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"Ohne Job und sozial isoliert"

Entlassen, verhaftet, eingeschüchtert, ohne Pass und ohne Perspektive: Nach dem Referendum hat sich die Lage für Lehrkräfte in der Türkei nicht verbessert, erzählt Kamuran Karaca auf dem Gewerkschaftstag.

07.05.2017 - Interview: Martina Hahn, Helga Haas-Rietschel

Tausende Beamte ließ der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in den zurückliegenden Monaten verhaften, darunter viele Lehrkräfte. Allein an Schulen und Hochschulen entließ er 33.000 Lehrerinnen und Lehrer aus dem Dienst, 10.000 wurden zeitweise suspendiert. Ihnen allen warf die Regierung vor, den in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen zu unterstützen und am Umsturzversuch vergangenen Juli mitgewirkt zu haben. Zwar ordnete Erdogan Ende November 2016 auf Druck von Eltern und internationalen Organisationen an, einige der suspendierten Lehrkräfte wieder einzustellen, doch die Lage bleibt für die Pädagoginnen und Pädagogen im Land kritisch und gefährlich. Auf dem Gewerkschaftstag der GEW in Freiburg sagte Kamuran Karaca, Präsident der Bildungsgewerkschaft Eğitim Sen, im Interview : "Wir werden massiv eingeschüchtert und verfolgt."

Hat sich die Lage für Lehrkräfte nach dem Referendum etwas entspannt?

Kamuran Karaca: Nein, im Gegenteil. Lehrkräfte und Wissenschaftler, die sich für Frieden und Demokratie einsetzen, werden weiter unterdrückt, und das noch stärker als früher. Gleich nach dem Referendum verabschiedete Erdogan ein neues Dekret und entließ noch einmal 3.900 Akademiker und Wissenschaftler. Sie dürfen nicht mal mehr ihr Büro an der Uni betreten.

Wovon leben die Zehntausende Lehrkräfte, die seit dem Putschversuch im Juli 2016 aus Schulen und Hochschulen entlassen oder zeitweise suspendiert worden sind?

Karaca: Von ihrem Ersparten. Von Geld, das ihnen Verwandte geben, die oft selbst ökonomische Probleme haben. Vom Verkauf ihres Besitzes. Auch durch die Gewerkschaft: Wir zahlen unseren Mitgliedern, die im Zuge dieser Hetzjagd entlassen worden sind, umgerechnet 600 Euro im Monat. Das können wir als Gewerkschaft noch bis zum Sommer verkraften– wir haben dafür die Beiträge leicht erhöht , danach müssen wir neu überlegen.

Die Betroffene finden auch keine anderen Jobs?

Karaca: Nein, sie dürfen in der Türkei keine Beschäftigung annehmen, auch nicht in der Privatwirtschaft. Nicht einmal als Kellner können sie arbeiten. Ein paar haben das versucht. Sie haben es gelassen, nachdem die Polizei den Restaurantbesitzern drohte, ihren Laden dicht zu machen. Was viele vergessen: Mit dem Arbeitsplatz an der Schule oder Universität haben die Betroffenen auch ihre Kranken- und Rentenversicherung verloren.

Könnten die entlassenen Lehrkräfte im Ausland eine Arbeit finden?

Karaca: Nein, sie dürfen nicht ausreisen. Sie können auch keine Einladungen von Hochschulen im Ausland annehmen. Ihre Pässe wurden eingezogen und annulliert. Diese Perspektivlosigkeit lässt viele verzweifeln. Eine Umfrage ergab, dass sich vier von fünf Betroffenen so hilflos fühlen, dass sie an Selbstmord denken. Viele sind auch sozial isoliert.

Finden sie psychologische Hilfe?

Karaca: Ja. Unsere Mitglieder helfen ihnen vor Ort. Wir versuchen, die Betroffenen nicht allein zu lassen, besuchen sie, begleiten sie, sprechen mit Eltern, damit diese verstehen, warum es zur Entlassung kam. Wir sprechen auch mit den Kollegen entlassener Lehrerinnen und Lehrer.

Zeigen sich diese denn solidarisch mit ihren Ex-Kolleginnen und -Kollegen?

Karaca: Nicht alle. Aber an den Schulen herrscht selbst unter den Lehrkräften, die ihre Arbeit noch haben, große Angst, verfolgt und eingeschüchtert zu werden. Auch deswegen treten viele einer Gewerkschaft nicht bei.

Tausende Entlassungen wer unterrichtet die Kinder in der Türkei?

Karaca: Um die Lücke zu schließen, werden heute mehr Kinder in eine Klasse gesteckt. Die Schulen und Unis stellen auch befristet ein leider müssen die neuen Lehrkräfte keine pädagogische Hochschule absolviert haben, so können sie auch prekär beschäftigt werden. Sie dürfen heute auch fachfremd lehren. Beides geht auf Kosten der Unterrichtsqualität. Wo ganze Fachbereiche verwaist sind, versuchen entlassene Hochschullehrer, öffentlich auf der Straße zu lehren. Viele Studierende unterstützen ihre Professoren und gehen hin! 

Die Opposition in der Türkei ist zersplittert. Erschwert auch das die Lage der Lehrkräfte?

Karaca: Ja. Das Referendum hat zwar gezeigt, dass Erdogan nicht die Mehrheit der Menschen hinter sich hat. Es gibt in vielen Städten auch Straßenproteste gegen seine Linie, an der unsere Mitglieder teilnehmen. Doch leider existiert in meinem Land noch keine einheitliche Oppositionsbewegung. Das "Nein"-Lager des Referendums und die politischen Parteien sind aber zersplittert und können sich nicht einigen.

Welche Unterstützung erwarten Sie von den deutschen Kolleginnen und Kollegen der GEW?

Karaca: Dass sie über die Botschaft in Richtung Türkei Protestbriefe schicken. Sich solidarisch zeigen gegenüber ihren aus der Türkei nach Deutschland geflüchteten Kollegen. Vor allem aber, dass sie die Öffentlichkeit informieren und sensibilisieren und auch gegenüber Institutionen der Europäischen Union Druck machen.

Info:

Die Gewerkschaft Eğitim Sen:

  • Eğitim Sen ist neben 22 kleinen eine der drei großen Lehrergewerkschaften in der Türkei – eine weitere wird von der Regierung organisiert, die dritte ist nationalistisch ausgerichtet.
  • Rund 1.220 Lehrkräfte an Schulen und 330 weitere an Hochschulen, die entlassen wurden, sind Mitglied bei Eğitim Sen.
  • 120.000 Mitglieder zählte Eğitim Sen 2016 vor dem Putschversuch. Heute sind es 95.000.
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