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LehrkräftemangelSchulen ohne Leitung

Weit mehr als 1.000 Rektorenposten an Deutschlands Schulen sind verwaist. Der Grund: Die Mehrarbeit wird zunehmend unattraktiv. Zusätzliche Verantwortung und Arbeit werden nicht gut bezahlt.

13.03.2020 - Sven Heitkamp, freier Journalist

Wer sich gegenwärtig mit Schulleiterinnen und Schulleitern unterhält, bekommt fast überall in Deutschland sehr ähnliche Antworten: Die Kolleginnen und Kollegen lieben ihren Job – aber sie leiden unter den Arbeitsbedingungen. Johannes Hermann zum Beispiel. Seit acht Jahren leitet er die Albert-Schweitzer-Grundschule im Örtchen Muggensturm bei Rastatt in Baden-Württemberg, die auch offene Ganztagsbetreuung und eine Kindersportschule anbietet. „Ich gehe jeden Morgen unheimlich gern zu meiner Arbeit“, sagt er. „Aber ich verstehe jeden, der die Finger von Schulleitung lässt.“ Nicht umsonst gelte die benachbarte Region um Freudenstadt bereits als „Mangelgebiet“.

Der Aufwand für einen Rektorenposten sei einfach extrem hoch. „Ich bin jeden Morgen der Erste und abends immer der Letzte“, erzählt Hermann. Hinzu kämen Abendtermine vom Elternabend bis zum Gemeinderat. „Ich arbeite jede Woche 60 Stunden.“ Das Schlimmste sind für Hermann die wachsenden Verwaltungsaufgaben: „Infektionsschutz, Seuchenschutz, Brandschutz, Datenschutz, Personalsuche für die Ganztagsangebote: Die Schulverwaltung wird immer mehr auf die Rektoren abgewälzt“, bedauert Hermann. Und nebenbei unterrichtet er Mathe in der 1. Klasse. Die Vor- und Nachbereitung dafür schafft er nur am Wochenende. Sein Wunsch: mehr Entlastungsstunden, eine höhere Besoldung und vor allem externe Beauftragte für die Verwaltungsaufgaben.

Schlechte Personalplanung

Die wachsende Belastung hat sich herumgesprochen. Deutschlandweit sind immer mehr Leitungsposten verwaist, vor allem an Grundschulen. Laut der Nachrichtenagentur dpa waren Ende 2019 bundesweit mehr als 1.000 Rektorenstellen frei, die meisten davon an Grundschulen. Allein in Nordrhein-Westfalen (NRW) waren es laut Statistik mehr als 450, in Baden-Württemberg fast 250. In Sachsen waren zuletzt 88 Schulen ohne Schulleitung, in Sachsen-Anhalt 73, in Mecklenburg-Vorpommern 60 und in Berlin 35. Die Leidtragenden sind meist die verbliebenen Stellvertretungen, ältere Kolleginnen und Kollegen oder Schulleiterinnen und Schulleiter von Nachbarstandorten, die die Pflichten mit erledigen müssen.

Kristina Argus engagiert sich im Referatsleitungsteam für Schulen bei der GEW in Thüringen, sie unterrichtet Wirtschaft-Recht-Technik (WRT) an einer Haupt- und Realschule, die im Freistaat „Regelschule“ heißt. Ihre Schulleiterin war fast drei Jahre langzeitkrank. Die Leitungsstelle blieb so lange unbesetzt, bis die Kollegin in den Ruhestand ging. Bis dahin musste eine neu eingestiegene Stellvertreterin die Aufgaben übernehmen. „Sie hat ganz schön rotiert, aber ihre Sache letztlich gut gemacht“, erzählt Argus. Eine ordentliche Bezahlung der Mehrarbeit und genug Anrechnungsstunden habe sie aber nicht bekommen. „Angemessen ist es eigentlich nie.“ In einem anderen Fall habe ein Schulleiter einen zweiten Standort monatelang parallel mit leiten müssen.

Das Dilemma sei teilweise hausgemacht, betont Argus. Es liege nicht nur daran, dass jemand länger erkrankt ist oder sich kein passender Bewerber findet, sondern auch daran, dass die Personalplanung viel zu spät anlaufe. Selbst wenn längst abzusehen ist, wann jemand in den Ruhestand geht, werde die Stelle viel zu spät ausgeschrieben. „Das Prozedere mit Beurteilungen und Bewerbergesprächen dauert seine Zeit“, sagt Argus. Teils fänden sich auch keine Bewerber, die die hohen Anforderungen erfüllen. Konkurrenzklagen verzögern die Besetzungen mitunter weiter. „Manche Verfahren ziehen sich über Jahre hin“, erzählt Argus.

„Gerade die Schulleitungen an Grundschulen haben sehr hohe Unterrichtsverpflichtungen und zugleich sehr viele Verwaltungsaufgaben – dieses Pensum schreckt viele ab.“ (Laura Pooth)

In Niedersachsen klagt die GEW mit einigen Kolleginnen und Kollegen inzwischen gegen die Landesregierung wegen überhöhter Arbeitszeiten, Ende März beginnen die Verhandlungen. Einer der Kläger ist Frank Post, Leiter der Grundschule Fuhsestraße, eine Stadtteilschule in Hannover-Leinhausen mit offenen Ganztagsangeboten und einem Team von 60 Fachkräften. Post unterrichtet jede Woche zehn Stunden Sachunterricht und Werken, er hat Arbeitszeiten von mehr als 50 Stunden pro Woche. „Eine Schule als demokratischen, offenen Ort in einem Stadtteil zu leiten, ist eine wunderbare Aufgabe“, sagt Post. „Aber unsere Rahmenbedingungen stammen von vor 100 Jahren. Mit einer modernen Schule mit Ganztagsprogramm, Inklusion, Integration und gelungenen Übergängen im Bildungssystem hat das nichts zu tun“, sagt Post. „Als hätte man eine Kutsche und sollte ein Elektroauto daraus machen.“

Eine Reduzierung der Belastungen sieht auch die niedersächsische GEW-Vorsitzende Laura Pooth als zentralen Punkt: „Gerade die Schulleitungen an Grundschulen haben sehr hohe Unterrichtsverpflichtungen und zugleich sehr viele Verwaltungsaufgaben – dieses Pensum schreckt viele ab.“ An den allgemeinbildenden Schulen in Niedersachsen seien derzeit etwa 180 Leitungsstellen nicht besetzt. Besonders krass: Manche Grundschulen im dünn besiedelten Emsland haben schon mehr als 20 Mal erfolglos eine Leitungsstelle ausgeschrieben. „Die Folge ist eine Überlastung der Kollegien, auf die die Arbeit abgewälzt wird“, so Pooth. Und auch die Schülerinnen und Schüler leiden unter dem Mangel. „Es ist niemand mehr da, der sich um die Weiterentwicklung der Schulen kümmern kann“, sagt Pooth. „Die pädagogische Arbeit bleibt auf der Strecke.“

„Im Grunde müsste man Schulleitung als eigenes Berufsbild betrachten“, bringt Margarete Rotter das Dilemma auf den Punkt. Sie leitet seit 2001 die Heinrich-Hoffmann-Grundschule in Darmstadt. Doch zur Leitung einer Schule seien betriebswirtschaftliches und kaufmännisches Know-how nötig, man brauche Freiräume für die pädagogische Gestaltung und auch eine eigene Personalvertretung, so ihre Erfahrung. Zudem sollten Schulen ihre Personalentscheidungen selbst treffen können, was in Hessen nicht der Fall ist. Auch das Personal der Sekretariate sollte nach Rotters Ansicht beim Land und nicht bei den Kommunen angesiedelt sein. Um mehr Interessenten zu gewinnen, sagt sie, müsse es neben einer Erhöhung des Deputats für Schulleitungsaufgaben bei gleichzeitiger Senkung der Unterrichtsverpflichtung auch eine höhere finanzielle Wertschätzung für den immensen Mehraufwand an Verwaltungs- und Dokumentationspflichten geben. Nach Zahlen des Kultusministeriums sind in Hessen 50 bis 100 Stellen „in einer Besetzungsphase“, wie es heißt.

Erste Verbesserungen

Während sich die Kultusministerkonferenz bislang nicht zu einer gemeinsamen Stellungnahme entschlossen hat, bessern erste Länder wie NRW inzwischen nach. Baden-Württemberg will ab nächstem Schuljahr die Besoldung von Leitungsstellen an Grundschulen unabhängig von der Größe von A12 auf A13 und an anderen Schulen auf A14 anheben. Das bedeutet für Leitungen kleinerer Grundschulen wie Hermann trotz des Wegfalls der bislang gezahlten Zulage von 180 Euro zwischen rund 300 und knapp 400 Euro brutto mehr im Monat. Zudem soll es mehr Konrektoren und Zulagen für kommissarische Schulleitungen geben. Auch pädagogische Assistenzsysteme sowie Fortbildungs- und Beratungsangebote sollen ausgebaut werden.

Hessen hat die Bezahlung der Schulleitungen in Grundschulen bereits mit einer höheren Besoldung oder einer Zulage nachgebessert und richtet erstmals auch in kleineren Grundschulen Stellvertreterposten ein. Sachsen bereitet unterdessen einen Entlastungskatalog für Leitungen vor. Niedersachsen hat sogar angekündigt, ein eigenständiges Berufsbild Schulleitung zu entwickeln.

In Bayern ist nach Ministeriumsangaben derzeit weniger als 1 Prozent der Leitungsstellen unbesetzt. Vereinzelt seien Stellen etwa an Förderschulen vakant und müssten wiederholt ausgeschrieben werden, berichtet GEW-Landesgeschäftsführerin Elke Hahn. Doch auch im Freistaat könnte sich die Lage verschärfen: Weil künftig viele Leitungskräfte in Pension gehen und sich herumspreche, so Hahn, dass „Selbstausbeutung unter den derzeitigen Bedingungen in dem Job naheliegt“.