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Kulturelle BildungQualifikation: Ex-Klassenkasper und In-Hefte-Kritzler

Wie und warum wird man Künstler? Kann man Künstler in der Schule lernen? Vier Fragen an den Karikaturisten Freimut Woessner.

08.11.2019 - Jürgen Amendt, Redakteur der „Erziehung und Wissenschaft“

  • E&W: Sie haben zunächst Psychologie studiert, dann aber einen Zeichenkurs an der Volkshochschulschule in Berlin-Schöneberg besucht. Warum sind Sie anschließend Karikaturist geworden?

Freimut Woessner: Ich war auf der Suche nach dem Sinn unseres rätselhaften Daseins. Ergebnis nach acht Semestern und einem Vordiplom: minus Nullkommanull. Dann kam eine Zeit des Rumprobierens, Umherziehens und Sich-Durchschlagens – schließlich dann als Taxifahrer in Berlin. Und so ganz allmählich entwickelte sich der Traum, mit Bleistift, Papier, Radierer, Feder und Tusche und einem Aquarellkasten meine eigenen Welten zu erschaffen – sinnvolle und unsinnvolle – und womöglich davon leben zu können. Qualifikation: Ex-Klassenkasper und In-Hefte-Kritzler.

  • E&W: Welche Rolle hat der Kunstunterricht in der Schule für Ihre Entscheidung gespielt, eine künstlerische Laufbahn einzuschlagen?

Woessner: Eine positive – durch Abwesenheit von Wissensvollstopfung. Das war noch die selige Zeit, als man im Kunstunterricht tatsächlich frei und ohne großen Notendruck zeichnen und malen konnte! Mit Spaß, mit Freude! Und das an einer staatlichen Schule! Bis zum Abi gab es keinen einzigen Test! Eher gaben die anderen Fächer und deren Vermittler Anlass zu zeichnerischer Fort-Bildung – nämlich fort vom Fach und rein in die Traumwelt. Meine tiefe Überzeugung: Bei den musischen Fächern sollte nur die Mitarbeit benotet werden, ansonsten sollte man zeichnen, malen, singen oder sonstwie Töne erzeugen zur reinen Freude am Dasein – der wichtigste Lerninhalt überhaupt.

  • E&W: Welches Kunstwerk, welches Theaterstück, welche Oper, welchen Kinofilm oder welches Buch haben Sie nie verstanden?

Woessner: Als Kind habe ich nie etwas verstanden, ich war immer nur schwer beeindruckt von allem – mit runtergeklapptem Unterkiefer und großen Augen. Viel später bei den Büchern waren es die Bibel, der Koran und das Kapital – einfach schon deshalb, weil ich sie bis heute noch nie ganz gelesen habe, vor allem letzteres.

  • E&W: Multitalente wie Peter Ustinov, der Schauspieler und Synchronsprecher, Regisseur, Bühnenbildner, Karikaturist sowie Oboe- und Flötenspieler (auch ohne Oboe und Flöte!) war, findet man in der Kulturwelt selten. Welche Kunst, die Sie nicht beherrschen, möchten Sie unbedingt noch erlernen?

Woessner: Dichten mit Reim und Versmaß, aber das kann man nicht lernen, das muss man bei der Geburt schon mitgebracht haben. Aber dann: Orgelspielen, auch mit den Beinen, dann könnte ich endlich meinen Bach schön langsam spielen und er würde nicht so artistisch runtergerattert, wie heutzutage üblich.

Karikatur: Freimut Woessner
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