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Kommentar zur PISA-StudieSame procedure as every year

Die Gefahren, die von einem ungerechten Bildungssystem und mangelnder gesellschaftlicher Teilhabe ausgehen, werden unterschätzt. Menschen, die spüren, dass ihre Stimme nicht gehört wird, werden leichte Beute für extremistische Gruppierungen.

17.01.2020 - Ilka Hoffmann, GEW-Vorstandsmitglied Schule

Schon die ersten PISA-Studien vor fast 20 Jahren bescheinigten Deutschland, Kinder und Jugendliche aus armen Familien strukturell zu benachteiligen. Andreas Schleicher, der Direktor der Bildungsabteilung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), empfahl daraufhin, die frühe Aufteilung auf verschiedene Schulformen zu überdenken. Seitdem sind tatsächlich mehr integrative Schulformen entstanden.

Dies war aber keine Lehre aus den PISA-Studien, sondern hatte in erster Linie demografische Gründe. Auch waren die Reformen der Schulstruktur genauso halbherzig wie die Umsetzung inklusiver Bildung. Im Wesentlichen herrscht Stillstand auf dem Feld der Strukturreform. Es wird von politischer Seite gern auf die „Durchlässigkeit“ des Systems verwiesen. Leider ist das System meist nach unten hin durchlässig. Abstiege sind eher die Regel als Aufstiege.

„Bildungsbenachteiligung“ war und ist indes kein vorrangiges Thema der Bildungspolitik. Es wird auf das internationale Ranking geschaut. Das Absinken der „Elite“ macht mehr Sorgen als die Tatsache, dass fast ein Viertel der jungen Menschen abgehängt wird, die Integration von jungen Migrantinnen und Migranten nur unzureichend gelingt und die männlichen Jugendlichen sich eher verschlechtern als verbessern. Diese Probleme werden zwar ab und an in Sonntagsreden genannt, angegangen werden sie kaum. Das Einzige, was PISA hierzulande bewirkt hat, ist die Outputsteuerung und eine kritiklose Testgläubigkeit. Ein wirksames, gut ausgestattetes Bund-Länder-Programm zur Abmilderung von Bundesbenachteiligungen lässt weiterhin auf sich warten.

Den Befund, dass die Bildungsbenachteiligungen in Deutschland fortbestehen, müssen wir ernst nehmen. Unser Bildungsbegriff ist aber ein anderer als der der OECD.

Politik, und das gilt leider auch für die Bildungspolitik, wird von der urbanen Mittelschicht für die urbane Mittelschicht gemacht. Alle, die nicht dazugehören, können allenfalls auf Mitleid oder die Attestierung eines besonderen Förderbedarfs hoffen. Die Gefahren, die von einem ungerechten Bildungssystem und mangelnder gesellschaftlicher Teilhabe ausgehen, werden unterschätzt.

Menschen, die spüren, dass Politik sie nicht im Blick hat und deren Stimme nicht gehört wird, identifizieren sich nicht mit dieser Gesellschaft. Sie ziehen sich zurück oder werden eine leichte Beute für extremistische Gruppierungen. Demokratie lebt aber davon, dass alle Menschen als gleichwertig angesehen werden und Bildung versucht, allen die volle gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Hieran muss sich die Qualität eines Bildungssystems messen lassen.

Und genau hier werden auch die Widersprüche der PISA-Studien deutlich. Die soziale Benachteiligung wird zwar benannt, das Bild aber, das von den „guten Lernenden“ entworfen wird, ist das von jungen Menschen, die gesellschaftlich angepasst und gut zu testen sind. Dies führt dazu, dass Länder wie China und Korea, in denen es wenig persönliche Entfaltungsmöglichkeiten für Schulkinder gibt, als vorbildlich gelten.

Für die GEW heißt das: Den Befund, dass die Bildungsbenachteiligungen in Deutschland fortbestehen, müssen wir ernst nehmen. Unser Bildungsbegriff ist aber ein anderer als der der OECD. Wir gehen von den Rechten jedes einzelnen Menschen und seinen Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe aus. Wir werden weiterhin den Finger in die Wunde legen und ein demokratisches Schulsystem für alle fordern.

Schule muss alle Menschen stärken und niemanden ausgrenzen. Um dieses Ziel zu erreichen, brauchen wir ein integriertes Schulsystem und eine Lehrerinnen- und Lehrerbildung, die das Thema gesellschaftliche Benachteiligung im Blick behält. Wir bleiben dran!

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