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Salafismus wird zur neuen Jugendkultur

11.02.2016

Der radikale Islamismus hat sich zu einer subversiven Jugendkultur entwickelt. Die salafistische Ideologie gebe Jugendlichen Halt und eine klare Alltagsstruktur, sagen Experten. Salafisten würden so zu den "besseren Sozialarbeitern".

„Der politische Salafismus hat sich in den vergangenen Jahren zu einer radikalen Jugendsubkultur entwickelt“, sagt die Islamwissenschaftlerin Claudia Dantschke, Leiterin der Berliner Beratungsstelle Hayat. „Absolut jeder Jugendliche in dieser Gesellschaft kann zum Betroffenen werden“, betont der Psychologe Ahmad Mansour, der in der Beratungsstelle Menschen betreut, deren Kinder sich dem religiösen Radikalismus verschrieben haben. 

Alle haben eine Gemeinsamkeit: Ob Muslime oder nicht – sie haben nie eine reflektierte religiöse Sozialisation erfahren, die sie in die Lage versetzt hätte, sich kritisch mit Religion auseinanderzusetzen. Die Jugendlichen sind laut Dantschke in Familien aufgewachsen, die nach einem sehr strikten Islamverständnis leben, oder stammten aus liberalen Elternhäusern, in denen Religion kaum eine Rolle spielte. Viele kämen zudem aus zerbrochenen Familien, seien ohne Vater oder in patriarchalen Familien groß geworden. „Die Jugendlichen sind auf der Suche nach Geborgenheit, Zugehörigkeit, Orientierung und auch ein wenig Spiritualität“, erklärt die Islamexpertin.

"Religiöse Marktlücke"

„Die meisten Moscheeverbände in Deutschland haben es verschlafen, sich auf die neue Generation einzustellen“, kritisiert Mansour. Sie orientierten sich noch an den Arbeitsmigranten der ersten und zweiten Generation. Doch die dritte Generation sei hier aufgewachsen und durch das Leben in Deutschland geprägt. Die Imame, die aus der Türkei für einige Jahre nach Deutschland geschickt würden, kennen weder Sprache noch Lebenswelt der Jugendlichen. So sei eine „religiöse Marktlücke“ entstanden, sagt Mansour. Die Salafisten hätten sie erkannt und besetzt. Der Psychologe nennt sie gar „die besseren Sozialarbeiter“.

„Ein labiler Jugendlicher kann sich innerhalb eines Monats radikalisieren“, glaubt Dua Zeitun, bekennende Muslima und Mitbegründerin der „Muslimischen Jugendcommunity Osnabrück“ (MUJOS). Wer die Radikalisierung Jugendlicher verhindern oder aufhalten will, muss verstehen, weshalb, wie und wo sie sich radikalisieren. Doch die wissenschaftliche Forschung steht noch am Anfang.

Schulen müssen sich mit dem Phänomen religiöser Radikalisierung befassen

Meist sind Schulen der Ort, an dem junge Radikale erstmals auffallen und es zu Konflikten mit Lehrkräften und Mitschülern kommt. Deshalb empfiehlt das Team um Christoph Berens, Leiter des Bereichs Demokratiepädagogik am Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung, den Schulen, sich mit dem Phänomen religiöser Radikalisierung zu befassen. Für Lehrkräfte ist es häufig jedoch schwierig, zwischen Frömmigkeit und beginnender Radikalisierung zu unterscheiden.

Den vollständigen Artikel von Michaela Ludwig können Sie in der Februarausgabe der "E&W" nachlesen. 

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