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Warum Europa?Stark mit Europa verbunden

Studierende und auch Azubis profitieren bereits von europäischen Austauschmöglichkeiten wie dem Programm Erasmus. Doch Fachleuten reicht das nicht: Sie fordern ein stärkeres europäisches Bildungsengagement.

15.05.2019 - Armin Himmelrath, freier Journalist

Ihre Lehre als Schreinerin im Schwarzwald machte Larissa Lehmann Spaß – und weckte ihr Interesse an der Arbeitskultur in anderen Ländern. „Weil ich mal was anderes sehen wollte“, machte sie vor zwei Jahren als Azubi ein Auslandspraktikum in Irland. In Dublin stieg die damals 20-Jährige für ein paar Wochen bei „Michael Devoy & Sons“ ein, einem kleinen Familienbetrieb.Schnell war Lehmann in die Firma integriert, erlebte großes Vertrauen und viel Hilfsbereitschaft der irischen Kollegen. „Ich glaube, wenn man sein Leben lang nur an einem Ort ist, bekommt man auch nichts mit vom Weltgeschehen“, sagt sie.

Die junge Schreinerin gehört zur steigenden Zahl Auszubildender, die für einige Zeit ins europäische Ausland wechseln. So waren 2017 insgesamt 5,3 Prozent der Absolventen einer beruflichen Erstausbildung zum Lernen in andere Länder gegangen – eine Verdoppelung gegenüber dem Stand von 2010. Jedes Jahr sind es rund 31.000 junge Leute, die diesen Schritt ebenfalls gehen, ergab eine Studie der Nationalen Agentur Bildung für Europa beim Bundesinstitut für Berufsbildung (NA-BIBB). Ein Großteil der Auslandsaufenthalte wird durch Mittel der Europäischen Union (EU) unterstützt.

Doch der europäische Austausch ist kein Selbstläufer. „Der Beschluss des Bundestags, dass im Jahr 2020 jeder zehnte Auszubildende internationale Lernerfahrungen haben soll, ist richtig und bietet Chancen“, sagt Ansgar Klinger, bei der GEW für berufliche Bildung und Weiterbildung verantwortlich. Aber er macht auch klar: „Die Zahl kann mit den bisherigen Mitteln gar nicht erreicht werden, weil die Kapazitäten fehlen.“

Zehn-Punkte-Plan der GEW

So gebe es für die Hochschulen den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), für die Schulen den Pädagogischen Austauschdienst (PAD), erläutert Klinger: „Die beruflichen Schulen jedoch haben keine entsprechende Organisation.“ Auch sei die Bereitschaft vieler Betriebe, ihre Azubis für eine Weile woanders arbeiten zu lassen, nicht sonderlich ausgeprägt: „Je kleiner ein Betrieb, desto geringer die Chancen.“

Immerhin, das Thema steht mittlerweile auf der Agenda. So zeigt die NA-BIBB-Studie, dass die Mehrheit der Betriebe und Schulen, die ihre Azubis bisher nicht wegschicken, das in Zukunft ändern wollen. Sie wünschen sich aber mehr Informationen, mehr praktische Unterstützung und klar definierte Qualifikationen, die während des Auslandsaufenthalts im Mittelpunkt stehen.

In der GEW wird derzeit ein Zehn-Punkte-Plan diskutiert, der als Blaupause für eine umfangreichere europäische Azubi-Mobilität dienen könnte. Unter dem Titel „Berufliche Schulen in Deutschland handlungsfähig machen für Europa“ geht es unter anderem um:

  • mehr Unterstützung für berufsbildende Schulen bei der Internationalisierung ihrer Angebote, etwa durch die Benennung fester Ansprechpartner für die europäische und internationale Zusammenarbeit;
  • einen Rechtsanspruch für Auszubildende auf Auslandspraktika mit Verpflichtung der Betriebe, die Azubis aktiv zu unterstützen;
  • die Akkreditierung der erworbenen Kompetenzen und deren Anrechnung.

„Beim Austausch darf es keine soziale Selektion geben“, betont Klinger: Jede und jeder müsse die Chance haben, in anderen Ländern zu lernen. „Bislang haben 4 Prozent von Europas Bürgern von Erasmus profitiert“, sagt Themis Christophidou, Generaldirektorin für Bildung, Jugend, Sport und Kultur der EU-Kommission. Sie sieht vor allem in der Ausweitung der Austauschprogramme einen erfolgversprechenden Weg und kündigt an, dass ihr die bisherige Größenordnung nicht ausreicht: „Jetzt wollen wir uns auch um die anderen 96 Prozent kümmern.“

Vorbild sind die Erfahrungen, die es seit über 30 Jahren mit Erasmus für Studierende gibt. Zwischen 1987, als das Programm startete, und 2017 wurden 4,4 Millionen Studierende unterstützt – davon 651.000 aus Deutschland. „Erasmus hat dafür gesorgt, dass wir die erste Generation junger Europäer bekommen haben“, hatte der mittlerweile verstorbene italienische Schriftsteller Umberto Eco das Programm einst gelobt.

Dass der Austausch wirkt, zeigen Zahlen des DAAD:

  • 83 Prozent der Erasmus-Stipendiaten fühlen sich stark mit Europa verbunden;
  • 93 Prozent der Erasmus-Studierenden sagen, dass sie im Austausch gelernt haben, den Wert unterschiedlicher Kulturen zu schätzen;
  • 33 Prozent der früheren Erasmus-Teilnehmer haben einen Lebenspartner mit anderer Nationalität; 27 Prozent haben diesen während des Auslandsaufenthalts kennengelernt.

„Vor dem Hintergrund der aktuellen europäischen Herausforderungen sind Programme wie Erasmus dringender denn je“, sagt DAAD-Präsidentin Margret Wintermantel: „Sie stärken die europäische Identität.“ Mehr als 14,7 Milliarden Euro lässt sich die EU das aktuelle Programm Erasmus+ (Laufzeit: 2014 bis 2020) kosten. Ein Drittel der Summe geht in die Hochschulen, 17 Prozent sind für die berufliche Bildung eingeplant, 11,6 Prozent für Schülerinnen und Schüler und immerhin noch 3,9 Prozent für europäische Erwachsenenbildung.

„Die Entscheidung für oder gegen einen Auslandsaufenthalt hängt von der Bildungsherkunft der Studierenden ab; die finanziellen Mehrbelastungen sind der wichtigste Grund, warum sie es nicht tun.“ (Achim Meyer auf der Heyde) 

„Das Erasmus-Programm ist insofern ein Erfolg, als es tatsächlich die internationale Mobilität von Studierenden in Europa gefördert hat“, sagt Andreas Keller, stellvertretender Vorsitzender der GEW und Hochschulexperte. „Ich sehe aber ein großes Problem: Die Mobilitätszuschüsse sind so gering, dass sie nicht einmal den Mehraufwand und die Reisekosten decken, die Studierende im Ausland haben.“ Das sei für viele Studentinnen und Studenten eine dramatische Situation, weil für den Auslandsaufenthalt Jobs in der Heimat aufgegeben werden müssen: „Die Zuschüsse müssen zu vollwertigen Stipendien ausgebaut werden.“

Keller ist sich an diesem Punkt einig mit dem Deutschen Studentenwerk (DSW). Das fordert schon lange einen Abbau der Hürden für europäische Mobilität. Die liegt bei Studierenden seit Anfang der 2000er-Jahre bei rund 30 Prozent – ein zwar hohes, aber eben auch nicht mehr steigendes Niveau. „Statt Abschottung nach außen und Abgrenzung nach innen muss der europäische Gedanke, insbesondere in der Wissenschaft, gestärkt werden“, heißt es in einem aktuellen Beschluss. Die Studentenwerke fordern deshalb mehr Geld für Austauschprogramme, aber auch eine bessere Versorgung ausländischer Gaststudierender mit Wohnraum in Deutschland.

„Die Entscheidung für oder gegen einen Auslandsaufenthalt hängt von der Bildungsherkunft der Studierenden ab; die finanziellen Mehrbelastungen sind der wichtigste Grund, warum sie es nicht tun“, betont DSW-Generalsekretär Achim Meyer auf der Heyde. Studierende aus Akademikerfamilien gehen demnach fast doppelt so oft ins Ausland wie Studierende, deren Eltern selbst nicht an einer Hochschule waren. „Gerade weil die sozialen und finanziellen Faktoren bei der Auslandsmobilität so stark sind, muss die Politik weiter nachsteuern“, fordert Meyer auf der Heyde: „Anstelle von Darlehen sollten den Master-Studierenden bei ‚Erasmus+‘ Mobilitätsstipendien zur Verfügung gestellt werden, und das BAföG muss in alle 48 Bologna-Staaten mitgenommen werden können.“

„Der europäische Hochschulraum braucht keine europäische Exzellenzinitiative, sondern eine Stärkung der sozialen Dimension, die Verteidigung der akademischen Freiheit und eine aktive Unterstützung der Lehrenden.“ (gemeinsame Erklärung GEW und fzs)

Eine Forderung, die 20 Jahre nach Unterzeichnung der Bologna-Erklärung aktueller denn je ist. Am 19. Juni 1999 hatten die Bildungsminister von 29 Ländern den Startschuss für den europäischen Bildungs- und Wissenschaftsraum gegeben. Zwei Jahrzehnte danach müsse man aufpassen, dass es in Europa nicht zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft komme, „mit dem ‚guten‘ westlichen Europäischen Hochschulraum auf der einen und dem Gesamt-Bologna-Raum auf der anderen Seite“, sagt Nathalie Schäfer, Mitglied im Ausschuss Internationales des studentischen Dachverbands fzs. Sie bezieht sich auf das geplante „Europäische Hochschulnetzwerk“ besonders leistungsstarker Unis: „Der europäische Hochschulraum braucht keine europäische Exzellenzinitiative, sondern eine Stärkung der sozialen Dimension, die Verteidigung der akademischen Freiheit und eine aktive Unterstützung der Lehrenden“, betonen Schäfer und Keller in einer gemeinsamen Erklärung.

Ist die Bologna-Bilanz nach 20 Jahren trotzdem eine Erfolgsgeschichte? Kellers Fazit fällt gemischt aus: „Auf der einen Seite wurde die Umstellung aufs Bachelor- und Master-System in Deutschland mit der Brechstange vollzogen.“ Die Kultusministerkonferenz habe die Reform mit Maßnahmen überladen, die in der Bologna-Erklärung gar nicht angelegt waren – wie die Modularisierung und die Einführung von Anwesenheitskontrollen in Vorlesungen. „Die Folge: Studierende wie Lehrende klagen über eine Verdichtung des Studiums und ein Übermaß an Workload.“ Hier sei ein Kurswechsel dringend nötig.

Aus gewerkschaftlicher Sicht gebe es andererseits aber auch Positives, so Keller weiter: „Bildungsgewerkschaften und Studierendenvertretungen ist es gelungen, im Bologna-Prozess Ziele auf die Agenda zu setzen, die eine Hochschulentwicklung im Interesse der Beschäftigten und Studierenden ermöglichen.“ Dazu zählten etwa die soziale Dimension des europäischen Hochschulraums und die Unterstützung der Lehrenden sowie die akademische Freiheit – Felder, an deren Weiterentwicklung die GEW und ihre europäische Dachorganisation weiter arbeiten werden.

Positiv sind auch die Nachrichten, die es für Azubis und Studierende zuletzt im Chaos um den Brexit gab: Sowohl das europäische Parlament als auch der Bundestag haben Notfallregelungen beschlossen, die die Erasmus-Teilnehmer am Tag des britischen Austritts schützen. Wer dann jenseits der Grenzen einen Ausbildungsabschnitt begonnen hat, kann ihn auf jeden Fall zu Ende führen – und erhält dafür auch weiterhin die zugesagte Förderung, etwa beim BAföG.

Europa kann, das zeigt sich im Hickhack um einen möglichen britischen Austritt, tatsächlich auch nachhaltige Gemeinsamkeiten entwickeln. So, wie es auch Lehmann in Dublin erlebte. „Soziale und fachliche Kompetenzen für ihr ganzes Leben“ habe sie hier gelernt, sagt Ruairí Devoy, Geschäftsführer der Schreinerei „Michael Devoy & Sons“. Und auch die junge Auszubildende aus dem Schwarzwald hat Europa schätzen gelernt: „Die Zeit in Dublin war total super!“

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