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Gute Arbeit - gute Pädagogik in der KitaStandards in Gefahr

Die Anforderungen an die Beschäftigten in Kitas steigen. Zugleich gibt es immer mehr Wege in das Berufsfeld. Fachleute befürchten, dass Qualitätsstandards aufgeweicht werden.

15.06.2020 - Nadine Emmerich, freie Journalistin

Ländermonitor Frühkindliche Bildung, Fachkräftebarometer Frühe Bildung oder Analysen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD): Kita-Studien gibt es viele. Sie untersuchen den Personalschlüssel, die Fachkraft-Kind-Relation oder die Arbeitsbedingungen. Was unter dem wissenschaftlichen Radar bleibt, ist die Qualität der Ausbildung der Beschäftigten – obwohl die frühe Bildung immer wichtiger wird und es immer mehr Ausbildungsformate gibt. „Das Arbeitsfeld Kita ist gut erforscht, aber die ‚Zulieferer‘ fallen raus“, sagt die Projektleiterin der Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WiFF) am Deutschen Jugendinstitut (DJI), Kirsten Fuchs-Rechlin.

Auch Fachleute können nur schwer beurteilen, was hinter den Türen von Fachschulen und -akademien für Sozialpädagogik, Berufsfachschulen für Sozialwesen, Hochschulen, in der Praxisintegrierten Ausbildung (PiA) oder in Teilzeit- und berufsbegleitenden Modellen passiert. Zudem ist das Angebot riesig: Allein die klassische zweijährige Fachschulausbildung plus Anerkennungsjahr wird in rund 60 Varianten angeboten. Es gebe zwar Rahmenvorgaben der Kultusministerkonferenz (KMK), etwa zu Mindestunterrichtsstunden, aber keine festen Qualitätskriterien, erklärt Fuchs-Rechlin.

Bisher zeigten sich in den Kitas allerdings keine De-Professionalisierungstendenzen, betont die Expertin. Die größte Gruppe stellen mit 70 Prozent laut Fachkräftebarometer 2019 nach wie vor staatlich anerkannte Erzieherinnen und Erzieher. Im Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) sind sie wie Kindheitspädagoginnen und -pädagogen mit Bachelor-Abschluss in Level 6 eingestuft. Auch laut OECD-Studie „Providing Quality: Early Childhood Education and Care“ (2019) sind deutsche Kita-Fachkräfte gut ausgebildet.

„Ich sehe die Gefahr, dass die Erzieherinnen- und Erzieherausbildung abgewertet wird.“ (Björn Köhler)

Diese Standards sind jedoch gefährdet. „Das aktuell größte Problem ist, dass wir hinter die erreichte Qualität zurückfallen“, sagt Fuchs-Rechlin. „Ich sehe die Gefahr, dass die Erzieherinnen- und Erzieherausbildung abgewertet wird“, ergänzt das GEW-Vorstandsmitglied für Jugendhilfe und Sozialarbeit, Björn Köhler. Grund sind Ende 2019 ohne Beteiligung von Verbänden und Gewerkschaften vorgestellte Pläne der KMK, die vergütete dreijährige Ausbildung „staatlich geprüfte*r Fachassistent*in für frühe Bildung und Erziehung“ auf Berufsfachschulniveau einzuführen. Diese künftigen Assistentinnen und Assistenten wären nur auf DQR-4-Niveau qualifiziert, was WiFF und GEW ablehnen.

Die Gewerkschaft kritisiert in einer Stellungnahme die Pläne, die Fachassistenzkräfte dennoch mit 100 Prozent vollständig auf den Fachkraft-Kind-Schlüssel in den Kitas anzurechnen. Dies sei ein Affront gegen die komplexen Tätigkeiten der vollausgebildeten Erzieherinnen und Erzieher: „Es ist zu befürchten, dass auf mittelbare Sicht der Beruf der Erzieher*in durch den neu geschaffenen Beruf verdrängt wird.“ Auch Quereinsteigerinnen und -einsteigern biete die Assistenzausbildung keine Vorteile. Zudem gebe es bereits das 2012 in Baden-Württemberg gestartete PiA-Konzept, eine Art duale Ausbildung in Fachschulen und Kitas, sowie die berufsbegleitende Ausbildung in Teilzeit.

„Die Akademisierung schreitet nicht gut voran.“ (Kirsten Fuchs-Rechlin)

Beide Varianten sind vergütet – und damit auch für Quereinsteigerinnen und -einsteiger der attraktivste Weg. Der Koordinationsstelle Chance Quereinstieg zufolge sind Frauen, die sich für die Arbeit in der Kita interessieren, im Schnitt 38 Jahre alt, Männer ein Jahr jünger. 63 Prozent haben eine abgeschlossene Berufsausbildung, 24 Prozent ein Studium. „Entscheidend ist für diese Menschen eine sicher durchfinanzierte und praxisnahe Ausbildung“, sagt Berater Tim Frauendorf von Chance Quereinstieg.

Um die Attraktivität des Berufes zu erhöhen, fordert die GEW eine generelle Schulgeldbefreiung – und eine stärkere Akademisierung. Denn die Zahl der Kita-Beschäftigten mit Hochschulabschluss bleibt weiter gering, laut Fachkräftebarometer liegt ihr Anteil bei 6 Prozent. „Die Akademisierung schreitet nicht gut voran“, sagt Fuchs-Rechlin. Im Schuljahr 2018/19 schlossen 32.000 Schülerinnen und Schüler eine Fachschule und nur 2.500 Menschen ein Kindheitspädagogik-Studium ab. Den Hochschulen fehlen die Ausbildungskapazitäten.

„Es gibt einen enormen Druck, schnell Fachkräfte in die Praxis zu bekommen. Um möglichst viele Menschen anzusprechen, gibt es für jede Lebenslage eine Ausbildung.“

Der Personalmangel ist auch Motor für die Expansion der Ausbildungsformate. „Es gibt einen enormen Druck, schnell Fachkräfte in die Praxis zu bekommen“, sagt Fuchs-Rechlin. „Um möglichst viele Menschen anzusprechen, gibt es für jede Lebenslage eine Ausbildung.“ Die dann miteinander konkurrieren: In Bundesländern mit PiA-Angebot sind die Zuwachsraten bisher nicht überproportional höher. Allerdings bekommt die Ausbildung gute Noten: Laut 2. Evaluationsbericht des baden-württembergischen Kultusministeriums bewerteten Schülerinnen, Lehrkräfte und Träger das PiA-Konzept durchschnittlich mit einer 2,0. Die Praxisanleiterinnen und -anleiter gaben im Schnitt eine 2,6. Rund 84 Prozent der Lehrkräfte und 69 Prozent der Praxisanleitenden sahen eine Verbesserung der Qualität der Ausbildung.

Die GEW ist für eine Stärkung des PiA-Modells – wenn die DQR-Stufe 6 und die KMK-Standards erhalten bleiben und der theoretische Unterricht an Fachschulen und -akademien beziehungsweise Fachhochschulen und Universitäten stattfindet. Laut Beschluss des Hauptvorstandes muss es zudem ein rechtliches Dreiecksverhältnis zwischen Träger, Fachschule und Schülerin oder Schüler geben, das Letztere klar als Lernende definiert.

Die Fachschulen sollen federführend sein und zusätzliche Kapazitäten und Mittel erhalten, der Austausch zwischen Theorie und Praxis muss verbessert werden. Kolleginnen und Kollegen, die sich um die Ausbildung in den Kitas kümmern, sind zu stärken. Wie weit diese Anforderungen in den Ländern schon erfüllt sind, ist schwierig zu messen. Viel sei noch im „Versuchsstadium“, sagt Köhler. Er plädiert aber dafür, „zu debattieren, ob in PiA nicht die Zukunft der Ausbildung liegt“.

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