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GEW-Fachtagung „Haltung zeigen – Demokratie und Courage stärken!“Stark gegen Rechts!

Die GEW hat sich bei einer Tagung in Leipzig deutlich gegen Rechts positioniert. Klar wurde: Im Umgang mit Rechtspopulismus und Rechtsextremismus gibt es viele offene Fragen – aber auch viele kluge Antworten.

06.11.2019 - Sven Heitkamp, freier Journalist

Als die ostdeutsche Schulklasse, in der rechtes Gedankengut offenbar weit verbreitet ist, in eine KZ-Gedenkstätte fährt, kommt es zum Eklat. Die Gedenkstätten-Pädagogin hatte die Schüler gebeten, einen gefalteten Papierkranich an einem Ort ihrer Wahl abzulegen, an dem sie ihrem Gedenken Ausdruck verleihen möchten. Ausnahmslos alle Schülerinnen und Schüler legen ihren Kranich an ein Grab mit der Nummer 88 ab – der Zahlencode für „Heil Hitler“. Der Lehrer, der seine Klasse eigentlich über die Schrecken des Nationalsozialismus aufklären wollte, hatte die Reise offensichtlich nicht gut vorbereitet.

Beispiele wie diese berichteten Professor Rico Behrens und Stefan Breuer vom Lehrstuhl für politische Bildung an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt während der GEW-Konferenz „Haltung zeigen – Demokratie und Courage stärken!“ in Leipzig. Rund 120 pädagogische Fach- und Lehrkräfte waren dort für zwei Tage mit Expertinnen und Experten für Rechtsextremismus zusammengekommen, um über pädagogische und gewerkschaftliche Handlungsstrategien zu diskutieren. GEW-Vorsitzende Marlis Tepe machte zum Auftakt deutlich, dass die Auseinandersetzung mit Rechtspopulismus nach den Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen, bei denen die AfD jeweils deutlich über 20 Prozent der Stimmen bekommen hatte, umso notwendiger sei: „Wir befinden uns im Kampf gegen rechts.“

Rechtsextremistische Meinungsmache gebe es mittlerweile in allen Bildungseinrichtungen, die Grenzen des Sagbaren hätten sich verschoben, warnte Tepe. Gewerkschaften würden von Rechtsradikalen in einen Graben gewünscht, der dann zugeschüttet werden solle. Daher müsse Demokratieerziehung heute in der Kita beginnen, in der Schule weitergehen und in den Hochschulen und der Erwachsenenbildung fortgesetzt werden. Die GEW habe bereits Ansprechpartner in den Landesverbänden etabliert und wolle ihr Engagement auf Bundesebene künftig weiter ausbauen. „Wir stehen für Solidarität, Demokratie und Chancengleichheit. Wir treten aus vollem Herzen ein gegen Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus und alle anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.“

„Schule ist der Ort, an dem wir es versuchen und eine freiheitlich-demokratische Haltung zeigen müssen.“ (Anja Besand)

Dass die Konferenz gerade in Sachsen als einer Hochburg rechter Stimmungen stattfand, war für den DGB-Bezirksvorsitzenden Markus Schlimbach eine Ermutigung. „Man fühlt sich hier manchmal alleingelassen.“ Man spüre im Freistaat, wie sich rechtsextreme Gesinnungen in der Alltagskultur einnisteten: etwa mit dem Wunsch nach „Thor-Feiern“ in der Kita, dem AfD-Beschwerdeportal über Lehrkräfte und einer AfD-Landtagsfraktion in Dresden, die nicht nur 38 Abgeordnete, sondern auch mehr als 200 Mitarbeiter habe. Die Gewerkschaften gehörten da noch zu den wenigen gesellschaftlichen Organisationen, die Haltung zeigen. „Das Nationalistische und Völkische will eine Kultur bestimmen und Andersdenkende einschüchtern“, warnte Schlimbach. „Wir müssen unsere Grenzen deutlich machen.“ Eine Haltung, die den Tenor der Konferenz bestimmte.

Doch Haltung zu zeigen und Grenzen deutlich zu machen, kann sehr unterschiedlich aussehen. Mit dem AfD-Pranger zum Beispiel gehe Hamburg sehr ironisch um, in Baden-Württemberg wurden die Webseiten frühzeitig gehackt und in Berlin haben sich die Kolleginnen und Kollegen dort selbst angezeigt, berichtete Anja Besand, Professorin für Didaktik der politischen Bildung an der TU Dresden. In Sachsen dagegen herrschten eher Einschüchterung und Angst vor. Sie habe, so Besand, aus der Lehrerschaft sogar das Argument zu hören bekommen: Man sei lieber vorsichtig, denn man wisse ja nicht, wer nach der Landtagswahl Kultusminister werde. Dabei stehe auch im sächsischen Schulgesetz – wie in allen Bundesländern – ein umfassender Bildungs- und Erziehungsauftrag. Dazu gehörten die Vermittlung der Menschenrechte, die Entfaltung der Persönlichkeit, politisches Verantwortungsbewusstsein, Gerechtigkeit und Achtung vor der Überzeugung des Anderen – und eben kein Neutralitätsgebot, wie die AfD behauptet. Auch der bis heute gültige Beutelsbacher Konsens aus den 1970er-Jahren fordere zur Kontroverse und Meinungsbildung im Unterricht auf.

„Schule ist der Ort, an dem wir es versuchen und eine freiheitlich-demokratische Haltung zeigen müssen“, betonte Besand. Allerdings würden Lehrkräfte die Auseinandersetzung mitunter eher scheuen – nicht zuletzt aus Mangel an Erfahrungen, Professionalisierung und Kapazitäten. Dabei gebe es einige Stolpersteine, die Lehrkräfte unbedingt vermeiden sollten. Darunter: Indifferent zu bleiben und die Opfer zu übersehen, sich an einer Normalisierung der Ausgrenzung und Distanzierung indirekt zu beteiligen, übermäßig zu reagieren, umfassende Verbote auszusprechen oder sich vereinzeln zu lassen. Professorin Besand kennt das Dilemma aus ihren eigenen Lehrveranstaltungen: Unter ihren Didaktik-Studierenden säßen ebenfalls Rechtsextremisten, die sogar gute Leistungen zeigen – und irgendwann an den Schulen unterrichten werden.

„Wir vom Kulturbüro raten davon ab, zu versuchen, Nazis zu überzeugen. Es geht darum, dass auch andere Positionen zu Wort kommen.“ (Lisa Bendiek)

Wie aber sollen Lehrerinnen und Lehrer reagieren, wenn sie mit rechtsextremen Einstellungen im Schulalltag konfrontiert werden? Behrens und Breuer haben drei Jahre lang das Projekt „Starke Lehrer – starke Schüler“ an neun Berufsschulen in Sachsen geleitet und Lehrkräfte im Umgang mit rechtsextremen Äußerungen trainiert. Sie geben ihre Erkenntnisse heute in Workshops und Publikationen weiter. Eine zentrale Regel lautet dabei, Vorfälle nicht zu bagatellisieren oder wegzuschauen. „Wie auch immer eine Reaktion aussieht: Wichtig ist, es gibt überhaupt eine“, sagt Behrens. Hilfreich seien dabei starke, konstruktive Schulleitungen, die eine unterstützende und wertschätzende Rolle einnehmen. Dies galt auch im Fall der Politiklehrerin einer Realschule, die einen Bundestagsbesuch mit einer 9. Klasse ausgerechnet bei einem Abgeordneten des rechten Flügels der AfD organisiert hatte, den sie auch persönlich unterstützte. Die Schulleitung hat die Fahrt kurzfristig gestoppt, weil kein ausgewogenes didaktisches Konzept gewährleistet war.

Mehrere Workshops mit Praktikern der politischen Bildungsarbeit gingen in Kleingruppen der Frage nach, welche Handlungsoptionen pädagogische Fach- und Lehrkräfte gegen rechte Hetze haben. Zu den Möglichkeiten, die Dominik Wehner vom Bündnis „Aufstehen gegen Rassismus“ vorstellte, zählt, rassistische Parolen überspitzt zu wiederholen mit einem Satz wie: „Meinst du das wirklich so, dass …“ Auch Nachfragen zu behaupteten Vorurteilen sind eine Variante, etwa: „Weißt du das, oder glaubst du das nur?“ Denkbar sei auch, Empathie einzufordern mit einem Hinweis wie: „Stell dir vor, du bist in dieser Situation!“ Bei einem Mix aus Vorurteilen etwa über Flüchtlinge und das Versagen des Staates helfe es, die Aneinanderreihung von Vorwürfen zu durchbrechen und auf nur einem Punkt zu bestehen. In manchen Fällen können auch Ironie, Übertreibungen oder paradoxe Interventionen helfen. Ein kräftiges Wiederholen eines Satzes hilft zudem, eine Situation zu beenden.

„Je klarer man hat, was das Problem ist, umso leichter kann man es lösen“, betonte Lisa Bendiek vom Kulturbüro Sachsen. Zu klären sei: Was ist meine Rolle? Was ist mein Ziel? Dabei gehe es nicht darum, mit jedem Rassisten zu diskutieren, sondern Dritte vor Verletzung und Diskriminierung zu schützen. „Wir vom Kulturbüro raten davon ab, zu versuchen, Nazis zu überzeugen“, sagte Bendiek. „Es geht darum, dass auch andere Positionen zu Wort kommen.“

Eine große Hilfe ist – da waren sich die Diskussionsrunden einig –, Beratung und Unterstützung von außen zu holen. Mittlerweile besteht ein bundesweites Netz von Vereinen und Institutionen, die Hilfe im Umgang mit Rechtsextremen anbieten. Die GEW hat eine mehrseitige Liste mit Handreichungen und Praxismaterialien erstellt. Tepes Appell: „Lasst uns untergehakt und rückengestärkt aus dieser Konferenz herausgehen.“

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