GEW - Die Bildungsgewerkschaft
Du bist hier:

Fachkräftemangel in KitasQuereinstieg lockt mehr Männer

Durch den Fachkräftemangel steigt die Zahl der Quereinstiege in den Kitas. Mittlerweile gibt es unterschiedliche Modelle. Darüber sprach die „E&W“ mit Jannes Boekhoff, Fachreferent in der Koordinationsstelle Chance Quereinstieg/Männer in Kitas.

08.02.2019

  • E&W: Bringen Quereinstiege mehr berufsbiografische Vielfalt in die Einrichtungen?

Jannes Boekhoff: Auf jeden Fall. Die vergangenen Jahre zeigen, dass das berufliche Spektrum über unterschiedliche Formen des Quereinstiegs breiter geworden ist. Und auch der Anteil von Männern sowie von Menschen mit Migrationshintergrund in den Kitas hat sich erhöht.

  • E&W: Quereinstiege sind offensichtlich für Männer attraktiv. Trotzdem arbeiten noch zu wenige in den Kitas. Warum?

Boekhoff: Ja, dass die Chance eines Quereinstiegs mehr Männer in die Kitas lockt, zeigt auch ein Bundesmodellprogramm, bei dem es um den Quereinstieg Fachfremder geht und das 2015 startete. Aber noch immer ist es so: In der Berufswahlphase mit 18, 19 Jahren werden Karrierewege durch mitunter traditionelle Geschlechterbilder bestimmt, die auch in den Peergroups wirken und junge Männer von pädagogischer Arbeit mit jüngeren Kindern abhalten. Sie streben eher später einen Berufswechsel an, durch Erfahrungen mit eigenen Kindern, vielleicht auch, weil sie die Arbeitsbedingungen in vielen Branchen – etwa bei Banken oder im Einzelhandel – als unbefriedigend erleben und sich deshalb häufiger die Sinnfrage stellen.

  • E&W: Welche Varianten des Quereinstiegs gibt es?

Boekhoff: Es gibt drei unterschiedliche Modelle: Zum einen bieten einige Bundesländer eine praxisintegrierte Ausbildung an. Diese kombiniert die Fachschulausbildung mit einer dreijährigen Kita-Ausbildung, während der eine Ausbildungsvergütung gezahlt wird. Zweitens gibt es die sogenannte berufsbegleitende Ausbildung. Hier geht mit der Fachschulausbildung ein Anstellungsverhältnis einher, das sozialversicherungspflichtig entlohnt wird. Die dritte Variante ist ein direkter Quereinstieg als pädagogische Fachkraft, häufig von Berufstätigen, deren bisherige Tätigkeit eine fachliche Nähe zur Kita-Arbeit aufweist.

  • E&W: Experten unterscheiden zwischen fachnahem und fachfremdem Quereinstieg?

Boekhoff: Genau. In Bayern zum Beispiel gibt es ein Modellprojekt, bei dem Interessierte mit Bachelorabschluss oder abgeschlossener Lehre mit Meister-Zertifikat die Chance erhalten, sich in 15 Monaten zu einer pädagogischen Fachkraft weiterzuqualifizieren. Voraussetzung: Zwischen dem Herkunftsberuf und dem Bildungsbereich muss eine inhaltliche Nähe bestehen. Ein ehemaliger Förster zum Beispiel würde als Fachkraft gut in eine Waldkita passen.

  • E&W: Welche Probleme gibt es beim Quereinstieg?

Boekhoff: Die größte Herausforderung ist, Quereinsteigende in die Kita-Teams zu integrieren. Zum Teil kommen ja gestandene Persönlichkeiten mit ganz anderen Berufserfahrungen in die Kindertagesstätten. Sie können gewachsene Teamstrukturen durchaus durcheinanderwirbeln. Und es ist sicher nicht immer einfach, wenn etwa eine 30-jährige Erzieherin, die für die Praxisanleitung zuständig ist, auf einen männlichen 45-jährigen Quereinsteiger mit viel Berufspraxis auf dem Buckel trifft.

  • E&W: Der praxisbegleitete Einstieg kostet Zeit. Dafür müssen Fachkräfte freie Kapazitäten haben.

Boekhoff: Insgesamt ist das Praxis-Mentoring leider nicht gut ausgestattet und bundesweit bisher wenig und unterschiedlich geregelt. Unter dem gegenwärtigen Druck des Fachkräftemangels kommt es durchaus vor, dass kaum Zeitressourcen für fachliche Begleitung vorhanden sind, weil es an allen Ecken und Enden an Personal fehlt. Etwas besser ist die Lage in Berlin. Dort stellt das Land in der berufsbegleitenden Ausbildung im ersten Jahr für die Praxisanleitung drei Stunden wöchentlich zur Verfügung.

  • E&W: Was bedeuten fehlende Zeitressourcen für die pädagogische Qualität?

Boekhoff: Problematisch wird es, wenn Quereinstiege dazu dienen, den Personalschlüssel in den Kitas anzuheben und pädagogische Fachkräfte somit ein Stück weit zu ersetzen. Viele Träger nutzen diese Möglichkeit, um vakante Stellen zu füllen. Doch gerade, wenn Quereinsteigende in ihrem Berufsleben bisher wenig pädagogische Bezüge haben, benötigen sie fachliche Betreuung. Optimal wäre es, wenn alle Länder die Praxisbegleitung regelten.

  • E&W: Wann läuft ein Quereinstieg schief?

Boekhoff: Beispielsweise wenn Quereinsteiger ihre Ausbildung abbrechen, weil es mit der Zusammenarbeit im Kita-Team nicht klappt, die Ausbildung zu lange dauert, es keine Ausbildungsvergütung gibt.

  • E&W: Einige Bundesländer bieten eine praxisintegrierte Ausbildung (PiA) mit Vergütung an. Ein Lösungsweg, zumindest, was das Geld betrifft?

Boekhoff: So ist es. Baden-Württemberg (BaWü) hat PiA am weitesten ausgebaut und sehr gute Erfahrungen damit gemacht, gerade weil das Land auch Absolventinnen und Absolventen mit Fachschulreife ins Programm aufgenommen hat. Der Anteil der PiA-Schülerinnen und -Schüler liegt dort bei über 30 Prozent. Bremen startete PiA 2018 als kleineren Schulversuch. Nordrhein-Westfalen (NRW) erprobt das Ausbildungsmodell ebenso. Die Zugangsvoraussetzungen sind jedoch andere als in BaWü: NRW fordert im Vorfeld einen deutlich höheren Praxisanteil.

  • E&W: In Bayern gibt es OptiPrax – eine Erzieher-Weiterbildung mit optimierten Praxisphasen – wie unterscheidet sich das Modell von PiA?

Boekhoff: Wenig. Nur, dass es hier drei Varianten für unterschiedliche Zielgruppen gibt: Zum einen für die Gruppe der Abiturienten, das ist die häufigste Variante. Die zweite spricht stärker Quereinsteigerinnen und -einsteiger, also berufserfahrene Menschen an. Die dritte konzentriert sich auf Schülerinnen und Schüler mit Mittlerer Reife, deren Ausbildung von fünf auf vier Jahre verkürzt wird.

  • E&W: Kritische Stimmen fürchten, dass die Theorie dabei zu kurz komme.

Boekhoff: Diese Sorge teile ich nicht. Die Theorieanteile richten sich nach den Rahmenvorgaben der Kultusministerkonferenz (KMK). Die Stärke dieser Modelle: der deutlich höhere Praxisanteil in der Ausbildung und damit eine engere Theorie-Praxis-Verzahnung.

  • E&W: Die praxisintegrierte Ausbildung wurde in den Tarifvertrag für Auszubildende des öffentlichen Dienstes (TVAöD) aufgenommen – etablieren sich darüber praxisintegrierte Ausbildungsformen?

Boekhoff: Die Ausbildung für Erzieherinnen und Erzieher sollte künftig – wie in anderen Berufen üblich – verbindlich über eine Ausbildungsvergütung geregelt werden, denn die Konkurrenz zu anderen Berufsfeldern ist groß. Das würde zu einer stärkeren gesellschaftlichen Anerkennung des Erzieherberufs beitragen. Die Aufnahme der PiA-Ausbildung in den TVAöD ist ein erster wichtiger Schritt, auch als Orientierung für freie Träger. Das neue Bundesprogramm von Familienministerin Franziska Giffey (SPD), mit dem sie zusätzliche Erzieherinnen und Erzieher gewinnen will, sieht zumindest 5.000 PiA-Stellen vor. Ziel: der Wandel hin zu einer Ausbildung mit Vergütung.

Zurück