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Friedrich-Ebert-StiftungStudie stützt Forderung nach mehr politischer Bildung

Die Studie „Verlorene Mitte – Feindselige Zustände“ zeigt, wie weit verbreitet menschenfeindliche Einstellungen in der Mitte der Gesellschaft sind. Die Autorinnen und Autoren plädieren dafür, Demokratie wieder konkret erfahrbar werden zu lassen.

29.04.2019 - Till Mischko, freier Journalist

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Bielefeld haben im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung Zusammenhänge zwischen Demokratieverständnis und verschiedenen Ausprägungen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in der deutschen Gesellschaft ermittelt. Insgesamt ergibt sich aus den Ergebnissen der Studie „Verlorene Mitte – Feindselige Zustände“ das widersprüchliche Bild einer zwar mehrheitlich demokratisch orientierten Gesellschaft, die aber gleichzeitig eine weitere Zuspitzung menschenfeindlicher und antidemokratischer Ansichten in der Bevölkerung erlebt.  

So finden es mehr als 80 Prozent begrüßenswert, wenn Menschen sich gegen Minderheiten gerichtete Hetze engagieren und fordern eine pluralistische Gesellschaft. Auch empfinden etwa 60 Prozent den seit einigen Jahren aufkeimenden Rechtspopulismus als Bedrohung für die Demokratie. Demgegenüber neigt jede zweite befragte Person zur Abwertung von Asylsuchenden. Ebenso ist die Verbreitung von Verschwörungstheorien in Deutschland als virulent anzusehen. Fast die Hälfte der Befragten (46 Prozent) glaubt an geheime Organisationen, die politische Entscheidungen in hohem Maße beeinflussten. Weite Verbreitung finden zudem moderne Formen des Antisemitismus, die sich auf Israel beziehen (24 Prozent) sowie die Abwertung von Sinti und Roma (26 Prozent).

Die Widersprüchlichkeit der Ergebnisse, so die Autorinnen und Autoren, kann dabei als Hinweis für die politische Bildung beziehungsweise Demokratiebildung gelesen werden. Wenn also drei Viertel der Befragten sich Sorgen machten, dass der Rassismus in der Gesellschaft zunehme und gleichzeitig selbst rassistischen Einstellungen anhingen, ohne sich dessen bewusst zu sein, dann stelle sich die Frage, welche Bildung eine Gesellschaft brauche, die instabil werde. Die auffällige Gleichzeitigkeit von demokratischen und antidemokratischen Orientierungen weise darauf hin, dass bestimmte Werte teilweise eher auf abstrakter Ebene verblieben und sich nicht auf die Beziehungen zu anderen Menschen auswirkten.

„Es kann Bildungsinstitutionen nicht zufriedenstellen, dass die Chancen auf demokratische Bildung ungleich verteilt sind.“

Bildung, so eine der zentralen Schlussfolgerungen der Studie, müsse Demokratie konkret erfahrbar machen und nicht nur als abstraktes Wissen über das politische System vermittelt werden –  dann könne sie als wichtiger Baustein zu einer stabilen und demokratischen Mitte der Gesellschaft beitragen. Hierzu können in der weiten Konzeption der Bielefelder Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler prinzipiell all jene gehören, die demokratische Grundprinzipien, Institutionen, Regeln und Werte teilen.

Diese demokratische Mitte setzt jedoch einen gerechten Zugang zu Bildung und ökonomischen Ressourcen voraus, wie die Zahlen belegen. So besteht beispielsweise ein eindeutiger Zusammenhang zwischen formalem Bildungsniveau und dem Glauben an Verschwörungsmythen: Befragte mit niedrigem (48,6 Prozent) oder mittlerem Bildungsniveau (42,2 Prozent) zeigen sich demnach deutlich empfänglicher für Verschwörungstheorien als solche mit einem hohen Bildungsabschluss (25,3 Prozent). Ebenfalls sind es die unteren und mittleren Bildungsgruppen, die prozentual häufiger rechtsextremen Ansichten zustimmen.  „Es kann Bildungsinstitutionen nicht zufriedenstellen, dass die Chancen auf demokratische Bildung ungleich verteilt sind“, konstatieren vor diesem Hintergrund die Autorinnen und Autoren der Studie.

In der von Politikdidaktikerinnen und -didaktikern entwickelten und von der GEW unterstützten Hofgeismar-Erklärung 2018 sprechen sich die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner in Anbetracht von Menschenfeindlichkeit, der Relativierung von NS-Verbrechen und Antisemitismus für eine umgehende Stärkung politischer Bildung aus. Diese müsse bereits ab der frühkindlichen Bildung mit der demokratischen Partizipation der Kinder beginnen und durch sämtliche Schulformen von fachlich qualifizierten Lehrkräften unterrichtet werden. Doch um den Aufgaben politischer Bildung gerecht werden zu können, brauche es eine kontinuierliche Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte. Unumgänglich, so verdeutlichen die Forderungen, sei daher eine Aufstockung personeller, räumlicher, zeitlicher und finanzieller Ressourcen. „Wann, wenn nicht jetzt?“, heißt es in dem entschiedenen Plädoyer für eine demokratisch ausgebildete Gesellschaft.

Rund 2.000 repräsentativ ausgewählte Staatsbürgerinnen und Staatsbürger wurden zwischen September 2018 und Februar 2019 für die aktuelle Mitte-Studie der Friedrich Ebert-Stiftung befragt, um Aufschlüsse über menschenfeindliche und rechtsextreme Einstellungen im Querschnitt der deutschen Bevölkerung zu ermitteln. Um Auskunft über längerfristige Entwicklungstendenzen geben zu können, wurden ergänzend auch Datensätze aus den Vorjahren der seit nun mehr 16 Jahren geführten Umfragestudien einbezogen.

 

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