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Steineklopfen gegen Kinderarbeit

Ob Pflastersteine, Kaffee oder Computer – viele Städte und Gemeinden kaufen auch Produkte, bei deren Herstellung Kinder ausgebeutet werden. Doch Immer mehr Kommunen achten bei der Beschaffung auf sozial saubere Waren.

02.05.2017 - Von Martina Hahn

Die Sonne brennt heiß auf die Mädchen und Jungen, die auf dem Boden sitzen. Schweigend, in Lumpen gehüllt, die Köpfe gesenkt und die Gesichter ernst, klopfen sie Granitblöcke. Doch die hier malochen und einer nach dem anderen ohnmächtig umkippen, sind nicht minderjährige Arbeiter in indischen Steinbrüchen. Es sind Schülerinnen und Schüler der 6. Gymnasialstufe in Amberg. Mit ihrer vierminütigen Aufführung zum Schulfest und den Appell "Es ist Zeit zu handeln, denn diese Kinder haben keine Chance auf eine Zukunft!" rütteln sie nicht nur ihre Eltern, Lehrer und Freude auf. Sie machen auch Politiker und Verwaltung der 44.000-Einwohner-Stadt in der Oberpfalz auf das Leid vieler Kinder und Jugendlicher aufmerksam, die weltweit für unsere Produkte ausgebeutet werden.

Die Schüler des Erasmus-Gymnasiums richten ihren Protest damit an die richtige Adresse: Bund, Länder und Kommunen. Alle drei Ebenen können über ihr Beschaffungswesen noch stärker als der einzelne private Verbraucher auf Unternehmen Druck ausüben, damit diese auf saubere Zulieferer achten. Denn die Öffentliche Hand ist der größte Konsument im Land: Sie vergibt in Deutschland jährlich Aufträge im geschätzten Wert von 400 Milliarden Euro, mehr als die Hälfte davon entfällt auf die Städte, Gemeinden und Landkreise. Mit Steuergeldern kaufen Bund, Länder und Kommunen Pflastersteine für Marktplätze, Kaffee oder Orangensaft für die Kantine, Möbel und EDV für die Büros, Uniformen für Polizei und Feuerwehr, Bälle und Papier für Schulen oder Blumen fürs Rathaus ein - Produkte, die überwiegend aus Billiglohnländern stammen. Für die es heute aber meist seriös zertifizierte sozial und ökologisch saubere Alternativen gibt.

2016 wurde deutsches Vergaberecht reformiert

Diese Alternativen wollen die Erasmus-Gymnasiasten auch in Amberg sehen. "Ich möchte in einer Stadt leben, die anderen ein Vorbild ist, die ihre Bewohner und vielleicht sogar weitere Städte motiviert, nachhaltig einzukaufen, damit es endlich weniger Kinderarbeit gibt", sagt Maresa Platzer (16), Schülerin der 11. Klasse. "Unsere Stadt hat einfach mehr Möglichkeiten als jeder Einzelne von uns, fair einzukaufen", sagt auch ihre Freundin Sabrina Glöckner (17). Gemeinsam mit Mitschülern haben die beiden einen Brief an den Oberbürgermeister der Stadt geschrieben. Ihn darin gefragt, woher die Pflastersteine auf den Straßen der Stadt stammen. Und ob Ambergs Stadtrat schon beschlossen habe, auf Friedhöfen zertifizierte Grabsteine ohne Kinderarbeit zuzulassen.

Denn das ist jetzt möglich. 2016 wurde das deutsche Vergaberecht reformiert. Kommunen können in Ausschreibungen und Vergabeverfahren nun darauf drängen, dass der Lieferant oder Dienstleister soziale oder umweltfreundliche Kriterien erfüllt und seine Ware im Idealfall sogar ein soziales oder grünes Gütesiegel aufweist. Laut EU-Recht kann der Auftraggeber als Nachweis für die Einhaltung solcher Merkmale ein Zertifikat verlangen - für die gesamte Lieferkette. Vor 2009 galten solche Kriterien noch als "vergaberechtsfremd" und waren damit unzulässig. Lange war allein der Preis ausschlaggebend für den Zuschlag.

"Wenn Kinder auf dem Boden hocken, Steine klopfen und umkippen, hat das schon Wirkung."

 

Dass es etliche Kommunen schaffen, fair einzukaufen, zeigen Städte wie Hamburg, Mainz, Bremen, Bonn oder München. Sie gelten als Vorreiter für eine nachhaltige Beschaffung. In Dortmund etwa achtet ein zentrales Amt darauf, dass Hemden, Jeans oder Socken für die Feuerwehrleute, Gärtner, Zoowärter oder Kanalbauer unter sozial fairen Bedingungen hergestellt wurden, die neuen Computer möglichst wenig Strom ziehen, Fußbälle für die Schulen nicht von Kindern genäht und Pflastersteine nicht von Jugendlichen gehämmert wurden - und dass die Lebensmittel für Kita, Klinik oder Kantine möglichst ein Bio- oder Fair-Trade-Zeichen aufweisen.

Den Brief der Amberger Gymnasiasten an den Oberbürgermeister haben 250 Schüler, Eltern und Lehrer unterschrieben - zusammen mit dem kurzen, aber eindringlichen Theaterstück gegen Kinderarbeit Druck genug, um die Verwaltung in Bewegung zu setzen, ist Helmut Kollhoff überzeugt: "Wenn Kinder auf dem Boden hocken, Steine klopfen und umkippen, hat das schon Wirkung." Kollhoff, ehemals Siemens-Ingenieur, jetzt Vorsitzender des Eine-Welt-Ladens in Amberg, leitet an der Schule als Ehrenamtlicher das Fach "Zukunft". Sechs bis acht Stunden sind das pro Woche, er springt ein, wenn reguläre Stunden ausfallen.

Auf Gespräche mit Politikern gut vorbereiten

In Kollhoffs Stunden haben die Schüler über Konsum diskutiert, das Theaterstück geprobt, den Besuch im Berliner Entwicklungshilfeministerium vorbereitet, mit der Presse gesprochen, und den Brief an den OB formuliert - "diplomatisch und freundlich im Ton, doch in der Sache hart", sagt Kollhoff. "Nicht anschießen, sondern klare Fragen stellen", das sei wichtig, sagt er auch. "Provokation ist gut - das Gegenüber muss aber immer das Gesicht wahren können". Wichtig sei zudem, dass sich die Jugendlichen auf die Gespräche mit Politikern oder Ratsmitgliedern gut vorbereiten. Sich informieren, was eine Kommune beim Einkauf an fairen Bedingungen fordern darf - und wo ihr schlichtweg Grenzen gesetzt sind.

Vielleicht auch in Amberg. Die Stadt ist zwar Fair Trade Town. "Aber da ist noch Luft nach oben", sagt Kollhoff. Noch hat der Oberbürgermeister nicht auf das Schreiben der Schüler reagiert, "wir werden nachhaken, ", sagt Sabrina, die Schülerin. Und kündigt an: "Wenn die Stadt weiterhin blockt, lassen wir uns noch provokantere Aktionen einfallen." Irgendwann, davon sind auch ihre Mitschüler überzeugt, wird die Stadt reagieren - "die Verantwortlichen wollen ja wiedergewählt werden", sagt die 17-jährige. Das findet auch Maresa: "Viele Politiker wetten auf die Jugend - sie wissen: wir sind die Zukunft."

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