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Auswirkungen der CoronapandemieSchulbildung nur für Privilegierte?

Die Bildungsinternationale (BI) kämpft gegen die Privatisierung der Bildung, die in vielen Ländern in Afrika ein großes Problem ist. Über erste Erfolge und die Auswirkung der Covid-19-Pandemie berichtet Dennis Sinyolo, Koordinator der BI für Afrika.

09.06.2021 - Interview: Carmen Ludwig, Referentin Internationales im GEW-Hauptvorstand

  • E&W: Zur Educational International African Region (EIRAF) gehören 122 Mitgliedsorganisationen aus 53 Ländern in Afrika sowie aus einigen Ländern des Mittleren Ostens wie Palästina, Libanon und Jemen. Bei allen Unterschieden der Bildungssysteme in diesen Ländern: Wie groß ist das Ausmaß der Bildungsprivatisierung in Afrika insgesamt?

Dennis Sinyolo: Privatisierung von Bildung ist eine große Herausforderung, denn sie schreitet in vielen Ländern voran. Es gibt die sogenannten Low-Cost-Privatschulen wie Bridge International Academies, die im Grunde aber nicht wirklich kostengünstig sind. Das Schulmodell soll eigentlich Eltern aus den ärmsten Teilen der Bevölkerung ansprechen – diese Familien können aber nicht einmal die ermäßigten Gebühren aufbringen. Daneben gibt es die elitären Privatschulen, die sehr teuer sind und dadurch nur von einer sehr kleinen privilegierten Oberschicht besucht werden können, wie es zum Beispiel in Südafrika und Zimbabwe zu beobachten ist.

Manchmal lässt sich die Grenze zwischen öffentlichen und privaten Schulen nicht so klar bestimmen. Es gibt nichtstaatliche Schulen, die nicht profitorientiert sind, -beispielsweise religiöse Schulen. Von diesen sind -einige kostenfrei, andere sehr teuer, und wieder andere werden vom Staat mitfinanziert. Wir werden dieses Jahr eine afrikaweite Studie zur Privatisierung von Bildung durchführen, um die unterschiedlichen Modelle näher zu untersuchen.

  • E&W: Wie wirkt sich die Covid-19-Pandemie aus?

Sinyolo: Unsere Studie zum Einfluss von Covid-19 auf die Bildung in Afrika hat gezeigt, dass sehr viele Schülerinnen und Schüler nicht weiterlernen konnten. Es wurden zwar einige Programme über das Fernsehen oder Radio ausprobiert, diese haben aber den Großteil der Kinder in Afrika nicht erreicht.

Für virtuellen Unterricht fehlt es meist an der Infrastruktur wie Elektrizität, Computer und Internetzugang. Grundsätzlich kann virtueller Unterricht die Präsenz in der Schule auch nicht ersetzen, diese ist unentbehrlich. Als Konsequenz der Pandemie ist in vielen Ländern die Kinderarbeit wieder gestiegen. Besonders Mädchen sind betroffen, auch durch frühe Schwangerschaften. Viele von ihnen werden vermutlich nicht in die Schule zurückkehren. Die Schule ist für die Kinder aber der beste und sicherste Lernort.

Letztlich haben oft nur die wenigen privilegierten Mädchen und Jungen an den teuren Privatschulen weiterhin Schulbildung erhalten. Aber auch viele Privatschulen mussten schließen, weil sie auf die Schulgelder angewiesen sind. In Ruanda beispielsweise bietet der Staat den Schulen Darlehen an, um die Lehrkräfte bezahlen zu können. Da das Geld aber am Ende wieder zurückgezahlt werden muss, lehnen viele Privatschulen dieses Angebot ab und ziehen es vor, ihre Lehrkräfte zu entlassen. In Ruanda wurden zuletzt 13.000 Lehrkräfte monatelang nicht bezahlt. Ähnlich war es in Malawi, bis die dortige Gewerkschaft der Privatschullehrkräfte die Regierung überzeugt hat, die Schulen wieder zu öffnen. Das zeigt, dass Privatisierung keine nachhaltige Lösung ist.

  • E&W: Wie arbeiten die Low-Cost-Bildungsanbieter?

Sinyolo: Internationale Schulketten wie Bridge, auf die wir uns beispielsweise in Ländern wie Kenia, Uganda, Nigeria und Liberia besonders konzentrieren, verletzen die Rechte der Lehrkräfte und Lernenden. Der Lehrplan wird außerhalb des Landes in den Vereinigten Staaten entwickelt und dann den Lehrkräften auf Tablets zur Verfügung gestellt. Lehrkräfte, oft ohne entsprechende Ausbildung, sollen den strengen Vorgaben des Tablets folgen und dürfen nicht davon abweichen. Beim Unterricht geht es aber um Menschen, nicht um Maschinen! Lehrkräfte können sich nicht einfach mit einem Tablet vor die Klasse stellen und den Plan abarbeiten ohne auf die Reaktionen, die Interessen und die individuellen Bedürfnisse der Kinder einzugehen. Den Lehrkräften wird so jegliche Autonomie genommen.

  • E&W: Die Digitalisierung bringt doch aber auch Vorteile, oder?

Sinyolo: Digitale Technologien sind nicht grundsätzlich schlecht, solange sie angemessen eingesetzt werden. Aber so wie es von Bridge vorgeschrieben wird, entprofessionalisieren sie die Lehrkräfte.

  • E&W: Wie sieht es mit den Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte an diesen Schulen aus?

Sinyolo: 2016 haben wir in den Low-Cost-Privatschulen in Uganda eine Studie durchgeführt. Die Ergebnisse waren schockierend. Die meisten Lehrkräfte haben befristete oder kurzfristige Verträge. Sie erhalten nur zwischen 40 und 60 Prozent des Gehalts einer qualifizierten Lehrkraft an einer öffentlichen Schule. Würdige Arbeitsbedingungen, Sozial- oder Krankenversicherung fehlen.

  • E&W: Die BI kämpft gegen Bildungsprivatisierung und hat dazu die Kampagne Global Response gegen Bildungsprivatisierung gestartet, die durch die Beschlüsse der BI-Weltkongresse 2015 und 2019 zusätzlichen Schub bekommen hat. Wie gehen Sie vor?

Sinyolo: Wir führen zunächst Studien in den Ländern durch, um die Zusammenhänge bei der Privatisierung von Bildung besser zu verstehen. Auf Grundlage dieser Erkenntnisse entwickeln wir die Kampagnen. Diese tragen auch dazu bei, in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein für die Problematik zu schaffen. In Uganda beispielsweise hat der Präsident an der Vorstellung der Studie teilgenommen. Wenn der Präsident eines Landes sagt: „Ja, ich werde etwas dagegen tun“ und sich daran hält, ist das ein erster Erfolg.

Besonders wichtig ist natürlich die gute Zusammenarbeit mit den Bildungsgewerkschaften vor Ort. Wir mobilisieren auch unsere Partner aus der Zivilgesellschaft, die in der Globalen Bildungskampagne oder im afrikanischen Netzwerk der Kampagne „Education for All“ aktiv sind. Es geht darum, gemeinsam Druck auf die Regierungen auszuüben. Auch global muss Druck auf die Weltbank, als Geldgeberin von Bridge, aufgebaut werden. Das haben wir zum Beispiel durch Proteste in London und Washington während der Versammlungen der Weltbank getan, denn es ist problematisch, dass die Weltbank Einfluss auf die Bildungspolitik nimmt.

  • E&W: Was hat die BI bisher erreicht?

Sinyolo: In Kenia und Uganda haben wir gezeigt, dass die Bridge-Schulen gegen die Standards der Regierungen verstoßen. Die Behörden haben reagiert und zahlreiche Schulen geschlossen. Durch die Pandemie kam es zu weiteren Schulschließungen, dennoch ist Bridge in den Ländern weiter aktiv.

Ein großer Erfolg der Kampagne ist, dass die Weltbanktochter, die International Financial Corporation, ihre Förderung privater Billigschulbetreiber in Entwicklungsländern 2020 eingefroren hat. Dies muss auch in Zukunft so bleiben.

Es bleibt noch viel zu tun, denn es gibt weitere Akteure, die die Privatisierung vorantreiben. Dazu gehört GEMS Education, ein privater Bildungsanbieter, der hauptsächlich in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Ägypten tätig ist, aber auch nach Afrika und Lateinamerika expandiert.

Ein weiterer Akteur ist der Education Outcomes Fund (EOF), der aktuell Pilotprojekte in Ghana und Sierra Leone durchführt. Dieser Fonds der Kommission International Commission on Financing Global Education Opportunity soll Geld von Investoren und Regierungen generieren, um es unter anderem an Billig-Privatschulen weiter zu geben. Wir haben versucht, dies zu verhindern.

  • E&W: Wie geht die Kampagne weiter?

Sinyolo: Priorität hat zum Beispiel Ghana. Dort wollen wir auch die Aktivitäten des EOF beobachten. In Liberia unterstützen wir die Bildungsgewerkschaft weiter im Kampf gegen die Privatisierung. Außerdem werden wir unsere Aktivitäten in Nigeria, Uganda und anderen Ländern fortsetzen. Unsere aktuelle Studie zur Privatisierung in Afrika soll zeigen, in welchen weiteren Ländern es einen besonders hohen Handlungsbedarf gibt.