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AuslandsschuldienstSchulortzuwendungen für Istanbul und Mexiko sinken drastisch

Die Zuwendungen sollen Mehrkosten ausgleichen, die den Lehrkräften beim Einsatz im Ausland entstehen. Welche Kriterien in die Berechnung einfließen, verrät das Auswärtige Amt aber nicht.

18.08.2020 - Matthias Holland-Letz

Ist das Leben in Istanbul im Sommer 2019 von einem Tag zum anderen so viel günstiger geworden? Die monatliche Schulortzuwendung, die zusätzlich zum Gehalt gezahlt werde, sei zum 1. Juli 2019 um knapp 400 Euro gesunken. Das berichtet eine Auslandsdienstlehrkraft (ADLK), die in der Türkei unterrichtet. Noch im Juni 2019 habe sie 2.025 Euro erhalten. „Seitdem liegt die Zuwendung bei 1.611 Euro.“

Istanbul: 700 Euro im Monat weniger

Auch die Zuwendung für den Ehepartner und für die Kinder sei gesunken. Unterm Strich mache das 700 Euro im Monat weniger, kritisiert das GEW-Mitglied, das anonym bleiben will. „Man kann auf dieses Geld nicht bauen“, fasst die Kollegin zusammen. Die Zahlung sei „immer verbunden mit Unwägbarkeiten“.

Mehrkosten wegen hoher Kriminalität

Die Schulortzuwendung soll Mehrkosten ausgleichen, die einer Lehrkraft im Ausland entstehen. Eine Wohnung in Shanghai oder New York City ist teurer als in Elmshorn oder Görlitz. Auch Lebensmittel, Busse und Bahnen oder die Kita für die Kinder kosten oft mehr. Ist die Kriminalität im Gastland hoch, müssen Alarmanlage, Security und zusätzliche Taxifahrten bezahlt werden. Wie hoch die Schulortzuwendung ausfällt, richtet sich nach der Schulortstufe. Belgien und Großbritannien haben eine 2. Afghanistan oder Irak kommen auf 20. Für Istanbul galt bis Juni 2019 die Schulortstufe 9. Nun ist es die 6, gleichauf mit Kroatien oder Lettland.

Mexiko: Deutsche Auslandslehrkräfte protestieren

Zum 1. Juli 2020 wurde Mexiko herabgestuft, von 13 auf 11. David Burmeister, ADLK in Mexiko, protestiert: Auch Singapur habe die Schulortstufe 11. „Heißt das, Mexiko ist so sicher wie Singapur?“, fragt das GEW-Mitglied. Die Herabstufung erfolge „mitten in einer humanitären und sozialen Katastrophe, die Mexiko seit dem Ausbruch von Covid-19 erlebt“. Eine Gruppe von ADLK-Lehrkräften in Mexiko verfasste deshalb einen Brief an das Auswärtige Amt (AA). Die Sterberate sei hoch, die wirtschaftlichen Auswirkungen gravierend, landesweit steige die Kriminalität, heißt es darin. Die ADLK-Gruppe berichtete von „drei Schießereien“ und einem „gewalttätigen Überfall auf einen Lehrer“ in den letzten beiden Jahren nahe der Deutschen Schule Lomas Verdes.

Die Senkung der Schulortstufe habe „auch eine symbolische Botschaft über die Nichtwahrnehmung der Krisensituation und der Wertschätzung der hier unter äußerst schwierigen Bedingungen geleisteten Bildungsarbeit“, schrieben die Lehrkräfte. „Wir möchten Sie aus diesem Grund nachdringlich bitten, die angekündigte Absenkung der Schulortstufe (…) zu überdenken.“ Thomas Erndl, Bundestagsabgeordneter der CSU und Mitglied im Auswärtigen Ausschuss, unterstützt den Protest: „Auch ich bin der Meinung, dass die aktuelle Herabstufung überdacht werden sollte“, so Erndl am 3. Juli 2020 per E-Mail an David Burmeister. Er habe sich deshalb in einem Brief an Außenminister Heiko Maas (SPD) gewandt.

Auswärtiges Amt lässt Fragen unbeantwortet

Wie berechnet das Auswärtige Amt die Schulortstufen? Der GEW ist lediglich bekannt, dass die Beratungsfirma Mercer Deutschland GmbH im Auftrag des AA Daten sammelt und auswertet. Welche Kriterien erfasst und wie sie gewichtet werden, dazu will das AA auf GEW-Anfrage keine Auskunft geben. Auch eine Anfrage von Anne Scherer, Mitarbeiterin des Bundestagsabgeordneten Diether Dehm (Die Linke), brachte wenig Erhellendes. Es gehe um die Ermittlung des „materiellen Mehraufwandes und der immateriellen Belastungen“, schrieb AA-Staatssekretärin Antje Leendertse in ihrer Antwort vom 15. Juli 2020. Angewandt werde eine „weltweit einheitliche Methodik“. Der „nach Vergaberecht beauftragte, unabhängige Dienstleister“ erhebe Daten „im Herbst des Vorjahres“, die dann „in der zweiten Hälfte des Folgejahres in Kraft treten“. Die GEW kritisiert, dass das Problem der intransparenten Festsetzung der Schulortstufen bestehen bleibt. „Die Kriterien sind offenzulegen und müssen nachvollziehbar sein“, fordert der AGAL-Vorsitzende Günther Fecht.

Coronakrise wurde noch nicht berücksichtigt

Mit Datum vom 30. Juli 2020 erhielt auch der Bundestagsabgeordnete Thomas Erndl eine schriftliche Antwort. „Angesichts des erheblichen Datenvolumens entsteht eine zeitliche Verzögerung, die sich leider nicht vermeiden lässt“, betonte Michelle Müntefering (SPD), Staatsministerin im Auswärtigen Amt. „Dies erklärt, warum sich die aktuellen Entwicklungen der Coronakrise oder auch andere Entwicklungen davor bei der jetzigen Zonenstufenzuordnung (noch) nicht widerspiegeln.“ Das Verfahren sei zwischen verschiedenen Bundesministerien vereinbart worden und könne „nicht einseitig vom Auswärtigen Amt geändert werden“. Michelle Müntefering weiter: Sie sehe daher „keine realistische Chance“, dem „verständlichen Anliegen“ der Lehrkräfte in Mexiko entgegen kommen zu können.