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Reformbaustelle Rente – Ist die Altersgrenze noch zeitgemäß?

Viele Menschen arbeiten heutzutage nach dem Einstieg in die Rente weiter, denn die gesetzliche Rente reicht immer seltener zum Erhalt des Lebensstandards. Neben finanziellen Zwängen, gibt es jedoch auch persönliche Gründe, wie den Wunsch, an gesellschaftlichen Prozessen weiterhin teilzunehmen.

 

03.07.2015 - Sarah Kleemann

Die Moderatorin Gesa Bruno-Latocha vom GEW-Hauptvorstand verwies auch auf das Seniorentags-Forum der IGBAU zu "Arbeit und Rente: Lust oder Last?" vom Vortag.

Als einen zentralen Erfolg der Gewerkschaften hob Markus Hofmann, Abteilungsleiter Sozialpolitik beim DGB, die Rente mit 63 Jahren hervor. Jegliche Abschläge bei Hinterbliebenen- und Erwerbsminderungsrenten betrachtet Hofmann als falsch, da diese nicht auf freiwilligen Entscheidungen beruhten.

Er befürworte eine sensible Öffnung der Teilrentenoption, flankiert durch die Tarifvertragsparteien. Gleitende Übergänge, weniger arbeiten, weniger Entgelt - dies bedürfe einer durchdachten Gegenfinanzierung. Eine Teilrente ab dem 60. Lebensjahr gehe stets mit Abschlägen einher, die zu großen Teilen von den Tarifpartnern ausgeglichen werden müssten.

Aktuell arbeite eine Koalitions-Arbeitsgruppe an einem Papier zu flexiblen Übergängen. Verzögert worden sei es u.a. durch die unterschiedliche Schwerpunktsetzung bei den Koalitionsparteien: Die SPD wolle gleitende Übergänge ab 60 Jahren. Die Union setze hingegen auf das Weiterarbeiten über das 67. Lebensjahr hinaus. Hofmann bezweifelte, dass bis 2017 ein tragfähiges Ergebnis vorliege.

Gesetzliche Rente darf nicht zur Armutsrente werden

Das gesetzliche Rentensystem entwickle sich hin zu einer Armutsrente, bei der der Lebensstandard nicht gehalten werden könne. Die gesetzliche Rente sei weiterhin Dreh- und Angelpunkt des deutschen Alterssicherungssystems, so Hofmann. Daneben müssten sich Gewerkschaften, Sozialpartner und Politik vor allem dem Problem der Erwerbsminderung widmen. Erwerbsunfähigkeit führe bereits bei mittleren Einkommen zum sozialen Absturz.

Frauke Gützkow, Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands der GEW, leitete mit einem Blick auf die Zusammenhänge zwischen den herrschenden Geschlechterunterschieden, Gesellschaft und Rente ein. Die Rente sei als Bilanz des Erwerbslebens ein Spiegel des Familien-, Arbeits- und Steuerrechts. In Deutschland lag der "Gender Pension Gap" nach Angaben des BMFSFJ im Jahr 2011 bei knapp 59,6 Prozent - so viel geringer sind eigene Alterssicherungseinkommen von Frauen.

Teilzeit, Mini-Job und Ehegattensplitting führen bei Frauen zu geringen Renten

Die Rente werde von vielen Faktoren bestimmt: "Habe ich eine lange Schullaufbahn oder früh eine Ausbildung begonnen? Habe ich eine duale oder schulische Ausbildung, wie wurde das Familienleben organisiert?" Über die Auswirkungen dieser Faktoren müssten auch die Kinder und Enkel immer wieder aufgeklärt werden, so Gützkow. Sie kritisierte, dass widersprüchliche rechtliche Regelungen die Gleichstellung ausbremsten. Entscheidende Faktoren für geringe Renten seien die hohe Teilzeitquote, geringfügige Beschäftigung und das Ehegattensplittung. Alles Fragen, die der Vereinbarkeitsproblematik entspringen. Aus diesem Grunde müsse die Prüfung rechtlicher und politischer Instrumente stets ihre Perspektive auf weibliche Lebensverläufe richten.

Gesa Bruno-Latocha stellte als Diskussionsthese die streitbare Frage: Laufen wir Gefahr, mit dem Arbeiten über die Rente hinaus Rentenlöcher zu stopfen? Markus Hofmann betonte, das langfristige Ziel des DGB sei es, alle Menschen, von der Beamtin, dem Abgeordneten bis hin zur Selbstständigen, in ein System, die Erwerbstätigenversicherung, zahlen zu lassen. Alle Erwerbstätigenansprüche sollten gebündelt werden. Für Frauke Gützkow hat der Trend zur Individualisierung Vorteile und zugleich Nachteile. Die eigenständige Erwerbstätigkeit müsse dazu führen, dass die Rente schlussendlich für ein Leben über dem Existenzminimum reiche.

GEW-Veranstaltung | 11. Deutscher Seniorentag | 3. Juli 2015 | Frankfurt am Main

Kooperationsveranstaltung der GEW mit dem Sozialverband Deutschland (SoVD) und der Volkssolidarität Bundesverband

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