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StatistikenOECD schweigt zur deutschen Bildungsmisere

Die OECD-Analyse „Bildung auf einen Blick 2019“ und der Bericht des Statistischen Bundesamtes zur Bildungsentwicklung in den 16 deutschen Bundesländern spiegeln die Realität des bundesdeutschen Bildungssystems nicht ausreichend wider.

15.11.2019 - Karl-Heinz Reith, freier Journalist

Mit Statistiken und Zahlen, das wissen nicht nur Mathematiker, kann man in der Politik vieles bewirken. Dabei geht es um mehr als nur um die klassische Frage, ob ein Wasserglas halb voll ist oder halb leer. Kritische Daten über gesellschaftliche Entwicklungen kann man beispielsweise medial spektakulär ins öffentliche Rampenlicht rücken – oder sie quasi ganz hinten im Tabellenteil einer umfangreichen Studie verstecken. Man kann solche Daten ignorieren – oder Zeitreihen so ändern, das neue Ergebnisse mit früheren Untersuchungen nicht mehr vergleichbar sind. Mit Statistik ist vieles möglich.

Das zeigen der aktuelle Bericht Bildung auf einen Blick 2019 der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) über die Entwicklung der verschiedenen Bildungssysteme in den 36 wichtigsten Industrienationen der Welt sowie einiger Partnerländer und die Veröffentlichung des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden über die Bildungsentwicklung in den 16 deutschen Bundesländern – heruntergebrochen auf die von den OECD-Statistikern vorgegebenen Auswahlkriterien. Übereinstimmendes Fazit beider Berichte: Es geht aufwärts mit der deutschen Bildung. Noch nie gab es so viele Studierende wie heute, entschieden sich so viele junge Menschen bei der Studienfachwahl für die sogenannten MINT-Fächer – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Auch junge Frauen verlieren langsam ihre bisherige Distanz zu diesen Fächern. Beim MINT-Masterstudium ist inzwischen jeder zweite Neueintritt weiblich. Und: Die Arbeitsmarktchancen von Akademikerinnen und Akademikern wie auch der Absolventen einer betrieblichen Lehre seien weiterhin bestens. Bildung sei der beste Schutz gegen Arbeitslosigkeit – und je höher der Bildungsabschluss, desto größer der spätere Verdienst.

Zahl der Jugendlichen ohne Schulabschluss steigt wieder

87 Prozent der Älteren zwischen 55 und 64 Jahren in Deutschland sowie unter den Jüngeren zwischen 25 und 34 Jahren haben heute mindestens einen Abschluss im Sekundarbereich II, das heißt Abitur, Fachhochschulreife oder eine erfolgreich abgeschlossene Berufsausbildung. Damit ist inzwischen wieder jene Delle im Bildungsniveau der Bevölkerung ausgeglichen, die in Westdeutschland durch das abrupte Abbremsen der Bildungsexpansion der 1970er-Jahre nach Regierungsantritt von Kanzler Helmut Kohl (CDU) entstanden war. Mehrere unionsgeführte Bundesländer, allen voran Hessen, Baden-Württemberg und Bayern, hatten in den 1980er-Jahren, zum Teil auch noch in den 1990er-Jahren, den Zustrom zum Gymnasium massiv gedrosselt, den Elternwillen beim Übertritt von der Grundschule auf eine weiterführende Schule eingeschränkt und die Hauptschule wieder zur seligmachenden Schulform für den Großteil der Kinder erklärt.

Die Bundesregierung strich 1983 das Schüler-BAföG ab Klasse 11 an den allgemeinbildenden Schulen, und für Studierende gab es zwischen 1983 und 1991 BAföG nur noch als Volldarlehen. Mit der Schreckensvision eines „taxifahrenden Dr. Arbeitslos“ sollten zudem junge Menschen vom Studium abgehalten werden. Noch vor einigen Jahren hatten OECD-Wirtschafts- und Sozialforscher Alarm geschlagen, weil in Deutschland jeder vierte 25- bis 34-Jährige hinter den Bildungsabschluss seiner Eltern zurückfiel. „Bildungsmobilität nach unten“ kritisierten die Forscher damals.

Einen Sekundar-II-Abschluss sehen die OECD-Experten heute als Mindestvoraussetzung an, um auf dem künftigen Arbeitsmarkt überhaupt bestehen zu können. Durch weitere Automatisierung und Digitalisierung würden in den entwickelten Industrienationen viele Jobs wegfallen, fast ausschließlich Tätigkeiten mit geringem Qualifikationsprofil, prognostiziert die OECD. Was aber wird aus den vielen ungelernten jungen Menschen, die nicht über einen Sekundar-II-Abschluss verfügen? Die Zahl der Jugendlichen, die ihre Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen, steigt wieder leicht an. Laut Statistischem Bundesamt ist jeder zweite 18- bis 24-Jährige, der weder seine Schulbildung fortsetzt noch eine Ausbildung macht, erwerbslos. Der Bildungsforscher Klaus Klemm hat ausgerechnet, dass von den 20- bis 30-Jährigen in Deutschland 15 Prozent über keinen Berufsabschluss verfügen und auch nicht mehr in Bildungsmaßnahmen sind. Das sind 1,45 Millionen junge Menschen.

Pro-Kopf-Ausgaben für Studierende gesunken

Während die OECD bei früheren Präsentationen ihres Bildungsberichtes gern den Finger in deutsche Wunden legte und die hierzulande besonders ausgeprägte Abhängigkeit von Bildungserfolg und sozialer Herkunft anprangerte, war diesmal Stillschweigen angesagt. In dem 570 Seiten starken Bildungsbericht findet sich zwar die generelle Aussage, dass junge Menschen aus Akademikerfamilien schneller einen Bachelorabschluss erreichen als Kinder aus bildungsfernem Milieu. Belegt wird das anhand von Daten aus einigen Industrienationen, die zum Teil aus dem jüngsten Eurostudent-Report stammen. Für Deutschland werden dazu allerdings keine Zahlen genannt.

Die Anzahl der jungen Erwachsenen im Alter zwischen 25 und 34, die in Deutschland einen tertiären Bildungsabschluss erworben haben, ist weiter angestiegen – und zwar in den vergangenen zehn Jahren von 24 auf 32 Prozent. Im Schnitt der OECD-Industrienationen stieg diese Quote allerdings von 35 (2008) auf 44 Prozent (2018). Wichtig ist zu wissen, dass hier nicht nur allein Hochschulabschlüsse erfasst werden. Zum Tertiärbereich zählt die OECD seit Jahren auch die Meister- und Technikerausbildung, Abschlüsse an Fachschulen, Berufsakademien, Verwaltungshochschulen sowie auch zwei- oder dreijährige Programme an Berufsfachschulen, etwa für Gesundheits- oder Erzieherberufe.

Die staatlichen Ausgaben für die Hochschulen haben allerdings mit dem gewaltigen Zuwachs an Studierenden nicht Schritt gehalten. Während sich zwischen 2005 und 2010 zunächst Verbesserungen abzeichneten, sind die Pro-Kopf-Ausgaben für Studierende inzwischen wieder auf den Stand von 2005 gesunken. Der GEW-Hochschulexperte Andreas Keller sagt dazu: „So erfreulich, wie das anhaltende Interesse junger Menschen an einem Studium und der langsame Anschluss Deutschlands an die internationale Hochschul- und Studienentwicklung ist, umso ärgerlicher ist die fehlende Finanzausstattung.“ Die Betreuungsrelation zwischen Studierenden und Dozenten habe sich weiter verschlechtert. Mit Lehraufträgen und befristeten Verträgen sei das Problem nicht zu lösen. Keller: „Wir brauchen an den Hochschulen mehr Dauerstellen.“ 

„Der wirtschaftliche Aufschwung der vergangenen Jahre hat sich nicht in höheren Bildungsinvestitionen niedergeschlagen. Kinder, Personal und Eltern baden das Versäumnis täglich aus.“ (Marlis Tepe)

Auch bei den Bildungsausgaben insgesamt hinkt Deutschland der Entwicklung in anderen Industrienationen weiterhin gewaltig hinterher. Während die OECD-Mitgliedsstaaten im Schnitt 5 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes (BIP) für Bildung ausgeben, sind dies in der Bundesrepublik nur 4,2 Prozent. Damit ist der deutsche BIP-Anteil sogar wieder gesunken. Er lag Anfang dieses Jahrzehnts schon einmal bei 4,4 Prozent. „Der wirtschaftliche Aufschwung der vergangenen Jahre hat sich nicht in höheren Bildungsinvestitionen niedergeschlagen“, kritisiert die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe. „Kinder, Personal und Eltern baden das Versäumnis täglich aus.“ In den Kitas, Schulen und an Hochschulen fehle es an Personal und guter Ausstattung.

Tepe erinnerte an das Versprechen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie allen 16 Ministerpräsidentinnen und -präsidenten auf dem Dresdner Bildungsgipfel, ab 2015 10 Prozent des BIP für Bildung und Forschung zu investieren, und zwar 7 Prozent für Bildung und 3 Prozent für Forschung. Hätte Deutschland wie etwa Norwegen 6,5 Prozent seines BIP für Bildung investiert, so stünden jetzt für Kitas, Schulen, Hochschulen und Weiterbildung 72 Milliarden Euro mehr zur Verfügung.

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