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GastkommentarPädagogik braucht Raum

Der enorme Sanierungsstau an deutschen Schulen birgt nach Ansicht unseres Gastkommentators auch eine Chance: Aktuell gebe es lange nicht wiederkehrende Möglichkeit, mit besseren Räumen die pädagogischen Handlungsoptionen zu unterstützen.

04.09.2019 - Marc Kirschbaum, Architekt und Professor für Architekturtheorie und Entwerfen an der SRH Hochschule Heidelberg, Leiter des Forschungsprojekts Reallabor STADT-RAUM-BILDUNG

Die gesellschaftspolitische Debatte über Bildung im Allgemeinen und den „richtigen“ pädagogischen Weg hat Tradition. Sie wird ebenso intensiv wie kontrovers und ebenso qualifiziert wie tendenziös geführt. Viel zu wenig sprechen wir hingegen über die Gebäude unserer Bildungslandschaft und aktuell über den enormen Sanierungsstau. Ob Kindergärten, Schulen oder Hochschulen – vielerorts zeigen sich triste Gebäude mit völlig überholten Lernräumen, verwahrlosten Toiletten und lieblosen Außenanlagen.

Dabei ist auch die bauliche Qualität unserer Bildungslandschaften so enorm wichtig: Die Schulzeit ist die Zeit, in der junge Menschen auf das Leben vorbereitet werden und in der wir ihnen eine Vorstellung von demokratischem und nachhaltigem Handeln vermitteln. Und Architektur ist immer auch Ausdruck einer gesellschaftlichen Haltung. Es ist ebenso zu konstatieren, dass sich die Pädagogik historisch nie angemessen für die Räume interessiert hat, in denen sie stattfindet. Eine solche „Raumvergessenheit“ ist ein großer Fehler.

Der Mensch ist per se ein räumliches, körperliches Wesen (Tilmann Habermas), der Raum bestimmt unser Dasein und unsere Interaktion in Räumen (Erving Goffman) ganz maßgeblich mit. Die wenigen Pädagogen, die die Relevanz des Raumes für die Pädagogik erkannten, taten dies umso nachdrücklicher: Maria Montessori legte Wert auf die „vorbereitete Umgebung“, Loris Malaguzzi betonte den „Raum als dritten Pädagogen“ und Otto Friedrich Bollnow hat mit „Mensch und Raum“ ein Grundlagenwerk zur Beziehung beider zueinander vorgelegt.

Aktuell haben wir eine lange nicht wiederkehrende Möglichkeit, mit besseren Räumen die pädagogischen Handlungsoptionen zu unterstützen.

Dass Räume uns beeinflussen, erscheint aus architektonischer, umweltpsychologischer und pädagogischer Sicht unstrittig. Und was historisch bislang unterrepräsentiert war, wird nun vermehrt wahrgenommen. Aktuell gibt es zahlreiche Anlässe, uns mit unseren Lernräumen zu befassen. Erstens sind einige der heutigen pädagogischen Herausforderungen äußerst raumrelevant. Individualisierung und Differenzierung benötigen im Gegensatz zum Ex-cathedra-Lehren vielfältigere Räume; Inklusion erfordert häufig andere Raumarrangements. Durch die Ganztagsschule halten sich Schülerinnen und Schüler zum Beispiel viel länger in unseren Bildungslandschaften auf, sie benötigen dadurch Räume für Kooperation, Kreativität oder Rückzug. Selbst die Digitalisierung ist raumrelevant. Zweitens handelt es sich beim Großteil des Schulbaus um Umbau. Der Bestand an guten Schulgebäuden aus der Gründerzeit oder den 1950er-Jahren ist groß.

Um einen gängigen Gedanken wider den Strich zu bürsten: Aus den vielfach geäußerten Bedenken baulicher Restriktionen im Bestand lassen sich tatsächlich ungeahnte Potenziale bergen. Hinzu kommt, dass die architektonische Qualität – insbesondere bei historischen Schulgebäuden – der heutigen vielfach überlegen ist. Ein nicht geringer Teil heutiger Neubauten wird aufgrund mediokrer Bauqualität keine lange Zukunft haben.

Die Kommunalpanels der Kreditanstalt für Wiederaufbau der vergangenen Jahre zeigen den enormen Sanierungsstau an deutschen Schulen. So beträgt er aktuell 42,8 Milliarden Euro. Diese Investitionsbedarfe zeigen uns aber nicht, wie viel davon tatsächlich in bessere Lernräume investiert wird. Aktuell haben wir eine lange nicht wiederkehrende Möglichkeit, mit besseren Räumen die pädagogischen Handlungsoptionen zu unterstützen. Wenn wir „nur“ energetisch und brandschutztechnisch sanieren, verspielen wir eine große Chance: die Weichen für das Lernen der Zukunft zu stellen.

Zukunftsfähige Lernraumgestaltung im digitalen Zeitalter (2019). Arbeitspapier Nr. 45. Hochschulforum Digitalisierung (erscheint voraussichtlich im Herbst 2019)

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