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Studie „Digitalisierung im Schulsystem“ Techniklücken, Ungleichheiten und stark belastete Lehrkräfte

Eine der größten Herausforderungen der Digitalisierung in der Bildung stellt die Kluft zwischen digitalen Vorreiter- und digitalen Nachzügler-Schulen dar. Zugleich steigt die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte laut repräsentativer GEW-Studie weiter.

01.06.2021

Obwohl die Coronapandemie die Digitalisierung an Schulen vorangetrieben hat, gibt es nach wie vor große Baustellen. Die technische Ausstattung hinkt weiter hinterher, gleichzeitig stieg die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte. Zudem wird das Lernen mit digitalen Medien an deutschen Schulen extrem ungleich umgesetzt und es gibt große Unterschiede bei der digitalen Infrastruktur. Das geht aus der repräsentativen Studie Digitalisierung im Schulsystem unter der Leitung von Frank Mußmann von der Universität Göttingen hervor, die die GEW am Dienstag in Frankfurt am Main vorstellte. 

Zentrale Ergebnisse der Studie: 

  • 70 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer arbeiten an Schulen, an denen es WLAN für alle Lehrkräfte gibt. Die Hälfte der Schulen hat kein WLAN für die Schülerinnen und Schüler.
  • Nur 57 Prozent der Lehrkräfte sind an Schulen tätig, an denen es für den Unterricht genügend digitale Geräte gibt. 58 Prozent nutzten regelmäßig Lernmanagementsysteme.
  • Ein Viertel der Schulen hat keine Schulcloud, nur 40 Prozent arbeiten mit einer schulübergreifenden Bildungscloud.
  • Nur in 18 Prozent der Fälle stehen für alle Lehrkräfte digitale Endgeräte der Schule zur Verfügung, für weitere 30 Prozent teilweise. 95 Prozent der Lehrkräfte nutzen daher ihre privaten elektronischen Geräte wie Handy, Computer oder Tablet häufiger als vor der Pandemie.
  • Nur in 50 Prozent der Fälle ist eine technische Unterstützung gewährleistet, so dass Lehrkräfte weitere Zusatzaufgaben leisten müssen.
  • Nur 34 Prozent der Schülerinnen und Schüler in digital schlechter gestellten Schulen lernen die Überprüfung von Informationen im Internet auf deren Richtigkeit. 
  • Neun von zehn Lehrkräften haben einen höheren Arbeitsaufwand durch Fernunterricht. Knapp zwei Drittel benennen den Wechselunterricht als Grund für eine stärkere Arbeitsbelastung.

„Die Dynamik der Corona-Pandemie und die Digitalisierung verstärken die angespannte Arbeitssituation an den Schulen und die ohnehin schon bekannten hohen Belastungen und Entgrenzungserfahrungen der Lehrkräfte“, betonte Mußmann. Er würdigte aber auch, dass Lehrkräfte und Schulen mit viel Engagement pragmatische Lösungen gefunden hätten, um digitale Medien und Technik einzusetzen sowie digitale Lehr- und Lernkonzepte zu entwickeln und anzuwenden. 

Schulen nicht weiter abhängen

„Die Lehrkräfte müssen sich auf die pädagogischen Aufgaben konzentrieren können“, sagte Ilka Hoffmann, GEW-Vorstandsmitglied Schule. „Wir brauchen endlich mehr IT-Fachleute für den technischen Support.“ Die Gelder für die Einstellung etwa von Systemadministratoren stünden bereit. Diese Mittel müssten endlich abgerufen und verstetigt werden. „Digitale Werkzeuge sollen die Lehrkräfte pädagogisch unterstützen – und nicht zu einer Dauerbaustelle werden.“

Ansgar Klinger, GEW-Vorstandsmitglied Berufliche Bildung und Weiterbildung, betonte: „Die eklatanten Lücken in der digitalen Ausstattung und die Mehrfachbelastung in der Pandemie führen zu einer nicht zu verantwortenden Arbeitsbelastung der Lehrkräfte an Schulen und einer zunehmenden digitalen Kluft. Diese Entwicklung müssen wir stoppen und nachhaltig umkehren, damit Schulen sowie Schülerinnen und Schüler nicht weiter abgehängt werden.“

Die Richtschnur für die Maßnahmen in der Schule sollen nach Ansicht der GEW die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts sein. Dafür schlägt die GEW ein Fünf-Punkte-Programm vor:

5-Punkte-Programm zum Gesundheitsschutz an Schulen
Ab der 5. Klasse muss das gesellschaftliche Abstandsgebot von 1,5 Metern gelten. Dafür müssen Klassen geteilt und zusätzliche Räume beispielsweise in Jugendherbergen gemietet werden.
Um die Schulräume regelmäßig zu lüften, gilt das Lüftungskonzept des Umweltbundesamtes. Können die Vorgaben nicht umgesetzt werden, müssen sofort entsprechende Filteranlagen eingebaut werden.
Die Anschaffung digitaler Endgeräte für Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler muss endlich beschleunigt werden. Flächendeckend müssen eine datenschutzkonforme digitale Infrastruktur geschaffen und IT-Systemadministratoren eingestellt werden. Zudem müssen die Länder Sofortmaßnahmen zur digitalen Fortbildung der Lehrkräfte anbieten.
Für die Arbeitsplätze in den Schulen müssen Gefährdungsanalysen erstellt werden, um Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler besser zu schützen.
Transparenz schaffen: Kultusministerien und Kultusministerkonferenz müssen zügig ihre Planungen umsetzen, wöchentlich Statistiken auf Bundes-, Landes- und Schulebene über die Zahl der infizierten sowie der in Quarantäne geschickten Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler zu veröffentlichen. „Wir brauchen eine realistische Datenbasis, um vor Ort über konkrete Maßnahme zu entscheiden“, sagte GEW-Vorsitzende Marlis Tepe. 

Übersicht: Alles, was sich an Bildungseinrichtungen mit Blick auf den Gesundheitsschutz in Corona-Zeiten ändern muss.

Abschlussbericht im September

In der repräsentativen Studie „Digitalisierung im Schulsystem. Herausforderung für Arbeitszeit und Arbeitsbelastung von Lehrkräften“ wurden im Januar und Februar 2021 Lehrkräfte der Sekundarstufe I und II aus allen Bundesländern befragt. Die Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften an der Georg-August-Universität in Göttingen und das Umfragezentrum Bonn untersuchten, wie Schulen und Lehrkräfte auf die Herausforderungen der Digitalisierung in Pandemie-Zeiten reagieren, wie sich ihre Arbeit, ihre Arbeitszeit und ihre Belastungen verändert haben, und welche Chancen und Risiken digitale Arbeitsformen für die Lehrkräfte bergen.

Die Studie zeigt zudem zentrale Entwicklungs- und Gestaltungsbedarfe auf und gibt Empfehlungen. Ein wissenschaftlicher Abschlussbericht mit weiteren Befunden und Analysen ist für September geplant.