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Aufstehen gegen RassismusSchockstarre überwinden

Aktiv gegen Alltagsrassismus: Ein Bündnis bildet in Workshops „Stammtischkämpferinnen und -kämpfer“ aus und ermutigt sie, Position zu beziehen. Der GEW-Landesverband Hessen plant ein Seminar mit Schwerpunkt auf Schule und Arbeitsplatz.

10.02.2020 - Kathrin Hedtke, freie Journalistin

Ob im Supermarkt, in der Straßenbahn, auf der Arbeit, in der Kneipe oder im Familienkreis: Rassistische Sprüche verschlagen einem oft die Sprache. „Es geht darum, diese Schrecksekunde zu überwinden“, sagt Joscha Bär vom Bündnis Aufstehen gegen Rassismus. Deshalb bietet die bundesweite Initiative kostenlose Ausbildungen zu sogenannten Stammtischkämpferinnen und -kämpfern an. Das Ziel: „Die rote Linie ziehen.“ Es gelte, dem Rechtsruck in der Gesellschaft etwas entgegenzusetzen. Vom zweistündigen Workshop in Darmstadt erhoffen sich rund zwei Dutzend Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor allem mehr Schlagfertigkeit. „Es gab schon oft Situationen, in denen ich gerne etwas gesagt hätte“, erklärt Marina, „aber ich wusste nicht, wie.“ Viele im Stuhlkreis nicken zustimmend.

Ein Berufsschullehrer sagt, er sei in der Schule quasi täglich mit Stammtischparolen konfrontiert. „Aber oft lässt es die Situation nicht zu, ewig lange Diskussionen zu führen.“ Eine Studentin will sich wappnen für Gespräche mit ihrem Vater, eine Erzieherin für rechte Sprüche im Kollegium. Tom, 30, erzählt von einer Situation beim Einkaufen. Zwei Verkäuferinnen ereiferten sich hinter der Kasse lautstark darüber, dass von Geflüchteten ja wohl etwas Dankbarkeit zu erwarten sei – „sie kriegen eine Menge, einfach so“ – doch stattdessen werde der Weihnachtsmarkt in Lichterfest umbenannt. „So ein Schwachsinn.“ Tom verließ den Laden, wütend und enttäuscht.

„Wenn niemand etwas dagegen sagt, wird es als legitime Meinung wahrgenommen.“ (Joscha Bär)

Der GEW-Landesverband Hessen hat zu dem Workshop eingeladen. „Das Thema brennt den Kolleginnen und Kollegen auf den Nägeln“, sagt Gewerkschaftsreferent Tobias Cepok. Ziel sei es, sich gemeinsam darin zu bestärken, gegen rechte Parolen im Umfeld vorzugehen. Die Workshops in Frankfurt am Main, Marburg, Wiesbaden und Darmstadt stießen allesamt auf großes Interesse. Zur Vertiefung plant der Landesverband zu dem Thema ein ganzes Wochenendseminar im Sommer. Dabei soll der Schwerpunkt auf Schule und Arbeitsplatz liegen.

Die zweistündigen Seminare bieten konkrete Tipps für den Alltag. Es gehe weniger um ausgefeilte Argumentationsstrategien, sagt Bär. Sondern vor allem darum, Position zu beziehen. Dabei gilt es, zunächst die Situation einzuschätzen: Sitzt die ganze Familie beim Kaffeetrinken an Omas Geburtstag zusammen oder macht die AfD auf dem Markplatz einen Infostand? Da-raus ergibt sich die Frage: „Worum geht es mir?“ Generell rät der Teamleiter, sich auf die „schweigende Mehrheit“ zu konzentrieren. Seiner Meinung nach sind die meisten Menschen einigermaßen offen für sachliche Diskussionen.

Allerdings rät Bär davon ab, die Energie an rechte Wortführer zu verschwenden. „Es lohnt sich nicht, auf jede Provokation einzugehen“, findet der Student. Eine AfD-Funktionärin wie Alice Weidel sei gefestigt in ihrer Meinung und nicht so leicht zu überzeugen. Deshalb sei es ratsam, ein Zweiergespräch abzublocken. „Dafür gibt es Aussteigerprogramme“, fügt er hinzu. Anders sieht es aus, wenn andere Menschen zuhören – oder mitlesen. „Wenn niemand etwas dagegen sagt, wird es als legitime Meinung wahrgenommen“, warnt der 25-Jährige.

Schwieriger ist es oft, im direkten Gespräch bei einer rassistischen Äußerung sofort eine gute Antwort parat zu haben. Der Workshop zeigt mehrere Optionen auf: Diskutieren – vorausgesetzt, dass der Gesprächspartner grundsätzlich offen für Fakten und Argumente ist. Oder sich positionieren, sprich: „Seinen Standpunkt klar machen, ohne sich ins Gespräch ziehen zu lassen.“ Wenn jemand mit einer Äußerung zu weit geht, zur Not auch einfach nur sagen: „Stopp!“ Und die Diskussion beenden.

Schlagfertigkeit entwickeln

Ein Rollenspiel soll dabei helfen. Beispiel: das muslimische Mädchen, das nicht am Schwimmunterricht teilnehmen darf, dazu der Spruch: „Da sieht man ja, wie tolerant der Islam ist.“ Helen geht in die Offensive. Offenbar gebe es die Überzeugung, der Islam sei nicht tolerant, so die Lehrerin. Am Einzelbeispiel werde eine Behauptung pseudobelegt. In der Diskussion über gute Antworten hebt der Teamleiter hervor, dass Verallgemeinerung oft als Muster hinter solchen Sprüchen stecke. Auch er rät, darauf hinzuweisen: „Und ein Beispiel zeigt, wie 1,6 Milliarden Menschen ticken?“ Oder: „Ich finde gut, dass du dich feministisch positionierst. Leider gib es Unterdrückung in allen Kulturen, Religionen und Ländern. Dagegen müssen wir kämpfen. Und zwar, indem wir Frauen unterstützen und nicht, indem wir gegen Muslime hetzen.“

Der Teamleiter verteilt Kärtchen mit rechten Aussagen. Ein Teilnehmer trägt den Spruch vor, ein anderer kontert, danach Szenenwechsel. Rückfragen, Fakten einfordern, sich positionieren, rote Linie ziehen, Emotionen zeigen: „Probiert aus, was für euch gut funktioniert.“ Wichtig sei, sich nicht mundtot machen zu lassen. In der Praxis oft nicht so einfach. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind am Anfang kurz überrumpelt, wie das Rollenspiel zeigt. So heißt es auf einer Karte zum Beispiel: „Juden haben in Deutschland zu viel Einfluss.“ „Ähm, okay“, Tamara stockt – Pause: „Was genau meinst du damit?“ Bei anderen Sprüchen geht es um Homosexualität, Multikulti, „Lügenpresse“ und Nationalstolz. Nach ein paar Runden kommen alle in Übung, ihre Antworten kommen prompt. „Welche Werte?“ – „Welche Studien?“ – „Wo ist der Zusammenhang?“ – „Das sehe ich anders!“

Das Bündnis „Aufstehen gegen Rassismus“ hat eigenen Angaben zufolge bundesweit bereits mehr als 13.000 Menschen in über 800 Seminaren zu Stammtischkämpferinnen und -kämpfern fortgebildet. In der Schlussrunde in Darmstadt sagt Tatjana. „Mir ist aufgefallen, dass ich nicht so schlagfertig bin wie ich dachte.“ Lena betont: „Ich fühle mich jetzt besser gewappnet.“ Viele nicken. „Auf jeden Fall.“ Helen sagt, sie empfinde es als sehr entlastend, nicht mit jedem ins Gespräch kommen zu müssen. Johannes zeigt sich überrascht, wie einfach er es findet zu argumentieren: „Das nehme ich mit.“ Auch Tom will nächstes Mal in einer Situation wie der im Laden den Verkäuferinnen höflich, aber bestimmt widersprechen. „Ich fühle mich durch das Seminar ermutigt.“

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