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Schweden: Mehr Geld für LehrerInnen

Bei ihrem Kongress Mitte November in Stockholm präsentierte die schwedische Bildungsgewerkschaft Lärarförbundet sich selbstbewusst und geschlossen. Aus gutem Grund: Die Lehrkräfte in Schweden bekommen kräftige Gehaltserhöhungen - ein Erfolg ihrer Gewerkschaft.

14.11.2014 - Manfred Brinkmann

 Fotos: Lärarförbundet, Manfred Brinkmann

Vom 11. – 13. November 2014 fand in Stockholm der Kongress der schwedischen Gewerkschaft Lärarförbundet statt. Mit 233.000 Mitgliedern ist Lärarförbundet eine der größten Bildungsgewerkschaften Europas, obwohl Schweden nur knapp zehn Millionen Einwohner zählt. Zum Vergleich: Deutschland hat 81 Millionen Einwohner und die GEW ist mit 270.000 Mitgliedern nicht viel größer als ihre schwedische Schwestergewerkschaft. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad in den skandinavischen Ländern ist traditionell hoch. Rund 95 Prozent aller Lehrerinnen und Lehrer in Schweden sind Gewerkschaftsmitglieder.

Bildung soll Priorität bekommen

Die scheidende Lärarförbundet-Vorsitzende und Vizepräsidentin der Bildungsinternationale Eva-Lis Sirén sieht die schwedischen Lehrkräfte als Gewinner der Wahl vom September dieses Jahres, die dem Land eine rot-grüne Minderheitsregierung bescherte. Bildung war das wichtigste Thema im Wahlkampf. In einer repräsentativen Befragung hatten sechzig Prozent der Wahlberechtigten erklärt, dass Bildung für sie oberste Priorität habe. Lärarforbundet war es gelungen, alle politischen Parteien in eine ‚nationalen Bildungskoalition‘ einzubinden. Während des Wahlkampfs überboten die Parteien sich geradezu in ihren Versprechen, mehr Geld für Bildung zur Verfügung zu stellen und die Situation der Lehrkräfte zu verbessern. Dies ist auch dringend nötig. Sechs von zehn Lehrkräften denken darüber nach, den Beruf zu wechseln und sich eine neue Beschäftigung zu suchen.

Ein Land im PISA-Schock

Im Vergleich zu anderen akademischen Berufen sind die Gehälter der schwedischen Lehrkräfte in den vergangen Jahren immer weiter zurückgefallen. Gleichzeitig haben ständig neue Aufgaben viele Lehrerinnen und Lehrer an ihre Belastungsgrenze gebracht. Kein Wunder, dass die Attraktivität der Profession gesunken ist und immer weniger junge Menschen den Lehrerberuf wählen. Die Folge ist ein akuter Lehrermangel, der sich in den kommenden fünf Jahren auf 43.000 fehlende Lehrkräfte summiert. Dazu kommt, dass Schweden einen PISA-Schock erlebt. Zum wiederholten Male ist das skandinavische Land in den internationalen PISA-Vergleichsstudien der OECD zurückgefallen.

Gezielte Öffentlichkeitsarbeit

Dass in der öffentlichen Diskussion über die Ursachen für das schlechte PISA-Abschneiden nicht die Lehrkräfte, sondern die Politiker verantwortlich gemacht werden, ist einer der großen Erfolge von Lärarförbundet. Die Bildungsgewerkschaft leistet sich eine hochprofessionelle dreißigköpfige Abteilung für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit, die dazu beigetragen hat, durch kreative und gezielte Aktionen die öffentliche Meinung in Schweden für die Anliegen der Lehrkräfte zu gewinnen. „Das war harte Arbeit“, so Eva-Lis Sirén, „aber wir sehen nun endlich Licht am Ende des Tunnels. Die von der Regierung zugesagten Reallohnsteigerungen für Lehrer lägen über dem Durchschnitt der Tariferhöhungen anderer Branchen.

Regierung will Attraktivität des Lehrerberufs steigern

Ähnlich klang der neue schwedischer Bildungsminister, Gustav Fridolin, in seiner Rede vor den 255 Delegierten, von denen 150 erstmalig bei einem Lärarförbundetkongress vertreten waren. Fridolin, 33 Jahre jung, war früher selbst Lehrer und ist Mitglied von Lärarförbundet. „Lehrerinnen und Lehrer verdienen unser Vertrauen. Es ist Aufgabe von Lehrkräften, für gute Bildung zu sorgen und es ist Aufgabe der Politiker, sie dabei zu unterstützen“, betonte der Grünen-Politiker unter dem Applaus der Delegierten. Die PädagogInnen müssten von administrativen Aufgaben entlastet werden, um sich auf den Unterricht konzentrieren zu können. Die Attraktivität des Lehrerberufs müsse gestärkt werden. Deshalb werde man dafür sorgen, dass die Lehrergehälter steigen. „Dafür haben wir in unserem Haushalt zusätzlich drei Milliarden Kronen eingestellt“, so der Bildungsminister. Um die Chancengleichheit an den Schulen zu verbessern, müsse man zudem früh beginnen. Daher werde man auch im Kitabereich für mehr Personal und kleinere Gruppen sorgen.

Zahlreiche internationale Gäste

Unter den Kongressteilnehmern waren auch rund zwanzig internationale Gäste von Bildungsgewerkschaften aus den USA, Kanada, Russland, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, den skandinavischen Ländern und dem Baltikum. Lärarförbundet ist international stark engagiert und gehört zu den Gründungsmitgliedern der Bildungsinternationale, dem Weltdachverband von 400 Bildungsgewerkschaften, der 1993 in Stockholm ins Leben gerufen wurde. Daran erinnerte der Generalsekretär der Bildungsinternationale, Fred van Leeuwen, in seinem Grußwort an die Kongressdelegierten. Van Leeuwen beklagte, dass weltweit noch immer etwa 58 Millionen Kinder keine Möglichkeit zum Schulbesuch hätten und dass in Ländern wie Nigeria und Pakistan Lehrerinnen und Lehrer ermordet werden, nur weil sie Mädchen unterrichten. Bildung sei auch deshalb so wichtig, weil sie die Menschen weniger anfällig für Extremismus macht, so van Leeuwen.

Gewerkschaft leitet Generationswechsel ein

Zur neuen Lärarförbundet-Vorsitzenden wählten die Delegierten am letzten Kongresstag Johanna Jaara Åstrand, die diese Aufgabe von ihrer Vorgängerin Eva-Lis Sirén nach dreizehn Jahren im Amt übernimmt. Mit der vierzigjährigen Grundschullehrerin Åstrand als Vorsitzende und der 35-jährigen Gymnasiallehrerin Maria Rönn als Stellvertreterin findet ein Generationswechsel in der Gewerkschaft statt. Jedes dritte Vorstandsmitglied wurde erstmalig ins Amt gewählt. Die meisten Vorstandsmitglieder sind weiblich. Über Frauenquoten macht sich bei Lärarförbundet deshalb niemand Gedanken. Eher im Gegenteil: Unter den 17 Vorstandsmitgliedern finden sich nur vier Männer.

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