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Abgeordnete Lehrkräfte an UnisPendler zwischen den Welten

Lehrkräfte, die für einige Jahre von der Schule an die Hochschule wechseln, sind kaum ein Thema in der Bildungspolitik. Dabei nehmen sie wichtige Aufgaben wahr: Ohne sie könnten die Hochschulen die Ausbildung der Lehramtsanwärter kaum bewältigen.

16.01.2019 - Anna Lehmann, taz-Redakteurin

Catrin Siedenbiedel ist Lehrerin. Sie hat Deutsch und Englisch für Gymnasien studiert, danach promoviert und über zehn Jahre unterrichtet. Doch seit fast sechs Jahren ist ihr Arbeitsort die Universität Kassel. Am Institut für Erziehungswissenschaften im Bereich Schulpädagogik betreut Siedenbiedel die schulpraktische Ausbildung der Lehramtsanwärter und leitet Seminare in Erziehungswissenschaften sowie Fachdidaktik. „Ich wollte schon immer gern an der Universität arbeiten, doch nach meinem Abschluss gab es keine Stelle“, erzählt die Lehrerin. Also bewarb sie sich nach vielen Jahren in der Schule erneut an der Uni – diesmal nicht auf eine Stelle als Nachwuchswissenschaftlerin, sondern als erfahrene Praktikerin, als pädagogische Mitarbeiterin. Formal ist sie weiter im Schuldienst, jedoch für einige Jahre an die Universität abgeordnet.

Abgeordnete Lehrkräfte oder Pämis, wie sie etwa in Hessen kurz und knackig genannt werden, gibt es an vielen Hochschulen, die Lehrerinnen und Lehrer ausbilden. Sie arbeiten dort mehrere Jahre – in Hessen sind es maximal fünf – nebenbei oder in Vollzeit. Auf die Frage, wie viele abgeordnete Lehrkräfte es gibt, hat auch die Kultusministerkonferenz keine Antwort. Eine stichprobenartige Suche ergab: Weder im hessischen noch im nordrhein-westfälischen oder Berliner Lehrerbildungsgesetz sind sie erwähnt. Es scheint, als führten abgeordnete Lehrkräfte ein Schattendasein.

„Die Annahme, das sind die ausgelaugten Lehrkräfte, die den Alltag nicht mehr bewältigen, stimmt auf jeden Fall nicht.“ (Sabine Klomfaß)

Doch an den Universitäten sind die erfahrenen Praktiker heiß begehrt. Sie sind das Scharnier zwischen der akademischen Welt in den Auditorien und der praktischen in den Klassenräumen. Ohne sie könnten die Hochschulen kaum die Ausbildung der vielen Lehramtsanwärter bewältigen, die schon während des Studiums praktische Erfahrungen sammeln sollen und angesichts des Lehrkräftemangels in großer Zahl gebraucht werden.

Sabine Klomfaß, die an der Universität Gießen am Institut für Schulpädagogik, Elementarbildung und Didaktik der Sozialwissenschaften forscht, hat die Gruppe der pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter die Lupe genommen. Für ihr Forschungsprojekt „Lehrer*innen zwischen Schule und Universität“ hat sie 24 von ihnen befragt. „Die Annahme, das sind die ausgelaugten Lehrkräfte, die den Alltag nicht mehr bewältigen, stimmt auf jeden Fall nicht“, fasst Klomfaß ein Ergebnis ihrer Interviews zusammen. Es sei zwar so, dass die Abordnung an eine Hochschule neben einem Sabbatical für Lehrerinnen und Lehrer oft die einzige Möglichkeit ist, dem Schulalltag mal für längere Zeit den Rücken zu kehren. Doch in der Regel gingen viele Lehrkräfte für einige Zeit an die Uni, um sich weiterzuqualifizieren – und kehrten danach wieder zurück in den Schuldienst. Die Studienergebnisse hat Klomfaß  im Herbst auf einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft in Soest vorgestellt. Demnächst werden sie auch veröffentlicht.

„Ich würde mich gern mehr in der Lehre engagieren, auch ein didaktisches Seminar anbieten.“ (Gaetano Blando)

Vor fast vier Jahren bewarb sich Gaetano Blando auf eine Stelle an der Universität Kassel. Der Gymnasiallehrer für Deutsch, Politik und Wirtschaft ist seither am Fachbereich für politische Bildung beschäftigt. Dort vermittelt er unter anderem Studierende ins Schulpraktikum und begleitet die schulpraktischen Studien. Auch für ihn ist die Zeit an der Uni eine willkommene Weiterbildung. „Ich habe Zugang zu den aktuellsten Fachdidaktiken und kann mich auf Stand bringen.“ Für ihn heiße das: „Man wird frischer und reflektierter.“ Und der Unterricht besser.

Blando hat seiner Schule, dem Friedrichsgymnasium in Kassel, nicht gänzlich den Rücken gekehrt. Mit einer halben Stelle ist er immer noch Lehrer, die andere Hälfte seiner Arbeitszeit gehört der Universität. In seinem Fachgebiet sei er gut ins Team eingebunden, erzählt Blando, er werde oft zu Sitzungen eingeladen und stehe mit den Kolleginnen und Kollegen im Austausch. Dennoch könnte er sich vorstellen, sich noch mehr einzubringen. „Ich würde mich gern mehr in der Lehre engagieren, auch ein didaktisches Seminar anbieten.“ Doch das gestalte sich schwierig, denn in der Regel sei man mit der Betreuung der Praktikantinnen und Praktikanten sowie den Begleitseminaren zum Praktikum bereits ausgelastet. „Ein Beitrag zur fachdidaktischen Lehre ist daher eher unüblich“, bedauert Blando.

„Das ist schon auch eine tolle Gelegenheit für die Studierenden, authentische Einblicke in den Schulalltag zu bekommen.“ (Klomfaß)

Die pädagogischen Mitarbeiter würden oft für die Betreuung von Studierenden eingesetzt, hat auch Klomfaß in ihrer Studie festgestellt. Sie vermutet, dass fast alle Lehramtsstudierenden in Gießen während ihres Studiums auf Pämis treffen. Auf der einen Seite sei das gut – zumindest für den pädagogischen Nachwuchs: „Das ist schon auch eine tolle Gelegenheit für die Studierenden, authentische Einblicke in den Schulalltag zu bekommen“, sagt Klomfaß. Andererseits: Die Begleitung der Schulpraktikantinnen und -praktikanten, die mehrmals während des Praktikums besucht werden sollen, ist arbeitsintensiv und aufwändig. „Da bekommt man schon den Eindruck, die Universitäten nutzen hier die Möglichkeit, ungeliebte Aufgaben einfach abzuschieben“, kritisiert die Wissenschaftlerin.

Auch andere Bundesländer, etwa Berlin, setzen für die Lehramtsausbildung auf abgeordnete Lehrkräfte. Der Berliner Tagesspiegel berichtete im Juni, dass einige Didaktiken ohne die erfahrenen Schulpraktiker wegbrächen. Quelle: die Hochschulen selbst. Mark Rackles (SPD), Staatsekretär im Berliner Schulsenat, empörte sich daraufhin, „dass die auf Exzellenz getrimmten Hochschulen sich fast vollständig aus der Ausbildung des didaktischen Nachwuchses zurückgezogen haben“. Didaktik scheine stellenweise nur noch durch Lehrkräfte zu erfolgen. Das sei ganz sicher nicht das mit den Hochschulen vereinbarte Modell, „dass wir die Didaktiker durch Praktiker ergänzen“, so Rackles.

Nun ist es nicht so, dass sich die abgeordneten Lehrerinnen und Lehrer prinzipiell ausgenutzt fühlten. Siedenbiedel publiziert und habilitiert sogar neben ihrer Arbeit in der schulpraktischen Ausbildung. Dabei ist ihre Lehrverpflichtung vergleichsweise hoch: 14 Semesterwochenstunden müssen Pämis in Hessen leisten, wissenschaftliche Mitarbeiter nur 10. Siedenbiedels Forschungsschwerpunkt ist die Inklusion. Sie geht der Frage nach, inwieweit autistische Kinder und Jugendliche an Gymnasien integriert werden können.

„Die Expertise von Pämis spielt bei uns an der Schule überhaupt keine Rolle. Man wird weder konsultiert noch angesprochen.“ (Blando)

Obwohl sie gern im Schuldienst gearbeitet hat, möchte Siedenbiedel am liebsten an der Uni bleiben. Zumal die Rückkehr in den Schuldienst wohl auch Probleme aufwerfen könnte. „Es ist sicher nicht ganz unkompliziert, an der gleichen Stelle wieder einzusteigen. Dazu muss man sich überlegen, wie sich die Weiterentwicklung innerhalb der Schule abbilden lassen kann.“ Bislang machen sich die Schulen wenig Gedanken, wie sie mit ihren Uni-Rückkehrern umgehen. Das erlebt auch Blando. „Die Expertise von Pämis spielt bei uns an der Schule überhaupt keine Rolle. Man wird weder konsultiert noch angesprochen.“ Blando zeigt sogar Verständnis: Die Schulleitungen hätten ja genügend andere Aufgaben.

Dass das Thema Weiterbildung von Lehrkräften nicht oben auf der Prioritätenliste steht, zeigte jüngst auch eine Studie des Erziehungswissenschaftlers Peter Daschner. Die Qualifizierung „fertiger“ Lehrerinnen und Lehrer außer Acht zu lassen, sei ein großer Fehler, bestätigt Ilka Hoffmann, im Vorstand der GEW für den Bereich Schule verantwortlich: „Man darf bei der Weiterentwicklung der Bildungsqualität nicht immer nur auf den Lehrkräftenachwuchs und das Studium setzen und dabei die Lehrkräfte im Schuldienst vernachlässigen.“

Für die Verbesserung des Unterrichts sind jedenfalls gut aus- und weitergebildete Lehrkräfte entscheidend. Das Potenzial der Lehrerinnen und Lehrer, die sich an die Unis abordnen lassen und sich dort auch gründlich weiterqualifizieren, könnte von beiden Institutionen – Schule und Hochschule – deutlich stärker genutzt werden.

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