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Kommentar„Pädagogik politisch begreifen“

Schule soll Kinder auf ihr Leben in einer zukünftigen Gesellschaft vorbereiten. Wenn aber Pädagogik gesellschaftliche Entwicklungen antizipieren muss, lautet die Frage, warum dies seit fast 30 Jahren nicht mehr geschah.

16.12.2019 - Olaf Schäfer, Lebenskundelehrer

1972 erschien unter dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“ der Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. 1977 folgte die Studie Global 2000. Beide Berichte machten deutlich, dass es auf einem begrenzten Planeten kein unbegrenztes wirtschaftliches Wachstum geben kann. Die apokalyptischen Folgen der bestehenden, auf Wachstum setzenden Wirtschaftsform, waren damit formuliert.

Damals wie heute versuchten konservative Kreise aus der Wirtschaft, die Ergebnisse dieser Studien herunterzuspielen. Die Strategie ist immer gleich: wissenschaftliche Ergebnisse in Frage zu stellen, politische Akteure, die sich des Themas annehmen, als Hysteriker zu verleumden und schließlich technische Lösungen für Probleme anzubieten. Tatsächlich wurde das Waldsterben danach etwa durch Katalysatoren in Autos sowie Rauchentschwefelungsanlagen und Filter in Kraftwerken verzögert. Diejenigen, die es besser wussten, Biologen, Ökologen und interessierte Amateure, die vor dem Artensterben warnten, auf die Gefahren von Monokulturen und weiter steigende Umweltverschmutzung hinwiesen, wurden von der politischen und wirtschaftlichen Elite ignoriert.

Erst zwei Dürrejahre hintereinander und die Schwedin Greta Thunberg brachten das Thema jetzt zurück ins öffentliche Bewusstsein und in den politischen Diskurs. Pädagogisches Handeln ist auf Zukunft gerichtet. Schule etwa soll Kindern den positiven Teil der Tradition vermitteln und sie auf ihr Leben in einer zukünftigen Gesellschaft vorbereiten. Wenn aber Pädagogik gesellschaftliche Entwicklungen antizipieren muss, lautet die Frage, warum dies seit fast 30 Jahren nicht mehr geschah. Offensichtlich deshalb nicht, weil es neoliberalen Thinktanks gelungen ist, das politische Moment, das sich automatisch mit der Frage nach der Zukunft einer Gesellschaft ergibt, auszuschließen.

Neoliberale Programme, die vor allem die empirische Forschung propagierten (PISA & Co.), setzten sich in der Pädagogik durch.

Wurden Diskussionen in der pädagogischen Zunft seit den 1960er-Jahren immer wieder hochpolitisch geführt, scheint dieser Aspekt seit dem Zusammenbruch des Ostblocks fast über Nacht verschwunden zu sein, genauer: Neoliberale Programme, die vor allem die empirische Forschung propagierten (PISA & Co.), setzten sich in der Pädagogik durch.

Deutlich sind heute zwei Konfliktlinien zu erkennen. Zum einen die Auseinandersetzung zwischen Arm und Reich. So wird darum gestritten, wer den ökologischen Schaden bezahlen soll. Zum anderen bieten sich für Kapitaleigentümer neue Geschäftsmodelle. Dies erklärt, warum Thunberg etwa zum Weltwirtschaftsforum eingeladen wird. Es ist der Versuch, den krisenhaften Kapitalismus noch einmal zu reanimieren – und sei es mit dem Handel von CO2-Zertifikaten.

Die andere Konfliktlinie verläuft zwischen den Generationen. Das ist bemerkenswert, weil es gerade hier in den vergangenen 30 Jahren sehr ruhig war. Statt diesen Prozess kritisch zu begleiten und als Chance zu nutzen, Pädagogik wieder politisch zu begreifen, sehe ich unter den theoretischen und praktischen Pädagogen keine adäquate Reaktion darauf, dass uns ein Teenager erst den Spiegel vorhalten muss, um auf die Widersprüche der kapitalistischen Konsumgesellschaft aufmerksam zu machen.

Wo sind die „Teachers for Future“, die Professoren und Hochschullehrer, die sich nicht nur einfach solidarisieren, sondern endlich einmal ihre Theorien und ihre Praxis vor dem Hintergrund einer kollabierenden Umwelt und einer Gesellschaft in einer tiefen Krise reflektieren und korrigieren? Wo sind die Gewerkschaften, die sagen, dass es so nicht mehr weitergeht an unseren Schulen? Wann gehen wir auf die Straße und sagen „Schluss“, wir können unter diesen Bedingungen keine Kinder mehr unterrichten. Kinder, die viel Hilfe bräuchten, weil wir täglich sehen, dass viele unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen erkrankt sind!