GEW - Die Bildungsgewerkschaft
Du bist hier:

Schleswig-Holsteinisches Institut für Berufliche Bildung (SHIBB) Risse in der zweiten Bildungssäule?

In Schleswig-Holstein soll ein Institut entstehen, in dem alle Fäden der beruflichen Bildung zusammenlaufen. Das SHIBB wird indes nicht dem Bildungs-, sondern dem Wirtschaftsministerium unterstehen. Bei der GEW und in den Schulen herrscht Skepsis.

20.04.2020 - Esther Geißlinger, freie Journalistin

„Wir verplempern nur Zeit und verbessern nichts“, sagt Siegbert Schwab. Der Studienrat aus Neumünster unterrichtet Technologie, WiPo und Gemeinschaftskunde in der Dualen Ausbildung und am Beruflichen Gymnasium. Das Schleswig-Holsteinische Institut für Berufliche Bildung (SHIBB) werde als neue Verwaltungsebene für mehr Bürokratie sorgen und „Personal abziehen“, fürchtet er. Noch schwerer wiegen für ihn die Sorgen um die Jugendlichen: „Die beruflichen Schulen sind eine gleichwertige Säule für den Aufstieg durch Bildung.“ Diese Säule könnte Risse bekommen, fürchtet Schwab: „Es darf nicht darum gehen, die Wirtschaft zu bedienen, etwa indem Schmalspurabschlüsse eingeführt werden.“ Würde das Abitur am Beruflichen Gymnasium abgewertet, sei das -„soziale Auslese – Akademiker hier, -Malocher da“.

Thilo Rohlfs (FDP) ist als Staatssekretär des Kieler Wirtschafts- und Arbeitsministeriums für die Entwicklung des SHIBB zuständig und sieht darin „eine Chance, um die berufliche Bildung aufzuwerten“. Die Sorgen der Gegner hält er im Gespräch mit der E&W für unbegründet: „Für Jugendliche und Lehrkräfte wird sich nichts ändern – im schlechtesten Fall. Sehr wahrscheinlich wird sich vieles verbessern.“ Das SHIBB schaffe Synergien, vereine Fachwissen und sei „kampagnenfähig“, könne das Image der Berufsausbildung stärken und den Übergang zwischen Schule und Beruf erleichtern.

„In der Bundesrepublik einmalig“

„Diese Aufgaben sind lange bekannt“, sagt GEW-Landeschefin Astrid Henke. Ob es um Fachkräftemangel, fehlende Bildungsangebote in den ländlichen Regionen oder die Probleme beim Übergang gehe, „wir haben immer gesagt, dass wir die Fragen lösen sollten, doch stattdessen wird seit vier Jahren über Strukturen beraten“.

Zu beraten gibt es viel, denn das Konstrukt wäre „in der Bundesrepublik einmalig“, heißt es in einem Gutachten, das Michael Wrase, Professor für Öffentliches Recht an der Universität Hildesheim, im Auftrag der GEW-nahen Max-Traeger-Stiftung verfasst hat. Er verweist auf die „klassische Dualität beruflicher Bildung, wonach die Schule der betrieblichen Ausbildung komplementär gegenübertritt“. Würden die beruflichen Schulen dem Wirtschaftsbereich zugeschlagen, „widerspricht das in gewisser Weise diesem Grundgedanken“, sagt Ansgar Klinger, GEW-Vorstandsmitglied für Berufliche Bildung. Schließlich sollten die beruflichen Schulen „eine berufsübergreifende Bildung vermitteln, welche die Auszubildenden gegenüber den Verwertungsinteressen der Wirtschaft absichert“.

Kritik vom Koalitionspartner

Im Februar beriet der Kieler Landtag über eine Schulgesetzänderung, den ersten Schritt zur Gründung des Instituts. Bei der Debatte stießen beide Positionen zusammen – nicht zwischen Regierung und Opposition, sondern zwischen den Koalitionspartnern. Anita Klahn (FDP) lobte das SHIBB-Konzept für die „Verzahnung mit der Wirtschaft“ und verwies auf die Sorgen der Betriebe: „Es fehlen nicht-akademische Fachkräfte, Handwerker und anderes Personal.“ Die Grüne Ines Strehlau warnte dagegen: „Berufliche Bildung darf nicht allein dem Ziel der Fachkräftegewinnung untergeordnet sein.“ Denn für die Jugendlichen gehe es auch um Charakterbildung und persönliche Erfolge: „Darauf muss die Schule eingehen.“

Doch genau das passiere ja, sagt Staatssekretär Rohlfs: „Gerade in den Zeiten des Fachkräftemangels müssen wir auf jede und jeden einzelnen schauen.“ Das gelte besonders für Jugendliche, die erst seit kurzem im Land sind, eine Behinderung haben oder aus anderen Gründen mehr Förderung brauchen. Die Vorstellung, dass das Wirtschaftsministerium als Arm der Wirtschaft die Jugendlichen in eine marktgerechte Form presst, findet Rohlfs „geradezu platt“.

Grundsätzlich herrscht in der Landespolitik viel Zustimmung für das Institut, für das es mit dem Hamburger Institut für Berufliche Bildung (HIBB) ein Vorbild im Nachbarland gibt. Seit 2016 befasst sich das Kieler Parlament mit dem Plan. Damals regierte die SPD mit den Grünen und der Minderheiten-Partei SSW. Der Anstoß sei damals von den Grünen gekommen, erinnerte Strehlau: „Es gab einen einstimmigen Beschluss – allerdings unter anderen Vorzeichen.“ Denn geplant war, das SHIBB ans Bildungsministerium anzugliedern, darauf wies der SPD-Landtagsabgeordnete Kai Vogel hin. Dies sei unter der Jamaika-Koalition auf der Strecke geblieben. Doch wohin die berufliche Bildung gehört, sieht je nach Standpunkt unterschiedlich aus: „Auf Bundesebene und von anderen Ländern bekommen wir jede Menge Schulterklopfen“, sagt Rohlfs.

„Angesichts dieses Durcheinanders ist es mehr als fraglich, ob auch die KMK die Idee so genial findet wie von Herrn Rohlfs geschildert.“ (Ansgar Klinger)

Aktuell sind vier Ministerien mit beruflicher Bildung befasst: Das Bildungsministerium regelt den Unterricht in den Schulen, das Wirtschaftsministerium die Ausbildung in den Betrieben, das Landwirtschaftsministerium kümmert sich um die Berufe in Feld und Forst und das Gesundheitsministerium hat die Berufe aus dem Pflege- und Sozialsektor im Blick. Unter dem Dach des SHIBB sollen alle Gruppen einen Platz finden, sagt Bildungsministerin Karin Prien (CDU). Für die inhaltliche Abstimmung werde ein Kuratorium eingerichtet, dem neben den Ministerien auch Arbeitgeber und Gewerkschaften angehören.

Aber das SHIBB ist ein Zwitter: Die Dienstaufsicht liegt beim Wirtschafts-, die oberste Schulaufsicht und die Vertretung in der Kultusministerkonferenz (KMK) bleiben beim Bildungsministerium. „Angesichts dieses Durcheinanders ist es mehr als fraglich, ob auch die KMK die Idee so genial findet wie von Herrn Rohlfs geschildert“, so GEW-Berufsbildungsvorstand Klinger.

Zurück