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So war die Weltfrauenkonferenz in Marrakesch

Fünf Gewerkschafterinnen der GEW haben an der Weltfrauenkonferenz der Bildungsinternationale in Marokko teilgenommen – und sind mit einer Vielzahl von Eindrücken und Erfahrungen, auch für die Arbeit hierzulande, zurückgekehrt.

05.03.2018

 „Die Konferenz bot eine Plattform für den Austausch von Ideen, Informationen und Erfahrungen dazu, wie Frauen auf dem Weg in Spitzenpositionen in Gewerkschaften und im Bildungswesen Hindernisse wahrnehmen – und wie sie dieses Labyrinth durchdringen können“, bilanziert Frauke Gützkow, GEW-Vorstandsmitglied Frauenpolitik.

„Finding a Way through 'the Labyrinth': Women, Education, Unions and Leadership“ – vier Protokolle:
  • Lisa Lewien, Sprecherin der Jungen GEW:

„Ich habe unter anderem die Workshops „Good leadership is not the same as strong leadership” und “Young woman in leadership” besucht. Für mich haben sich die Panels gut ergänzt: einerseits zu verstehen, was eine starke oder gute Führungsposition ausmacht, andererseits zu entdecken, was das für mich als junge Frau bedeutet. Ich habe für mich festgestellt, dass wir jungen Frauen uns unseres Könnens und unserer Wichtigkeit noch mehr bewusst sein sollten: Wir werden nicht nur gebraucht in der GEW – wir können auch etwas verändern. Aber das schaffen wir nicht allein, wenn wir wollen, dass sich insgesamt etwas verändert. Wir müssen das gemeinsam anpacken – jung und alt quer durch alle Geschlechter. Wir brauchen Frauen, die mit uns gemeinsam gegen männlich dominierte Strukturen kämpfen, und wir brauchen Männer, die diese Strukturen auch durchbrechen wollen.

Einprägsam und wichtig für meinen möglichen späteren Beruf der Berufsschullehrerin war der Workshop „Vocational education and leadership“. Darin ging es auch darum, dass Geschlechterklischees das Arbeiten in der beruflichen Bildung vor allem für Frauen erschweren. Was ich dabei realisiert habe: Es geht nicht um Frauen alleine, sondern um die gesamte Gesellschaft, in der Frauen und Männer in Rollen gezwungen werden, aus denen sie sich kaum befreien können. Wir als Gewerkschafterinnen müssen uns dafür einsetzten, diese Rollenbilder aufzuzeigen sowie uns und unsere Mitglieder zu schulen. Damit Kinder und Jugendliche in unseren Arbeitsfeldern Kita und Schule auch durch uns lernen, dass es keine Rolle spielt, ob sie Junge oder Mädchen sind, dass sie werden können, was sie wollen. Ich bin beeindruckt von der Stärke, der Ausstrahlung und dem Kampfeswillen, den ich bei allen Frauen erlebt habe. Ich habe viele interessante Gespräche mit genialen jungen Gewerkschafterinnen geführt. Wir wollen nun ein Netzwerk aufbauen, von dem wir alle profitieren können: Probleme und Lösungen teilen, uns besuchen, voneinander lernen.“

  • Kathrin Gröning, Leitungsteam der GEW-Fachgruppe Sozialpädagogische Berufe:

 „Neben viel inhaltlichem Input und neuen Ideen für die Frauenarbeit in unserer Organisation haben mich besonders die informellen Gespräche mit bewundernswerten Frauen beeindruckt. Starke Frauen, die mit ihrem Mut, ihrer Kompetenz und ihrer Power für mich zu Vorbildern geworden sind. Sehr bewegend war meine zufällige Begegnung mit der Übersetzerin Areej Daibas. Sie ist Palästinenserin, lebt mit ihrer 16 Jahre alten Tochter und ihrem 4 Jahre alten Sohn in Jerusalem und begleitete die Konferenz als Arabisch-Englisch-Dolmetscherin. Areej arbeitet seit Jahren als Simultanübersetzerin auf internationalen Konferenzen. Wir unterhielten uns über die Situation in Jerusalem und darüber, was diese Lebenswirklichkeit für das Aufwachsen von Kindern bedeutet, wie sich die politische Situation auf ihre Identitätsbildung auswirkt.

Areej erzählte auch, wie es sich für sie als Dolmetscherin anfühlt, unterschiedlichste Positionen zu übersetzen – auch solche, denen sie widerspräche. Wie sehr es sie frustriere, dass sie ihre eigene Meinung nicht äußern könne. Während der Konferenz beschloss Areej, dass sie zurück in Jerusalem nicht mehr nur übersetzen, sondern sich selbst Gehör verschaffen wolle. Für sie waren die tollen Frauen auf der Konferenz Vorbilder und der letzte Schubs, den sie brauchte. Ich glaube, dass Areejs Beispiel nur eines von vielen ist, und die Konferenz - neben allen Informationen und vermittelten Strategien -  vor allem dies geschafft hat: Wir sind motiviert und bereit, für mehr Gerechtigkeit einzutreten. Mit neuer Kraft und dem Willen, Systeme verändern zu wollen.“

  • Elke Gärtner, Leiterin Bereich Frauenpolitik GEW Baden-Württemberg:

Alle Frauen werden gestärkt nach Hause fahren - davon war die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe überzeugt, als sie im Newsletter nach ihren Erwartungen an die Weltfrauenkonferenz gefragt wurde. Ich persönlich bin reich an Erfahrungen zurückgekommen und überrascht, wie viel Frauen, die sich weltweit für eine bessere Bildung und bessere Arbeitsbedingungen von Menschen im Bildungsbereich einsetzen, gemeinsam haben. An einem Abend fand in der Hotelbar ein Lesbentreffen statt. In Marokko ist Homosexualität noch strafbar, es droht sogar Gefängnis, auch wenn LSBTI-Menschen in der Regel nicht strafrechtlich verfolgt werden, solange sie ihre Homosexualität nicht öffentlich leben. Deshalb wurden wir gebeten,  Information über den Abend nur unter der Hand weiterzugeben, offiziell durfte es ein solches Treffen nicht geben, auch um die Gastgebergewerkschaften nicht in Schwierigkeiten zu bringen.

Dies machte auch deutlich, wie wichtig und mutig die Eröffnungsrede von Ulrike Lunacek, der früheren Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, war. Sie beschrieb darin ihren Weg in Führungspositionen, und was es dabei bedeutet habe, dass sie offen lesbisch lebte. Persönliche Erlebnisse in ihren Schulen, Gewerkschaften und Ländern schilderten auch in den Workshops viele Frauen. Während in Deutschland immer viel durchdacht und analysiert wird, wurde in Marrakesch viel erzählt. Das mag beliebig klingen, aber Geschichten geben uns die Möglichkeit, Gemeinsames zu erkennen. Ich war beeindruckt, wie sehr sich die Strategien,  Frauen kleinzuhalten, weltweit ähneln.“

  • Annett Lindner, GEW-Landesvorsitzende Mecklenburg-Vorpommern:

„Mit ‚Leaders are born, not made‘ diskutierten wir gleich zu Beginn der Konferenz eine provokante These. Sind Führungsqualitäten von der Natur gegeben oder werden sie erworben? Es gab für beide Seiten Argumente – und vor allem eine beeindruckende und sehr  internationale Diskussion. Zu Wort meldeten sich Frauen, aber auch Männer aus Norwegen, Marokko, England, Irland, Indien, Israel, Palästina, Kolumbien, Brasilien, Namibia und vielen weiteren Ländern. Trotz unterschiedlicher Erfahrungen waren sich übrigens alle einig in der Widerlegung der Titelthese. Für mich thematisch passend dazu war ein Workshop, der von Männern geleitet wurde: ‘Men in Support of Women`s Leadership’. In der Diskussion dort ging es auch darum, Frauen nicht immer automatisch Führungsdefizite zuzuschreiben sowie Mentoring und Trainingsprograme auch für Jungen und Männer durchzuführen.

Aus den vielen Eindrücken ragten für mich zwei weitere Erkenntnisse heraus: Hast du Macht, nutze sie, um Gutes zu tun. Und: Hast du eine Führungsposition, musst du auch Herrscherin über deine eigene Zeit sein. Bei der aufwühlenden Debatte mit dem Titel #MeToo: Voices from the Education Union Movement‘ schilderten Frauen unter anderem aus Rumänien, Schweden, Belize und Botswana eindrucksvoll ihre teils sehr persönlichen Erfahrungen mit sexueller Belästigung oder Gewalt gegen Frauen: In Rumänien etwa wird alle 30 Sekunden eine Frau körperlich angegriffen, in Argentinien alle 13 Stunden eine Frau getötet. Wir müssen nicht nur Frauen stärken. Wir müssen auch mit Männern trainieren. Männer müssen verstehen, was sexuelle Gewalt anrichtet.“

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