GEW - Die Bildungsgewerkschaft
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Portugal leidet unter der Austeritätspolitik

Über die verheerenden Auswirkungen der erzwungenen Sparpolitik auf Bildung und Gesellschaft in Portugal konnte sich eine GEW-Gruppe bei einem einwöchigen Besuchsprogramm im Oktober in Lissabon ein Bild machen.

06.11.2015 - Barbara Geier

Besuch bei Freunden

Dem Hamburger GEW-Kollegen Frank Hasenbein ist es wieder gelungen die schon traditionelle Herbstreise zur gewerkschaftlichen Bildung der drei norddeutschen GEW-Landesverbände Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein zu einem Highlight werden zu lassen.  Die langjährige gute Beziehung der GEW zu Portugals Bildungsgewerkschaft FENPROF (dem Dachverband von 7 regionalen Bildungsgewerkschaften) wurde somit auch zu einer Begegnungsreise zu Freund_innen. Da sich die Herbstferien dieses Jahr überschnitten,  konnten wieder Gewerkschafter_innen aus allen drei Nordländern vom 19. – 23. Oktober 2015 an der Bildungsreise teilnehmen. Repräsentativer hätte die 19köpfige Gruppe nicht sein können. Die Teilnehmer_inen bildeten einen Querschnitt der GEW Mitgliedschaft. So waren  - bis auf den frühkindlichen -   nicht nur alle Bildungsbereiche vertreten, sondern mit  Personalrät_inen, und Kreis- und Landesvorsitzenden  auch gewählte Funktionär_innen.

Zusammenarbeit mit Bildungsgewerkschaft FENPROF

Wie hat sich die von der Troika auferlegte Sparpolitik auf das Bildungswesen und auf die sozio-ökonomische Struktur des Landes ausgewirkt? Wie wird der Ausgang der Wahlen vom 3. Oktober 2015, bei denen der linke Block die Mehrheit der Stimmen bekam, die Politik des Landes verändern? Das wollten wir in Begegnungen mit Vertreter_innen der FENPROF und bei Schulbesuchen erfahren. Manuela Mendonça, zuständig für die internationalen Beziehungen der FENPROF, und seit dem Weltkongress der Bildungsinternationalen (BI) in diesem Sommer in Ottawa wie die GEW Vorsitzende Marlis Tepe, Vorstandsmitglied der BI, hatte unseren Besuch sehr detailliert vorbereitet und betreute gemeinsam mit ihrem Kollegen Henrique Borges, einem Mitstreiter der GEW bei Weltsozialforen, die Gruppe.

Flexibler Lehrkräfteeinsatz in Schulverbänden

Mário Nogueira, der Vorsitzende der FENPROF, legte uns die drastischen Einschnitte im   Bildungswesen durch die Auflagen der Troika dar. So wurden 40.000 von 150.000 Lehrkräften entlassen, Klassenfrequenzen auf 32 erhöht, Schulen geschlossen und riesige, bis zu 40 km auseinander liegende Schulverbände ('agrupamentos') mit bis zu 4000 Schüler_innen gegründet. Das Personal ist innerhalb des jeweiligen Verbundes flexibel einsetzbar. Es wird erwartet, dass jede/r Lehrer_in sich mit einem eigenen Fahrzeug (ohne Kostenerstattung!) von A nach B bewegt. Viele Lehrer_innen sind daher entweder auf Teilzeit gegangen oder ganz aus dem Beruf ausgestiegen. Da die Gehaltsstufen, die alle vier Jahre das Aufsteigen in die nächste Stufe garantierten, eingefroren wurden, ist es unmöglich, auf die für die Höchstrente erforderlichen 40 Zähljahre zu kommen. José Alberto, der Vorsitzende der Lehrergewerkschaft im Großraum Lissabon, erzählte, dass er mit 22 Dienstjahren immer noch auf der Stufe von 6 Dienstjahren stehe. Sein Nettogehalt liegt bei 1100 €.

Eine halbe Million Menschen hat das Land verlassen

Der Exodus von 500.000 Portugies_innen, die das Land seit Beginn der Troikapolitik verlassen haben, hat nicht nur große Auswirkungen auf die Wirtschaft des Landes. Anders als in den sechziger und siebziger Jahren, als meist ungelernte Arbeiter aus Südeuropa und der Türkei in Frankreich, Deutschland und der Schweiz Arbeit fanden, wandern heute qualifizierte Arbeitskräfte aus Portugal mit ihren Familien der gemeinsamen Sprache wegen in wirtschaftlich aufstrebende Länder wie Brasilien und Angola, oder nach Nordeuropa und in die USA aus. Auch im Bildungswesen ist dieser Aderlass der aktiven Bevölkerung spürbar. Die Zahl der Schüler_innen, die durch Emigration die Schulen verlassen, ist statistisch nicht erfasst. Da die Eltern in der Regel ihre Kinder nicht von der Schule abmelden, bleibt den Schulen nur die Bilanz des Schwundes zwischen Schuljahresbeginn und -ende.

Viele Kinder kommen ohne Frühstück zur Schule

Von den zurückgebliebenen Kindern kommen viele morgens ohne Frühstück in die Schule. Da sich ihre Eltern auch das Kantinenessen nicht leisten können, bieten zunehmend mehr Schulen in Eigeninitiative und zum Teil mit Unterstützung von Eltern, Kirchengemeinden und Kommunen den Kindern eine kostenlose Mahlzeit an. Das nach der portugiesischen Revolution 1974 gut ausgebaute Gesundheitswesen ist inzwischen so unterfinanziert, dass immer häufiger Behandlungen, Verbandsmaterial oder Medikamente privat bezahlt werden müssen. Besonders dramatisch ist die medizinische Versorgung auf dem Land geworden. Unter diesen Missständen leiden besonders ältere Menschen und Kinder.

Schulbesuche in Lissabon

Am Gebäude des Gymnasium Luís de Camões im Herzen Lissabons, dem ersten nach Gründung der Republik  1910, das sich noch heute als Schmiede der künstlerischen, politischen und wirtschaftlichen Elite des Landes sieht, sind die Auswirkungen der fehlenden Gelder für Instandsetzung und Ausstattung deutlich sichtbar.  Da nützt es auch nichts, den langjährigen EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso in der Reihe der illustren Absolventen der Schule zu haben. Die Sekundarschule António Damásio, Teil des Megaschulverbandes Santa María dos Olivais, in einem ' benachteiligten' Stadtteil nahe dem Expogelände gelegen, ist sowohl von der Architektur wie der Ausstattung eine Vorzeigeschule: Lichte Räume, bestens eingerichtete naturwissenschaftliche Abteilungen, Aufenthalts- und Lerninseln, eine großzügige Bibliothek, gepflegte Toiletten (!), Pausen ohne Aufsicht, dafür Einlass auf das von Mauern und Zäunen umgebene Gelände nur mit Ausweiskontrolle. Hier werden Schüler_innen auf verschiedene Berufe oder auf den Zugang zur Hochschule vorbereitet. Die Abbrecherquote liegt bei über 20 Prozent. Es gibt leider keine Zahlen oder Berichte, was mit diesen Jugendlichen geschieht.

Sozialprojekt für Rückkehrer

Vielleicht waren auch diese Jugendlichen in dem Projekt der Aga Khan Stiftung, das wir in einem Hochhauswohngebiet in Queluz jenseits der Stadtgrenze Lissabons kennenlernten. Hier leben Familien, die wegen der Innenstadtsanierung Lissabons 'zeitweise' umgesiedelt wurden, Rückkehrer aus den afrikanischen Kolonien, vor allem aus Angola, Mocambique und den Kapverden oder aus Macau. Antônio, Alexandra und Susanna von der Stiftung arbeiten mit den Bewohner_innen an Community Projekten, die von Gymnastik für ältere Frauen bis zu Kunstprojekten, von Beratungen und Fortbildungen bis zur Hilfe bei der Beschaffung von legalen Papieren reichen.

Neun Jahre gemeinsames Lernen

Trotz des intensiven Begegnungs- und gemeinsamen Gruppenprogramms blieb noch genug Zeit bergauf und bergab auf den steilen Kopfsteingassen die Stadt zu erkunden, Kirchen und Museen zu besichtigen, sich an den pittoresken Bildern zu erfreuen, die köstlichen pasteis de nata bei einer bica oder einem galao zu genießen oder sogar den Tejo mit dem Boot zu überqueren, um die atemberaubende Stadtsilhouette von dem gegenüberliegenden Flussufer zu bewundern. Wir verließen Lissabon mit großer Hochachtung vor der Leistung der portugiesischen Kolleg_innen, die unter schwierigen Bedingungen jeden Tag vor ihren Schüler_innen stehen, aber auch ein bisschen neidisch, dass sie in einem System unterrichten, das bei zwölfjähriger Schulpflicht, neun Jahre gemeinsames Lernen garantiert.

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