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Pädagogik und DigitalisierungSo groß wie Afrika

Seit 2007 bietet der Chaos Computer Club das Projekt „Chaos macht Schule“ an. Was der Verein an Schulen macht, erklärt Steffen Haschler vom CCC Mannheim, der Informatik, Mathematik und Physik an einem Gymnasium in Heidelberg unterrichtet.

13.07.2020 - Interview: Matthias Holland-Letz, freier Journalist

  • E&W: Wie kam der CCC auf die Idee, mit Workshops und Vorträgen in Schulen zu gehen?

Steffen Haschler: Der Chaos Computer Club hat ja einen Namen; uns gibt es seit über 30 Jahren. Einzelne lokale Gruppen des Clubs wurden häufig gefragt: Kommt doch zu uns in die Schule und erklärt uns das mit dem Internet. Das war zu der Zeit, als die sozialen Netzwerke aufkamen. Und das war für viele ältere Lehrkräfte etwas Neues. Da wir uns im Spannungsfeld technischer und sozialer Entwicklungen sehen, haben wir geholfen.

  • E&W: Wie viele Schülerinnen und Schüler erreichen Sie pro Jahr?

Haschler: Neben dem großen CCC, der bundesweit agiert, haben wir in vielen Orten die sogenannten Erfas, die Erfahrungsaustauschgruppen. Die machen eigenständiges Programm. Wir erreichen an den Schulen bundesweit geschätzt einige Tausend Menschen pro Jahr. Ich habe jährlich etwa 50 Veranstaltungen. Unser Erfa in Mannheim ist dabei einer der Aktivsten.

  • E&W: Welche Themen decken Sie ab – und was machen Sie nicht?

Haschler: Uns geht es um den kreativen Umgang mit Technik und dass man mit den Daten anderer verantwortlich umgeht. Wir erläutern, was ein Algorithmus ist, wie man programmiert. Aber auch, wie man lötet, damit man ein Gerät reparieren kann. Und wir sprechen über Fake News, weil wir technisch erklären können, wie sich Nachrichten im Internet verbreiten. Urheberrecht oder Lizenzrecht bieten wir nicht an, da sind wir keine Experten. Und zu Cybermobbing verweisen wir auf Medienpädagoginnen und -pädagogen.

  • E&W: Gab es während der Corona-bedingten Schulschließungen zusätzliche Anfragen an den CCC? Wenn ja, worum ging es dabei?

Haschler: Es kamen Anfragen zu digitalen Lernplattformen. Bei uns in Mannheim hat sich daraus ein großes Projekt mit einigen Partnern wie SAP und der Hopp Foundation entwickelt: das „Digitale Klassenzimmer“, ein Videokonferenztool, das auf freier Software aufbaut. Diese Plattform wird inzwischen an über 150 Schulen im Raum Mannheim-Heidelberg genutzt. Und es gab Datenschutz-Einschätzungen zu solchen Diensten.

  • E&W: Die Corona-App auf dem Smartphone soll künftig helfen, Pandemien schnell zu bekämpfen. Was sagt der CCC dazu? Wie lässt sich dieses Thema an Schulen behandeln?

Haschler: Ein Grundprinzip von uns lautet: Du löst keine sozialen Probleme mit Technik. Angenommen, wir könnten mit einer solchen App Infektionsketten verfolgen. Dann stellt sich die Frage: Was machen wir mit Menschen, die kein Smartphone haben? Bekommen sie dann Nachteile im Alltag? Müssen die so eine Art elektronische Fußfessel tragen, weil sie nicht gewarnt werden können, wenn ein Infizierter in der Nähe ist? Und: Wenn man die erfassten Daten zentral speichert, wie es die Bundesregierung ursprünglich geplant hatte, dann ist das mit einem hohen Risiko verbunden: Kommt es zu einem Leck, dann betrifft es alle. Wir sind froh, dass die Politik hier umgedacht hat.

  • E&W: Und ein Schulprojekt zur Corona-App – wie könnte das aussehen?

Haschler: Die Firmen, die die Corona-App für Deutschland entwickeln, veröffentlichen den Quellcode im Internet. Es wäre ein spannendes Projekt, über die Zugänglichkeit dieses Codes zu reden und warum das richtig ist. Zum Beispiel, dass man da reingucken kann und dann weiß, was die App macht. Das wäre etwas für die Gesellschaftswissenschaften, und im Fach Informatik könnte man fragen, wie die App technisch funktioniert.

  • E&W: Der CCC bietet Workshops auch für Grundschulen an. Verstehen die Kinder, was Sie ansprechen?

Haschler: Studien zeigen, dass schon Zehnjährige eigene Smartphones benutzen und unbegleitet im Netz unterwegs sind. Da gibt es also Anknüpfungspunkte, um mit den Kindern ins Gespräch zu kommen. Zum Beispiel darüber, welche Wege die Daten ins Internet nehmen. Oder die Privatsphäre: Man teilt ständig Informationen mit anderen. Dazu gibt es Spiele, bei denen wir an der Tafel oder an der Stellwand Kategorien bilden: Das weiß nur ich. Das wissen meine Eltern. Das wissen meine besten Freunde. Das dürfen alle wissen. Dann ordnen die Schülerinnen und Schüler vorgegebene Informationen diesen Kategorien zu. Daran merken sie, dass Informationen einen Wert an sich haben.

  • E&W: Ist Edward Snowden, ist die Überwachung durch den US-Geheimdienst NSA ein Thema? Wie sieht ein Schul-projekt dazu aus?

Haschler: Das ist eher ein Vortrag mit einem daran anschließenden Gespräch. Dazu gibt es eine eindrückliche Webseite, die heißt „Stasi versus NSA. Sie zeigt: Würde man sämtliche Daten der Stasi in Aktenschränken ablegen, dann könnte man damit eine Fläche abdecken, die der Berliner Museumsinsel entspricht. Würde man die Daten der NSA ausdrucken und in Aktenschränke stecken, dann könnte man damit den afrikanischen Kontinent bedecken.

  • E&W: Unglaublich!

Haschler: Wir sagen dann immer: Solche Informationen haben wir nur dank Edward Snowden. Leider kennen ihn nicht mehr viele. Das war vor fünf Jahren anders. In der Öffentlichkeit zu bleiben, ist aber so etwas wie eine Lebensversicherung für Whistleblower wie Snowden.

  • E&W: Welches Bild haben Schülerinnen und Schüler vom CCC? Gelten Sie immer noch als die „Hacker“, die im Halblegalen unterwegs sind?

Haschler: Oft kennen die uns gar nicht. Aber wenn wir sagen, wir sind Hackerinnen und Hacker, dann kommt meist: Oh! Dann hat man eine gewisse Aufmerksamkeit. Wir machen aber klar: Wir haben eine Ethik. Wir lehnen ab, dass man in den Daten anderer Leute herumschnüffelt. Und wir bezeichnen die Leute, die missbräuchlich in fremde Systeme eindringen, als Cracker. Wer Systeme knackt, ist ein krimineller Mensch.

  • E&W: Wie erleben CCC-Aktive die Lehrerinnen und Lehrer? Wie fit sind diese, wenn es um Herausforderungen und -Risiken der Digitalisierung geht?

Haschler: Ich muss sagen – das merken jetzt auch viele im Homeschooling-Bereich –, dass es nicht gut aussieht. Viele Lehrkräfte fühlen sich überfordert. Ich möchte das aber nicht als Vorwurf verstanden wissen, viele wachsen über sich hinaus. Es ist vielmehr ein Versäumnis der Länder. Wir leben in einer Wissensgesellschaft und nicht mehr in der industriellen Zeit. Aber unser Schulsystem kommt noch aus dieser. Das gilt nicht nur für die Lehrpläne und deren Erneuerungszyklen, sondern auch für unsere Aus- und Weiterbildung. Leider.

  • E&W: Was müsste sich an Schulen ändern, damit die Schülerinnen und Schüler später in einer zunehmend digitalen Welt zurechtkommen?

Haschler: Wir brauchen Dienstgeräte – die haben wir ja nicht. Auch die Schülerinnen und Schüler müssen in irgendeiner Form ausgestattet werden. Es braucht freien Netzzugang. Zu oft wird noch eine Trennung gezogen zwischen der analogen und der digitalen Welt. Und dann ist der Deutschlehrer in seinem Fach. Und ich mache als Mathelehrer mein Fach. Wir sprechen uns inhaltlich nie ab. Wir müssen diese Silo-Denkweise überwinden. Hier kann Technologie unterstützen! Und es wäre hilfreich, das Thema Medienkompetenz endlich ernsthaft fächerübergreifend zu verankern. Unsere Schülerinnen und Schüler müssen früh die Chance haben, einen produktiven Umgang mit den neuen Medien zu erlernen. Das geht nur, wenn man ihnen früh Informatik-Themen näherbringt. Wie tief sie dann einsteigen, mögen sie selbst entscheiden, es muss nicht jeder Datenbanken programmieren können.

  • E&W: Wie sind Sie zum CCC gekommen?

Haschler: Das war 2012. Da hat mich ein Schüler aus meinem Informatikkurs über Facebook angeschrieben. Der Kurs hatte sich gewünscht, etwas zu Hacking zu machen. Und der Schüler hatte vorgeschlagen, den CCC Mannheim zu fragen. Und der kam dann auch zu uns. Ich habe schnell gemerkt, dass ich mich einbringen kann. Auch, weil die Arbeit ehrenamtlich ist. Im ersten Jahr habe ich mir das nur angeguckt. 2014 war ich dann schon ziemlich aktiv.

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