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Präventionsarbeit an Schulen: Beispiele aus der Praxis

Raus aus den Drogen: Was kann Schule tun? Wie sieht Präventionsarbeit aus? Die „E&W“ hat Fallbeispiele aus Nordrhein-Westfalen recherchiert - von Suchtpräventionsfahrten bis zu Vorträgen von Drogenabhängigen.

04.06.2018 - Matthias Holland-Letz, freier Journalist

An diesen 17-jährigen Schüler kann sie sich deutlich erinnern: „Er kam oft mit roten Augen, wirkte müde und apathisch“, erzählt die Lehrerin eines Dortmunder Gymnasiums. „Ich hab ihn dann angesprochen.“ Immer wieder. Sie erfuhr schließlich, dass er kiffte, regelmäßig Alkohol trank und chemische Drogen probierte. „Eine Kollegin schaltete die Mutter ein.“ Es folgte ein Besuch bei einer Beratungsstelle in Recklinghausen. „Schließlich war der Schüler so weit, dass er sagte: Ich will da raus.“ Der junge Mann habe einen stationären Entzug gemacht. Heute stehe er kurz vor dem Abitur.

„Solche Fälle haben wir ein-, zweimal pro Woche. Mindestens.“ Björn Sailler ist Sozialarbeiter und Suchttherapeut bei Feedback. Die Dortmunder Einrichtung berät Jugendliche, Eltern, Schulsozialarbeiter und Lehrkräfte, wenn es um Sucht und Prävention geht. Jeder Fall müsse individuell gesehen werden, betont der 42-Jährige. „Manche machen ihren Schulabschluss, obwohl sie jeden Tag kiffen.“ Andere brechen die Schule ab. Wer bereits mit zwölf Jahren begonnen habe, Haschisch oder Marihuana zu konsumieren, „dem fällt es mit 16 oder 17 oft schwer, persönliche Ziele zu verfolgen“, warnt Sailler.

Für die Präventionsarbeit an Dortmunder Schulen bietet Feedback die Unterrichtseinheit „Check it!“ an. Diese richtet sich an die Jahrgangsstufen 8 bis 12. Sechs Bausteine für jeweils 90 Minuten behandeln Themen wie „Risiken von Suchtmitteln“ oder „Wo sind die gesetzlichen Grenzen?“. Auch ein Besuch in der Dortmunder Drogenberatungsstelle DROBS, zu der Feedback gehört, steht auf dem Programm. Das soll Schwellenängste beseitigen. „Die Schülerinnen und Schüler haben dann schon mal unser Gesicht gesehen“, sagt Sailler.

Schulsozialarbeit als Ergänzung

Wer „Check it!“ einsetzen will, absolviert bei Feedback eine vierstündige Ausbildung. Lehrkräfte und schulsozialpädagogisches Fachpersonal haben auch die Möglichkeit, einen Methodenkoffer zur Cannabis-Prävention auszuleihen. Mit reichlich Material, um mit Schülerinnen und Schülern ins Gespräch zu kommen. Im Koffer sind etwa kleine Glasdöschen, die Henna, Blei, Schuhcreme oder Vogelsand enthalten – Substanzen, mit denen Dealer gerne ihre Ware strecken. Die Mädchen und Jungen müssen dann herausfinden, ob Vogelsand und Blei eher im Haschisch zu finden ist – oder in Marihuana. Ähnliche Methodenkoffer gibt es auch zu Alkohol und Glücksspiel.

Laut nordrhein-westfälischem Schulministerium gibt es in allen Sekundarschulen des Landes Beraterinnen und Berater für Suchtvorbeugung. Diese werden jeweils vom Lehrerkollegium beauftragt. Die Qualifizierung findet in Arbeitskreisen statt, die meist eineinhalb bis zwei Jahre laufen und bei den Schulämtern angesiedelt sind. An jedem Arbeitskreis nehmen 15 bis 20 Lehrkräfte teil, betreut durch Moderatorinnen und Moderatoren. Das Bildungsportal NRW listet noch weitere Fortbildungsangebote, beispielsweise eine „Qualifizierung Suchtvorbeugung“ der Drogenhilfe Köln: Diese besteht aus sechs Modulen, die jeweils eineinhalb Tage dauern. Modul 3 etwa behandelt „Drogenspezifische und Lebenskompetenz fördernde Methoden und Projekte“.

Mülheim an der Ruhr. Hier sitzt die ginko-Stiftung für Prävention. Zu ihren Angeboten gehört eine dreitägige Fortbildung namens MOVE („motivierende Kurzintervention“). Vermittelt werden unter anderem Gesprächsführungsstrategien, um Menschen zu motivieren, die „ein ungesund-ungünstiges Verhalten“ leben. Die Stadt Dortmund bietet allen Dortmunder Schulsozialarbeiterinnen und -arbeitern an, kostenlos an MOVE teilzunehmen. Markus Opgen-Rhein hat das Angebot genutzt: „MOVE ermöglicht mir, den Standpunkt eines konsumierenden Jugendlichen viel differenzierter wahrzunehmen“, sagt der 49-Jährige. Wie handelt er, wenn er erfährt, dass ein Schüler Drogen konsumiert? „Mich interessiert: Wann hat er angefangen? Wie sieht sein soziales Umfeld aus?“ Wichtig sei auch, wie der Jugendliche Cannabis konsumiert. „Raucht er gelegentlich einen Joint oder konsumiert er regelmäßig und hochdosiert mit Hilfsmitteln wie der Bong?“ Die Bong ist eine Art Wasserpfeife.

Opgen-Rhein sieht Schulsozialarbeit als gute Ergänzung zu dem, was Lehrkräfte leisten. „Lehrerinnen und Lehrer müssen teilweise anders handeln“, sagt er. Etwa wenn die Schülerin oder der Schüler viele Fehlstunden angesammelt hat. „Dann greifen diverse Maßnahmen, vom pädagogischen Gespräch bis hin zum schriftlichen Verweis und zum Bußgeldverfahren.“ Schulsozialarbeit hingegen schaffe „einen sanktionsfreien Raum“, betont er. „Wir können ganz auf das Gespräch setzen.“

„Jüngere Schülerinnen und Schüler sprechen lieber mit älteren als mit Lehrern.“ (Nele, 17 Jahre)

Die Präventionsarbeit nicht nur Lehrkräften zu überlassen, darauf setzt auch das Kölner Gymnasium Kreuzgasse. Jedes Jahr veranstaltet die Schule eine „Suchtpräventionsfahrt“ für die 8. Klassen. Drei Tage lang geht es in die Eifel, vor allem zum Spielen und Klettern im Hochseilgarten. Das Besondere: Auch sogenannte „Peers“ fahren mit – ältere Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums, die sich den 13- und 14-Jährigen als Ansprechpartner bei Sucht-Fragen anbieten. Wer sich als Peer engagieren will, absolviert eine Fortbildung der Drogenhilfe Köln. Während der Präventionsfahrt organisieren die ehrenamtlichen Schülerberater Gesprächsgruppen, „zum Beispiel zu Rauchen, Shisha und Cannabis“, sagt Nele, eine der Peers. Die Älteren führen außerdem mit jedem Achtklässler ein Einzelgespräch. Und was sagen die Schülerinnen und Schüler? „Die fragen: Was hast du denn für Erfahrungen mit Drogen oder mit Alkohol?“, berichtet Max, ebenfalls Peer. „Wir können dann klar sagen, wie wir uns fühlen, wenn wir Alkohol getrunken haben“, sagt Max. Vorteil des Konzepts: „Jüngere Schülerinnen und Schüler sprechen lieber mit älteren als mit Lehrern“, erklärt Nele. 13- und 14-Jährige fürchteten Nachteile, wenn sie sich einer Lehrkraft anvertrauen. Oder sie hätten Angst, dass die Eltern informiert werden.

Die 17-Jährige berichtet, dass sie auf einer Fahrt von einer Schülerin angesprochen wurde. „Die wollte wissen, was Depressionen sind.“ Sie habe dann eine Lehrerin informiert – ohne den Namen der Schülerin zu nennen. Nach dem Gespräch mit der Lehrkraft habe sie der Schülerin Telefonnummern von professionellen Beratern gegeben. „Depression kann Auslöser für Süchte sein“, erläutert Lehrerin Antje Heinemeyer, die zum Präventionsteam am Gymnasium Kreuzgasse gehört. Daniela Gast, die stellvertretende Schulleiterin, ergänzt: Es sei wichtig, „dass auch die Peers jemanden haben, den sie ansprechen können“.

Zurück nach Dortmund. Wir treffen einen Mann, der beim Präventionsprogramm „Check it!“ ebenfalls eine Rolle spielt: Robert Rutkowski. Er wirkt kerngesund, breite Schultern, offenes Gesicht. Doch wenn der 55-Jährige vor einer Schulklasse steht, dann sagt er: „Ich bin drogenabhängig. Ich konsumiere nur nicht mehr.“ Er berichtet den Siebtklässlern: Mit 14 Jahren rauchte er den ersten Joint. Nach sechs Monaten habe er täglich gekifft. „Da war der Kopf, der immer schrie: ‚Dröhn dich weg! Mach, mach, mach!‘“ Später kamen LSD und Kokain dazu. Doch Cannabis sei die Hauptdroge gewesen – 25 Jahre lang. Er erzählt den Jugendlichen, wie er damals andere Menschen ausgenutzt habe. „Drogenabhängigkeit und Freundschaften, das geht nicht“, sagt Rutkowski. Er erklärt den Schülerinnen und Schülern, „woran ihr selber erkennt, dass es problematisch wird“. Seine Geschichte könne helfen, „sich gegen das Konsumieren zu entscheiden“. Bis zu sechsmal pro Monat spricht er in Dortmunder Schulen, auch an Berufskollegs und Förderschulen. Henry Godglück, Schulleiter der Gertrud-Bäumer-Realschule im Dortmunder Norden, lobt Rutkowski. Er sei „authentisch“, ein Mann, „der die Schülerinnen und Schüler gut erreicht“. Godglück erzählt von einem Klassenlehrer, der gesagt habe: „Wenn mal Gelder für Präventionsarbeit fehlen – Rutkowski ist der Baustein, den wir retten sollten.“

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