit immer wieder zu hinterfragen. In Bielefeld wird dies bereits praktisch umgesetzt.

11.09.2018 - Anna Lehmann, taz-Redakteurin

Mit der Qualitätsoffensive Lehrerbildung haben Bund und Länder vor drei Jahren einen Prozess in Gang gesetzt, der die angestaubte Ausbildung von Lehrkräften in Deutschland nachhaltig verbessern soll. In einem ersten Wettbewerb suchte ein Auswahlgremium 49 vielversprechende Projekte aus. Eine der Gewinnerinnen ist die Universität Bielefeld mit ihrem Antrag „Biprofessional“. Bis 2020 soll eine „Professional School“ entstehen, die eine praxisorientierte, forschungsbasierte und inklusionssensible Lehrkräftebildung anbietet.

Damit das gelingt, müssen neun Fakultäten zusammenarbeiten, 80 Kolleginnen und Kollegen an einem Strang ziehen, etwa 4.000 Studierende werden einbezogen. „General“ der Bielefelder Qualitätsoffensive ist Martin Heinrich, Professor für Erziehungswissenschaft. Sein Mailprogramm verschickt eine automatisierte Antwort: „Aufgrund anhaltend starker Arbeitsüberlastung bitte ich um Verständnis für verzögerte Antworten.“ Verständlich. Am Telefon nimmt sich Heinrich Zeit. 

Die Vielzahl der Akteurinnen und Akteure, erklärt Heinrich, mache ihm keine Angst. „Als Reformuniversität der 1970er-Jahre hatten wir immer stark dezentrale Strukturen.“ Schön und gut, aber kann es gelingen, mit diesem heterogenen Haufen bis 2020 die Lehrkräftebildung umzukrempeln? „Wir haben uns eineinhalb Jahre Zeit genommen zu erfragen, welche Potenziale wir heben können und waren gut vorbereitet“, sagt Heinrich. „Wir konnten daher sehr schnell und sehr direkt einsteigen.“

„Mit meinem Wissen von heute würde ich rückblickend anders studieren.“ (Julia Schweitzer)

Im ersten Schritt sind drei Cluster entstanden: „Forschendes Lernen“, „Praxisorientierung“ und „Inklusionssensible Diagnostik“. Diese Cluster bündeln 24 verschiedene Forschungs- und Entwicklungsprojekte, in denen an innovativen Lehrkonzepten gearbeitet wird. Dabei können die Bielefelder auf Fundamenten aufbauen, die teilweise schon vor 40 Jahren gelegt wurden. Das Forschende Lernen etwa, das Lernen nicht allein als Wissensanreicherung versteht, sondern als Prozess, in dem die Lernenden als Forschende im Mittelpunkt stehen. Viele Hochschulen entdecken diesen Ansatz gerade für sich. „Ursprünglich stammt die Idee von einem Bielefelder Kollegen“, betont Heinrich. Nun soll der Ansatz auf Fachdidaktiken etwa in Mathe oder Geschichte übertragen werden. 

„Du sollst nicht Gedanken, sondern denken lernen“ (Immanuel Kant) heißt eines der wissenschaftlichen Projekte im Cluster „Forschendes Lernen“. Hier wird ein Seminarkonzept für angehende Philosophielehrkräfte entwickelt, das ihnen auch als Leitfaden während des Praxissemesters an einer Schule im Masterstudium dient. Während dieser in Nordrhein-Westfalen obligatorischen Praxisphase müssen die angehenden Lehrkräfte in Bielefeld auch zwei Studienprojekte an der Uni absolvieren – kleine Beobachtungen, Schülerbefragungen oder ähnliches. 

„Aus meiner Erfahrung fokussieren viele sich erst einmal auf die Unterrichtstätigkeit und empfinden die Studienprojekte eher als Belastung“, erzählt Julia Schweitzer, die gerade ihr Lehramtsstudium für Sozialwissenschaften und Deutsch in Bielefeld abgeschlossen hat. Gleich nach dem Abitur an einem ländlichen Gymnasium hatte sie sich eingeschrieben. „Man merkt erst später im Studium, wie wichtig es ist, die eigene Schulbiografie auch kritisch zu hinterfragen und offen für Neues zu sein: Wie machen andere Schulen das, welche Konzepte gibt es noch?“ Schweitzer arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Qualitätsoffensive mit – und hat deren Auswirkungen im Studium noch nicht erfahren. Doch die Methoden, die im Cluster „Kritisch-reflexive Praxisorientierung“ entwickelt werden, hätten sie als Studentin auch interessiert. „Mit meinem Wissen von heute würde ich rückblickend anders studieren.“

Eine der Stärken des Ansatzes ist, dass viele wissenschaftliche Projekte bereits als Veranstaltungen angeboten werden – und so die Studierenden von heute gleichsam mitentwickeln können, was den nächsten Jahrgängen zugute kommen soll. Etwa das Projekt Tabula. In diesem absolvieren die Studierenden zunächst ein Praktikum in der Ferienschule, die der Verein Tabula für benachteiligte Schülerinnen und Schüler anbietet. Anschließend treffen sie sich einmal wöchentlich mit einem Jugendlichen und begleiten ihn oder sie durch das Schulhalbjahr. An der Uni bereiten die Studierenden ihren „Fall“ auf und reflektieren auch, wie sich ihr – oft bürgerlich-akademischer – Habitus auf die Zusammenarbeit mit den häufig aus anderen Milieus stammenden Jugendlichen auswirkt. Die Ergebnisse der „Habitusreflexion zur Bildungsbenachteiligung“ sollen auch für Hochschullehrende verfügbar gemacht werden.

„Wir haben die Aufgabe, Lehrkräfte inklusiv auszubilden, haben aber selbst wenig Expertise.“ (Martin Heinrich)

Das dritte Cluster setzt den Schwerpunkt auf die inklusive Schule, genauer auf „Diagnose, Förderung und Didaktik“. Hier geht es darum, Maßnahmen zu erforschen, die Lehrende auf Unterricht in heterogenen Lerngruppen vorbereiten und sie befähigen, individuelle Begabungen zu erkennen sowie ihre Schülerinnen und Schüler dementsprechend zu fördern. 

Jeden und jede zu fördern – ist das nicht ein alter Hut; was sollten Pädagoginnen und Pädagogen sonst tun? Ist es nicht, meint Heinrich. Die Ausbildung an den Hochschulen sei noch längst nicht so weit. „Wir haben die Aufgabe, Lehrkräfte inklusiv auszubilden, haben aber selbst wenig Expertise.“ Aus den Erkenntnissen der einzelnen Forschungsprojekte, etwa zur „Multiprofessionellen Kooperation“ sollen einmal Lehrkonzepte entstehen, die in das Curriculum der Lehrkräftebildung einfließen. 

Im Juli gehen die Bielefelder den zweiten Schritt. Sie gründen drei Zentren, der Logik der Forschungscluster folgend: ein Beratungszentrum Praxisorientierung, ein interdisziplinäres Kompetenzzentrum Forschendes Lernen sowie ein Zentrum für inklusionssensible Diagnose, Förderung und Didaktik. Diese sollen über den Förderzeitraum der Qualitätsoffensive hinaus bestehen. Die Direktorin der Bielefelder Lehrkräftebildung, Petra Josting, sieht, wenn sie zehn Jahre vorausschaut, „Studierende, die eine forschend-reflexive Grundhaltung entwickelt haben und diese in ihren Berufsalltag mitnehmen“.

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