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Fachkräftemangel in Schule, Kita, Jugendhilfe und Hochschule Probleme werden einfach wegdefiniert

Angebot und Nachfrage stimmen auf dem Lehrkräftearbeitsmarkt seit Jahren nicht mehr überein. Verantwortlich dafür sind die Länder, die sich die Situation mit Zahlentricks schönrechnen.

09.11.2020 - Gesa Bruno-Latocha, Referentin im GEW-Vorstandsbereich Tarif- und Beamtenpolitik

Im September legte Mark Rackles, ehemaliger Berliner Bildungs-Staatssekretär, eine Expertise zum Thema „Lehrkräftebildung 2021 – Wege aus der föderalen Sackgasse“ vor. Rackles beschreibt mit der erfrischenden Offenheit eines Insiders, wieso es in Deutschland seit Jahrzehnten nicht gelingt, in ausreichendem Maße Nachwuchs für Deutschlands Lehrerzimmer auszubilden:

  • Nur drei Länder haben in den vergangenen Jahren „bedarfsdeckend“ ausgebildet (zumindest, was die reine Anzahl an Absolventinnen und Absolventen des Vorbereitungsdienstes angeht). In neun von 16 Bundesländern reicht die Zahl der selbst ausgebildeten Lehrkräfte des Vorbereitungsdienstes nicht einmal für 50 Prozent der Einstellungen.
  • Zwar wurden in zehn von 16 Ländern die Studienplätze mit Lehramtsbezug ausgebaut, so dass die Zahl von 2011 bis 2019 bundesweit um 17 Prozent gestiegen ist. Aber sechs Länder haben Studienplätze abgebaut, ganz vorne das Saarland (-26 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (-18 Prozent).
  • Bezogen auf Lehramtsstudierende je 1.000 Schülerinnen und Schüler bilden Niedersachsen (11), das Saarland (13) und Brandenburg (14) weit unterdurchschnittlich aus. Schleswig-Holstein (16) sowie Sachsen-Anhalt und Thüringen (17) verfehlen klar den Bundesschnitt von 22. Dagegen liegen Rheinland-Pfalz (33), Berlin (30) und Bremen (28) weit darüber.
  • Bei den Studienplatzkapazitäten (hier: 7. und 8. Fachsemester) verfehlen Brandenburg und Saarland (je 2,2 Prozent) sowie Sachsen-Anhalt (2,6 Prozent) das Minimalziel an Ersatzkapazitäten (bei 35 Dienstjahren und Annahme einer Gleichverteilung wären dies 2,9 Prozent). Tatsächlich lagen die Einstellungen im Schnitt der vergangenen zehn Jahre bei rund 4 Prozent des Lehrkräftebestands.
  • Trotz bundesweit steigender Studienplätze sinkt die Zahl der Absolventinnen und Absolventen: 2019 legten 23.516 Menschen erfolgreich ihr Erstes Staatsexamen ab bzw. machten den Master of Education. 2011 lag die Zahl bei 30.415. Offensichtlich gibt es im Laufe des Studiums einen zunehmenden Schwund.
  • Die universitäre Lehramtsausbildung wird von knapp 120 unabhängigen Hochschulen getragen. Institutionell müssen sich mindestens drei bis vier Akteursgruppen verständigen: diverse Fachbereiche, Hochschulleitungen, Bildungs- und gegebenenfalls noch Wissenschaftsverwaltung. Dies blättert sich inhaltlich nach Fächern, Schularten und Abschlüssen auf. Im Ergebnis gibt es aktuell 4.745 verschiedene Lehramtsstudiengänge und 49 verschiedene Abschlussprüfungen mit Lehramtsbezug.
  • 2020 haben von diesen Studiengängen 36 Prozent einen Numerus clausus (NC), bei den sogenannten grundständigen Studientypen (erster berufsbefähigender Abschluss; insbesondere Bachelor) sogar fast die Hälfte aller Studiengänge (48 Prozent).

Fehlerhafte KMK-Prognosen

Die Kultusministerkonferenz (KMK) wurde über Jahre immer wieder dafür kritisiert, dass ihre Prognosen für „Lehrereinstellungsbedarf“ und „Lehrereinstellungsangebot“ meilenweit neben der Wirklichkeit lagen. 2017 beschloss die KMK, künftig auch Länderwerte zu veröffentlichen, und 2018, die Prognosen jährlich zu aktualisieren. Das Ergebnis: In der jüngsten Prognose vom Dezember 2019 wurden nur noch Werte für einzelne Lehrämter veröffentlicht. Gesamtdeutsche Werte für alle Lehramtstypen zusammen darf die geneigte Autorin sich aus 14 verschiedenen Tabellen heraussuchen und selbst addieren.

Tut man das, kommt man zu interessanten Ergebnissen: Im betrachteten Zwölf-Jahres-Zeitraum 2018 bis 2030 werden nahezu exakt die gleichen Werte für „Lehrereinstellungsbedarf“ und „Lehrereinstellungsangebot“ erreicht, und zwar 423.710 zu 423.591 Personen. Rechnet man allerdings alle Lehrämter außer Sek II / Gymnasium zusammen, dann ergibt sich ein „Fehlbetrag“ von rund 42.000 Menschen. Umgekehrt gibt es also rund 42.000 Absolventinnen und Absolventen des gymnasialen Lehramts „zu viel“.

Das Problem sind die Daten

Allerdings bestätigt die Veröffentlichung der Länderdaten, was die Kritiker der KMK-Prognosen vermutet hatten: Das Problem sind die Daten, mit denen die KMK arbeiten muss. So meldet das Land Sachsen für „Lehrereinstellungsbedarf“ Jahr für Jahr die gleichen Werte wie beim „Lehrereinstellungsangebot“. Sachsen ist seit vielen Jahren das Land mit dem größten Lehrermangel und den meisten Seiteneinsteigern. So geht anscheinend sächsisch: Probleme werden einfach wegdefiniert.

Aber auch in manchen anderen Ländern scheint man nicht viel Mühe auf die Prognosen zu verwenden. Meist bleibt der Wert ab 2020, 2022 oder spätestens 2025 gleich. Einzig das Land Sachsen-Anhalt gibt eine ehrliche Fußnote ab: „Für das Jahr 2018 sind es die tatsächlich ausgeschriebenen Stellen, für die Jahre ab 2019 die notwendigen Einstellungen. (…) Derzeit liegen die Einstellungen unterhalb der Möglichkeit der zu besetzenden Stellen.“