GEW - Die Bildungsgewerkschaft
Sie sind hier:

Sichtbar werden

„Es ist wichtig, als lesbische Lehrerin in Erscheinung zu treten“ – auch um Schülerinnen und Schüler zu stärken, ihren eigenen Weg zu gehen, sagt Doris Lüggert, Mitgründerin der Arbeitsgemeinschaft lesbischer Lehrerinnen in der GEW.

14.05.2018 - Michaela Ludwig, freie Journalistin

  • E&W: Wie kam es zur Gründung der AG lesbische Lehrerinnen?

Doris Lüggert: Als ich meine erste Stelle in der niedersächsischen Provinz antrat, fühlte ich mich sehr isoliert. Ich hatte mich nur vor wenigen Kolleginnen geoutet, deshalb besuchte ich ein ÖTV-Seminar über das Sichtbarwerden in der Arbeitswelt. Das war aber zu allgemein und passte nicht auf meine Situation. Bei einem Seminar über Lesben in sozialen Berufen lernte ich eine Lehrerin aus Berlin kennen und wir gründeten die AG lesbische Lehrerinnen in der GEW. Wir brauchten ein Netzwerk, um uns gegenseitig zu stärken, um sicherer zu werden im Umgang mit Kolleg*inn*en, Eltern und Schüler*n*innen.

  • E&W: Was ist am Arbeitsplatz Schule besonders?

Lüggert: Man hat jedes Jahr neue Schüler*innen und Eltern und ist durch seine zentrale Rolle leicht angreifbar. Als Lehrende sind wir angehalten, uns nicht politisch zu äußern und unsere Weltanschauung nicht zu stark einzubringen. Trotzdem ist es wichtig, als Person sichtbar – und damit Vorbild – zu sein. So lernen die Kinder, eine tolerante Haltung zu entwickeln. In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns.

  • E&W: Davon waren Sie vor 25 Jahren sicher noch weit entfernt. Wie war das Selbstverständnis lesbischer Lehrerinnen zu der Zeit?

Lüggert: Die meisten lebten versteckt. Zum ersten Bundestreffen kamen knapp 40 Frauen. Weniger als 10 Prozent waren an ihren Schulen sichtbar. Wir haben jedes Jahr Coming-out-Workshops angeboten. Es war wichtig, sich auszutauschen und zu hören, wie selbstverständlich andere damit umgehen. So verliert man Scheu und Befangenheit und kann selbstbewusster auftreten.

  • E&W: Wie ist das Selbstverständnis heute?

Lüggert: Heute outet sich mehr als die Hälfte der Kolleginnen. Insgesamt wird mit lesbischen Beziehungen viel offener umgegangen. Der andere Teil findet, dass dies Privatsache ist. Kolleginnen an katholischen privaten Einrichtungen trauen sich noch immer nicht, sich zu zeigen, weil diese die Möglichkeit haben, aufgrund der „Lebensführung“ zu entlassen.

  • E&W: Das veränderte Selbstverständnis geht noch weiter: In den vergangenen Jahren hat sich eine neue Generation auf den Bundestreffen Gehör verschafft, die für eine queere Identität steht.

Lüggert: Diese neue gesellschaftliche Strömung hat auch bei uns eine Debatte zwischen den Generationen ausgelöst. Viele Jahre ging es bei uns um das Ansprechen der lesbischen Lebenserfahrungen. Für die queeren Kolleg*inn*en passen die festen sexuellen und geschlechtlichen Identitäten nicht. Sie brachten sich intensiv ein und organisieren die Treffen heute mit.

  • E&W: Die rechtliche Verankerung der Ehe für alle war ein großer Schritt in Richtung Gleichberechtigung. Fühlen Sie sich heute anerkannter als vor 25 Jahren?

Lüggert: Diese Prozesse geschehen sehr langsam. Eine erste Öffnung machte sich bemerkbar, als in den ersten TV-Soaps Lesben und Schwule auftraten. Damit war das Thema in der Öffentlichkeit und wir wurden direkter angesprochen. Durch die Gesetzesänderung fanden viele von uns dann den Mut, zu ihrer Lebenssituation zu stehen und nicht mehr von „meiner Freundin“, sondern von „meiner Frau“ zu sprechen.

  • E&W: Sehen Sie in sehr konservativen Teilen der Gesellschaft, beispielsweise in manchen muslimisch geprägten Einwandererfamilien, einen Rollback?

Lüggert: Ich selbst kann das aus meiner Erfahrung oder der meiner Kolleginnen an Schulen nicht bestätigen. Häufig hängen die Reaktionen davon ab, wie sicher ich auftrete und ob ich ein gutes Netzwerk habe.

In diesem Interview wird statt der männlichen und weiblichen Form das Gendersternchen * verwendet. Dieses denkt gezielt auch transsexuelle, transgender und intersexuelle Menschen mit.

 

Zurück