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Schulschwimmen„Öffentliches Verwahren am Wasser“

„Die Kinder in einem der reichsten Länder der Welt beherrschen eine grundlegende Fähigkeit nicht mehr: das Schwimmen“, resümierte die Wochenzeitung Die Zeit im August 2018. Woran liegt das?

07.11.2018 - Christoph Ruf, freier Journalist

Der vergangene Sommer dürfte den meisten Menschen viel Freude bereitet haben, nicht zuletzt den Wasserratten, die vielerorts von Mai bis September im Freien schwimmen konnten. Eine Berufsgruppe gab es allerdings, die die hohen Temperaturen mit gemischten Gefühlen sah: die der Bade- und Schwimmmeister, die das Gewusel im Wasser im Auge behalten muss. Und die dabei oft zu spät kam: Über 450 Menschen – etwa 30 davon Geflüchtete – ertranken in Deutschland bis September. Schon vor Jahren mahnte das Personal am Beckenrand, dass immer weniger Kinder und Jugendliche sicher schwimmen können. Allmählich findet es Gehör.

Laut einer Studie im Auftrag der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) aus dem Jahr 2017 sind 59 Prozent der Zehnjährigen keine sicheren Schwimmer, sie schaffen es nicht, 200 Meter am Stück in 15 Minuten zu schwimmen. Jeder Zehnte kann sich gar nicht über Wasser halten. „Das ist allein deshalb alarmierend, weil es lebensgefährlich ist, nicht schwimmen zu können“, sagt der Vorsitzende der GEW-Sportkommission, Norbert Baumann. Sich im Wasser bewegen zu können, biete zum einen ganz andere Reize und ein anderes Körpergefühl als an der Luft. Zudem seien Kinder, die nicht schwimmen könnten, von vielen schulischen Aktivitäten ausgeschlossen. Das gelte auch für Ausflüge oder Landschulheimaufenthalte. „Vom Bootfahren bis zum Surfen, all das kommt für Nichtschwimmer nicht in Frage. Wer nicht schwimmen kann, grenzt sich aus.“

Dieser Befund ist umso trauriger, als er eine soziale und eine religiöse Komponente beinhaltet. Die Zahl der Nichtschwimmer ist in benachteiligten Stadtteilen höher. In strenggläubig muslimischen Milieus bestehen zudem massive Vorbehalte gegenüber dem Schwimmunterricht für Mädchen. In vielen Fällen ermöglicht ihnen das Tragen eines Burkinis die Teilnahme am Schulschwimmen. „Ich sehe trotzdem die Islamverbände in der Pflicht“, sagt Baumann. „Sie könnten durchaus weitergeben, dass vieles, was Strenggläubige ihren Kindern auferlegen, nirgendwo im Koran steht.“

„In der Summe führt das dazu, dass man häufig statt von Schwimmunterricht eher von einem öffentlichen Verwahren im und am Wasser sprechen kann.“ (Lehrer aus NRW)

Kein Wunder also, dass auch Lehrkräfte Alarm schlagen. „Es kommt viel öfter als noch vor 20 Jahren vor, dass man beim Schwimmunterricht in der 5. Klasse die zugewiesene Mittelbahn im Hallenbad nicht nutzen kann, weil zu viele Kinder nicht schwimmen können“, berichtet Arne Westhoff (Name geändert), Lehrer aus Nordrhein-Westfalen. Das Schwimmen werde geringgeschätzt – von Eltern aus unterschiedlichsten sozialen Milieus: „Die einen haben nicht das Geld, um mit ihren Kindern ans Meer zu fahren, die anderen schreien Zeter und Mordio, wenn Mathe ausfällt und sind regelrecht erleichtert, wenn es den Schwimmunterricht trifft.“ Zudem habe G8 am Gymnasium mit dem Ausbau der Ganztagsbetreuung fatale Folgen gehabt: „Die Kinder kommen am späten Nachmittag nach Hause und haben dann keine Lust mehr auf Musikunterricht oder Schwimmkurs.“ 

In der 3. und 4. Klasse ist Schwimmen zwar als fester Bestandteil des Sportunterrichts vorgesehen: Am Ende der 4. Klasse sollen die Kinder schwimmen können. Häufig bloß Theorie: „Theoretisch sollten die Lehrerinnen und Lehrer Rettungsfähigkeit, Methodik, Didaktik draufhaben. In der Praxis reicht in vielen Grundschulen allerdings schon die Rettungsfähigkeit“, hat Westhoff festgestellt. Dass fachfremd unterrichtet wird, sei eher die Regel als die Ausnahme und trage ebenfalls nicht zur Qualität des Unterrichts bei. Zumal viele Kolleginnen und Kollegen Angst vor Schwimm-Unfällen hätten und sich rechtlich nicht genügend abgesichert fühlen. „In der Summe führt das dazu, dass man häufig statt von Schwimmunterricht eher von einem öffentlichen Verwahren im und am Wasser sprechen kann.“

Dabei gibt es punktuell durchaus innovative Ideen, wie die Zahl der schwimmfähigen Kinder und Jugendlichen wieder gesteigert werden könnte. Das zeigt ein Blick nach Berlin-Neukölln, wo die damalige Bezirksbürgermeisterin und heutige Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) ein Projekt namens „Schwimmbär“ initiierte: Schwimmlehrkräfte organisieren für Zweitklässler eine Projektwoche, in der sich die Kinder an fünf Tagen hintereinander langsam ans Wasser gewöhnen. Kinder, die – gestützt durch ein Schwimmkissen – schon einmal die Angst vorm fremden Element verloren haben, lernen später auch schneller schwimmen. 

„Wir stellen vor allem in den großen Städten fest, dass die Preise enorm hoch sind, das verschärft noch mal die soziale Kluft.“ (Martin Holzhause)

Doch an den strukturellen Problemen können auch die kreativsten Aktionen nicht viel ändern. Vielen Kommunen mangelt es schlicht und einfach an der entsprechenden Infrastruktur. Ein Viertel der Schulen habe keinen Zugang zu einem Schwimmbad mehr, sagt DLRG-Sprecher Martin Holzhause: „Gut 80 Bäder pro Jahr verschwinden für immer.“ Im Jahr 2000 gab es 6.716 Schwimmbäder, heute sind es noch knapp 6.000, ein Investitionsstau von 4,5 Milliarden Euro hat sich aufgetan. Dass Bäder zuerst dran glauben müssen, wenn eine Kommune sparen muss, ist systembedingt. Schwimmbäder zählen zu den „freiwilligen Aufgaben“ der kommunalen Haushalte und fallen angesichts der desaströsen Finanzlage vieler Kommunen entsprechend schnell dem Rotstift zum Opfer. Fatalerweise werden Hallenbäder in ärmeren Stadtteilen häufig zuerst gestrichen, weiß GEW-Sportexperte Baumann. „Dabei wäre dort ein gut zugängliches Schwimmbad so wichtig.“ Zwar würden durchaus noch neue Bäder gebaut, dann allerdings meist „Spaßbäder", die unzählige Attraktionen bieten. Nur eines kann man dort nicht gut: schwimmen. 

Selbst da, wo es noch ein Schwimmbad gibt, ist es für viele Menschen nur selten oder gar nicht möglich, dieses auch zu nutzen: „Wir stellen vor allem in den großen Städten fest, dass die Preise enorm hoch sind“, sagt DLRG-Sprecher Holzhause, „das verschärft noch mal die soziale Kluft.“ Zumal das neoliberale Denken mancherorts so tief verwurzelt scheint, dass es sich nicht durch Zahlen erschüttern lässt: Die 320.000-Einwohner-Stadt Karlsruhe, eine vergleichsweise prosperierende Kommune, verkündete in diesem Sommer stolz, dass sie ihren Kostendeckungsgrad von über 65 Prozent 2018 deutlich überbieten werde. Zum Vergleich: Bundesweit liegt der Kostendeckungsgrad bei 30 Prozent. Doch dies hindert die Stadt nicht daran, beim renovierten „Fächerbad“, das auch für den Schulsport genutzt wird, die Preise drastisch zu erhöhen – für Vielschwimmer um bis zu 300 Prozent. Oliver Sternagel, Geschäftsführer der Bäderbetriebe, begründet dies damit, man strebe einen Kostendeckungsgrad von 70 Prozent an. 

Land und Kommunen müssten sich „darüber unterhalten, wie die teilweise maroden Lehrschwimmbecken saniert werden können, damit Schwimmen wieder ein fester Bestandteil des Unterrichts wird“. (Jürgen Walter)

Derweil verhält sich die baden-württembergische Landesregierung zögerlich. Bildungsministerin Susanne Eisenmann (CDU) antwortete jüngst ausweichend auf Anfragen von SPD- und FDP-Abgeordneten, die sich um die Schwimmfähigkeit der Grundschüler Sorgen machten. „Da keine verbindliche Definition von Schwimmfähigkeit vorliegt, werden hierzu keine statischen Daten erhoben.“ Jürgen Walter, Mitglied im Arbeitskreis Bildung der Landtags-Grünen, sieht allerdings Handlungsbedarf: Land und Kommunen müssten sich „darüber unterhalten, wie die teilweise maroden Lehrschwimmbecken saniert werden können, damit Schwimmen wieder ein fester Bestandteil des Unterrichts wird“.

Während die Politik Studien in Auftrag gibt und über Finanzierungsfragen streitet, nehmen vielerorts Bürgerinnen und Bürger das Problem selbst in die Hand. Immer öfter kommt es vor, dass sie in Eigenregie Bäder weiterbetreiben, die die Kommunen ansonsten schließen würden. Viele Eltern, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder in private Schwimmschulen. Und die Stadtstaaten Bremen und Hamburg sind mittlerweile dazu übergegangen, den Schwimmunterricht von den Schwimmmeistern der örtlichen Bäderbetriebe durchführen zu lassen. GEW-Vertreter Baumann, selbst Hamburger, sieht das mit gemischten Gefühlen: „Aber wir erreichen jetzt 100 Prozent der Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs statt bisher 80 bis 85 Prozent.“

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