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CoronapandemieSchutzschirm notwendig

Weil Hunderttausende Betriebe aufgrund der Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie in Kurzarbeit gegangen sind oder schließen mussten, brächen im neuen Ausbildungsjahr womöglich Zehntausende Ausbildungsplätze weg, warnt der DGB.

09.06.2020 - Matthias Anbuhl, Leiter der Abteilung für Bildungspolitik und Bildungsarbeit beim DGB-Bundesvorstand

Die Corona-Krise hat die berufliche Bildung erfasst. Berufsschulen bleiben geschlossen. Betriebe müssen dichtmachen oder Kurzarbeit anmelden. Wie groß das Ausmaß der Krise ist, verdeutlichen zwei Zahlen: Insgesamt bilden nur noch knapp 430.000 Betriebe in Deutschland aus, und schon Mitte April haben rund 725.000 Unternehmen Kurzarbeit angemeldet. Nach einer Umfrage des Zentralverbandes des deutschen Handwerks (ZDH) will rund jeder vierte Ausbildungsbetrieb im Handwerk seine Ausbildung herunterfahren. Das ist besonders dramatisch, denn in diesen Wochen werden eigentlich die Verträge für das kommende Ausbildungsjahr geschlossen, das zum 1. August oder 1. September beginnt. Wenn jetzt nicht ein starkes Signal an Betriebe und Auszubildende gesendet wird, drohen zum neuen Ausbildungsjahr drastische Einbrüche bei den Verträgen.

Mit fatalen Folgen: Denn bilden Betriebe auch nur vorübergehend nicht aus, sind sie mitunter ganz für die berufliche Bildung verloren. Von dem Einbruch der Finanzkrise 2008 hat sich der Ausbildungsmarkt nie erholt. Wurden vorher deutlich mehr als 600.000 Ausbildungsverträge im Jahr abgeschlossen, sind es nun nur noch knapp 530.000.

Soziale Ungleichheiten

Eine solche Entwicklung darf sich unsere Gesellschaft nicht erlauben. Sollen nicht weite Teile der jungen Generation ihrer Zukunftschancen beraubt werden, müssen die Bundesregierung und die Arbeitgeber gemeinsam mit den Gewerkschaften einen „Schutzschirm für Ausbildung“ aufspannen.

Kommt dieser nicht, drohen sich ohnehin schon bestehende soziale Ungleichheiten auf dem Ausbildungsmarkt drastisch zu verschärfen. Während sich Abiturienten ihren Ausbildungsbetrieb in aller Regel aussuchen können, blieb Jugendlichen mit Hauptschulabschluss schon vor der Corona-Krise die Hälfte der Ausbildungsberufe faktisch verschlossen. Das bestätigt ein Blick auf erste Zahlen aus dem Berufsbildungsbericht 2020, den die Bundesregierung vorgelegt hat. Nur knapp jeder zweite Hauptschüler schafft direkt nach der Schule den Sprung in Ausbildung. Jeder dritte Hauptschüler bleibt nach den amtlichen Statistiken dauerhaft ohne Berufsabschluss.

Vorschläge des DGB

Schon vor der Corona-Krise hat sich auf dem Ausbildungsmarkt keine Entspannung abgezeichnet. Auch das zeigt der Berufsbildungsbericht. Nur noch knapp jedes fünfte Unternehmen in Deutschland stellt Auszubildende ein. Binnen eines Jahrzehnts sind rund 54.000 Ausbildungsbetriebe verlorengegangen. Das betrifft längst nicht nur Kleinbetriebe. Auch die DAX-30-Konzerne haben nach einer Erhebung des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB) zwar Milliarden-Dividenden an ihre Aktionäre ausgezahlt, aber gleichzeitig die berufliche Ausbildung zurückgefahren. Es gibt also genügend Herausforderungen, die einen Schutzschirm für Ausbildung erfordern.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat dafür konkrete Vorschläge vorgelegt. Jugendliche sollten auch in Zeiten des Shutdown sicher sein, ihre Ausbildung abschließen zu können. Die Betriebe sind per Gesetz dazu verpflichtet, alle Mittel und Möglichkeiten auszuschöpfen, um die Ausbildung auch in Zeiten der Kurzarbeit weiter zu gewährleisten. Durch das Umstellen des Ausbildungsplanes oder das Vorziehen anderer Lehrinhalte könnte der Zeitrahmen der Ausbildung anders gestaltet werden. Ist eine Lehrwerkstatt vorhanden, kann die Ausbildung dort fortgesetzt werden. Eine mögliche Lösung bei Kurzarbeit in Betrieben ist auch die Auftragsausbildung: Meldet ein Betrieb Kurzarbeit an, kann er Teile der Ausbildung an einen Träger auslagern. So erreicht der Auszubildende einen vollwertigen Berufsabschluss, und die Wirtschaft sichert sich Fachkräfte auch für die Zeit nach der Krise. Der Bund sollte dieses Modell in der Krise finanziell fördern.

Mehr Problemregionen

In den kommenden Wochen könnte zudem die Zahl der Insolvenzen stark steigen. Dann wird es womöglich für viele Auszubildende schwierig, in anderen Betrieben unterzukommen. Ein staatlicher Zuschuss für Firmen, die zusätzlich Auszubildende übernehmen, kann hier helfen. Der DGB schlägt vor, diesen Übernahmebonus vorerst bis zum 31. Dezember 2020 zu befristen.

Schon vor der Corona-Pandemie gab es erhebliche regionale Unwuchten auf dem Ausbildungsmarkt. Besonders schwierig ist die Lage im Ruhrgebiet, in den mittleren Städten Hessens und Niedersachsens sowie im Norden Schleswig-Holsteins. Die Gewerkschaften wollen verhindern, dass in diesen Gebieten eine abgehängte Generation heranwächst. Die Zahl der Problemregionen dürfte wegen Corona noch weiter wachsen. Dort muss der Staat zumindest in den kommenden beiden Jahren neben der betrieblichen Ausbildung auch außerbetriebliche Plätze anbieten. Dabei müssen Arbeitgeber und Gewerkschaften eng einbezogen werden, damit nur Angebote in zukunftsträchtigen Ausbildungsberufen entstehen.

Bundesweiter Zukunftsfonds

Entscheidend für die weitere Entwicklung des Ausbildungsmarktes ist, wie Anreize für mehr betriebliche Ausbildungsplätze unter den schwierigen Bedingungen entwickelt werden können. Deshalb spricht sich der DGB für einen bundesweiten Zukunftsfonds aus, der alle Branchen einschließt. Aus diesem Fonds könnte zum Beispiel die Übernahme von Auszubildenden aus insolventen Betrieben bezahlt werden.

Eine gute Ausbildung ist eine zentrale Voraussetzung für gute Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe. Gelingt es nicht, einen drastischen Einbruch auf dem Ausbildungsmarkt zu verhindern, werden die Fliehkräfte in der Gesellschaft weiter zunehmen. Denn schon heute fühlen sich viele Jugendliche, die keine Ausbildung haben, von den demokratischen Parteien vernachlässigt. Der Schutzschirm für Ausbildung gehört daher ganz nach oben auf die politische Agenda.

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