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Schokolade ohne Kinderarbeit

Gewerkschaften und Betriebsräte multinationaler Konzerne haben ein europäisches Netzwerk für Nachhaltigkeit in der Kakao- und Schokoladenproduktion gegründet. Sie fordern ein Ende von Kinderarbeit und faire Arbeitsbedingungen.

25.05.2011 - Manfred Brinkmann

Foto: Manfred Brinkmann

„Können Sie versichern, dass ihr Unternehmen nicht mit Kinderarbeit in Verbindung gebracht werden kann?“ Diese Frage steht im gewerkschaftlichen Leitfaden ‚Nachhaltigkeit in der Kakaokette’, der Betriebsräte und Vertrauensleute in multinationalen Unternehmen unterstützen will, sich für faire Arbeitsbedingungen und gegen Kinderarbeit in der Kakao- und Schokoladenproduktion einzusetzen. Der Leitfaden entstammt einer Initiative europäischer Gewerkschaften der Süßwaren- und Nahrungsmittelindustrie zur Bildung eines gewerkschaftlichen Netzwerkes für Nachhaltigkeit von der Kakaobohne bis zum Schokoladenriegel. Etwa siebzig Gewerkschafter aus dreizehn europäischen Staaten nahmen vom 23. – 25. Mai 2011 im belgischen Elewijt an der zweiten Kakao- und Schokoladenkonferenz des Netzwerks teil. „Es ist an der Zeit, dass Kinderarbeit und Kinderhandel in der Kakaoversorgungskette endgültig abgeschafft werden“, fordert Michael Bergstreser von der deutschen Nahrungsmittelgewerkschaft NGG, einer der Initiatoren des Gewerkschaftsnetzwerks. Sein Kollege Dick de Graaf von der niederländischen Gewerkschaft FVN Bondgenoten ergänzt: „Zehn Jahre ist es her, seit die großen multinationalen Schokoladenhersteller sich freiwillig und öffentlichkeitswirksam verpflichtet hatten, dafür zu sorgen, dass Kinderarbeit und Kinderhandel im Kakaoanbau Westafrikas beendet werden. Doch bis heute ist die Ausbeutung von Kindern auf Kakaoplantagen der Elfenbeinküste und Ghanas trauriger Alltag.“ Die Elfenbeinküste ist weltweit größter Produzent und Exporteur von Kakaobohnen, die den Grundstoff für die Schokoladenherstellung bilden.

„Als ich zum ersten Mal im Film gesehen habe, wie Kinder aus Mali über die Landesgrenze in die Elfenbeinküste verschleppt wurden, um dort zu arbeiten und Kakao zu pflücken, war ich schockiert“, berichtet Michaela Vermeij, Betriebsrätin bei Ferrero in Stadtallendorf. Sie hatte an der Gründungskonferenz des internationalen Gewerkschaftsnetzwerks im September 2010 in der NGG-Bildungsstätte in Oberjosbach teilgenommen. In einer Frankfurter Erklärung „Fairer Handel, Faire Arbeit“ hatten die Konferenzteilnehmer die Abschaffung der Kinderarbeit und ein Sozialsiegel für eine nachhaltige Kakao- und Schokoladenbranche gefordert. Unterstützt wurde die Gründung des Netzwerks von der Europäischen Kommission und der europäischen Förderation der Nahrungsmittelgewerkschaften EFFAT. Auf der Konferenz in Elewijt wurde deutlich, dass nicht nur beim Kakaoanbau in Afrika große Probleme existieren. Auch in Europa klagen Arbeitnehmervertreter in den Fabriken multinationaler Unternehmen wie Lindt, Mars, Nestle, Cargill, Kraft, Storck, Ferrero oder Barry Callebaut über prekäre Arbeitsbedingungen, geringe Bezahlung und Behinderungen gewerkschaftlichen Arbeit. Kontrovers wurde über die Bedeutung von Zertifizierungen und Siegeln für Schokoladenprodukte diskutiert. Die Unternehmen der Süßwarenindustrie reagieren auf den wachsenden Markt für ökologisch hergestellte und fair gehandelte Waren, indem sie ihre Produkte zunehmend auch unter Siegeln wie Fair Trade, Rainforest Alliance oder UTZ anbieten. Während einige Teilnehmer den Siegeln grundsätzlich misstrauen und darin nur eine Marketingstrategie der Unternehmen erkennen, sehen andere durchaus Chancen für Verbesserungen durch Zertifizierungen von Schokolade. In seinem Schlusswort hob EFFAT Generalsekretär Harald Wiedenhofer hervor, dass Kinderarbeit vor allem durch Armut entsteht und dass die Konzerne eine politische und soziale Verantwortung dafür tragen, was am Anfang der Produktkette passiert: „Dies betrifft nicht nur Westafrika, sondern auch die Türkei, wo Kinder Haselnüsse für den Export pflücken.“ Die Türkei ist weltweit führend in der Produktion von Haselnüssen, die in kaum einem Schokoladenprodukt fehlen. „Wir müssen den Druck auf die Unternehmen der Schokoladenindustrie erhöhen“, so Wiedenhofer. „Deshalb werden wir die Belegschaften informieren und Kinderarbeit zum Thema der europäischen Betriebsräte machen.“

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