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Fachkräftemangel in Schule, Kita, Jugendhilfe und HochschuleNur Studienplätze auszubauen, bringt nichts

Mark Rackles, ehemaliger Bildungsstaatssekretär in Berlin, hat in seiner Studie „Lehrkräftebildung 2021“ nach den Gründen für den Lehrkräftemangel in Deutschland gesucht. Im Interview erklärt er, wo die Probleme liegen.

09.11.2020 - Interview: Michael Stahl, freier Journalist

  • E&W: Herr Rackles, wie steht es um die Ausbildung von Lehrkräften?

Mark Rackles: Insgesamt nicht gut. Wir haben zwar eine sehr gute qualitative Ausbildung aber um die quantitative Versorgung des Bildungssystems steht es schon seit Jahrzehnten schlecht. Der Bedarf an Lehrerinnen und Lehrern wird nicht abgedeckt.

  • E&W: Gibt es Ausnahmen?

Rackles: Eigentlich hätte in den vergangenen zehn Jahren jährlich 4,5 Prozent neues Personal eingestellt werden müssen, um Ruheständler zu ersetzen, auf spontane Entwicklungen bei den Schülerzahlen zu reagieren oder pädagogische Verbesserungen zu erreichen. Jedes Land hat hier versagt. Alle haben Defizite, wenn auch unterschiedlich hoch.

  • E&W: Überall herrscht Lehrermangel, mit Ausnahme bei den Gymnasiallehrkräften.

Rackles: Daran wird sich auch erst etwas ändern, wenn die Besoldung der Lehrerinnen und Lehrer vereinheitlicht wird. Aber das ist nicht das drängendste Problem bei der Lösung des Bedarfsdefizits.

  • E&W: Was können die Länder tun?

Rackles: Es müsste eine länderübergreifende Kooperation im Bildungssystem geben – es wird bundesweit ausgebildet und anschließend verteilen sich die Lehrkräfte in die Länder. Bislang macht das jedes Land für sich. Ein Problem ist auch, dass sich die Länder bei ihrer Bedarfsplanung auf unterschiedliche Zahlen und Kriterien stützen. Beispielsweise ist die Definition eines Quereinsteigers bundesweit nicht einheitlich.

  • E&W: Entsprechend ungenau fallen regelmäßig die Bedarfsprognosen der Kultusministerkonferenz (KMK) aus. Wie ginge es besser?

Rackles: Die KMK sollte sich nicht vollständig auf die Angaben der Länder verlassen und diese ungeprüft zusammengetragen veröffentlichen. Stattdessen müsste es unter den prüfenden Augen unabhängiger Experten – wie Statistiker, Demografen und Wirtschaftswissenschaftler – eine bundesweite und systematische Prognostik geben, zu der alle Länder zwingend und verbindlich beitragen sollten, um auch auf Entwicklungen reagieren zu können, die über die Länder hinausgehen.

  • E&W: Die Zahl der Lehramtsstudierenden steigt, die der Absolventinnen und Absolventen ist in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 20 Prozent gesunken. Lediglich mehr Studienplätze zu schaffen, reicht also nicht.

Rackles: Nur Studienplätze auszubauen, bringt nichts, wenn es am Ende weniger Absolventinnen und Absolventen gibt. Die Zahl der Abbrecher und Studienwechsler ist viel zu hoch; Bewerberinnen und Bewerber nutzen oft zudem das Lehramt, um an eine nachgefragte Uni zu kommen und wechseln später in das Fachstudium. Inzwischen steht in einigen Hochschulverträgen, dass es entsprechende Fördergelder nur dann komplett gibt, wenn eine bestimmte Anzahl an Absolventinnen und Absolventen in Lehramtsstudiengängen erreicht wird. Das ist aber noch nicht bundesweit der Fall. Auch das müsste einheitlich geregelt werden.

  • E&W: Woran scheitern Studierende auf dem Weg zum Lehrerberuf? Und wie kann man das ändern?

Rackles: Das herauszufinden, wäre die Aufgabe der Hochschulen. Man müsste sich systematisch anschauen, wie viele Abbrecher es gibt, wann diese aussteigen und warum. Solche Verbleibs- und Verlaufsstudien gibt es in anderen Bereichen. Lehramtsstudierende besuchen für ihre Fächerkombinationen ganz normale Vorlesungen. Das hat zwar den Vorteil, dass sie sich etwa bei einem Lehrerüberschuss einfacher umorientieren können. Der Nachteil ist, dass sie den gleichen Stoff bewältigen müssen wie Studierende von Monostudienfächern. Auf die spezifischen Bedürfnisse angehender Lehrerinnen und Lehrer wird dort in der Regel nicht eingegangen. Erst seit ein paar Jahren gibt es sogenannte Schools of Education, in denen die Betreuung der Lehramtsstudiengänge verbessert wird. Aber auch hier gibt es sehr große Unterschiede zwischen den Ländern. Auch hier könnte man bundesweit mehr vereinheitlichen.

  • E&W: Wie einheitlich sollten Hochschulverträge sein?

Rackles: Ich denke nicht, dass es sinnvoll ist, bis ins Kleinste zu regeln, was da jeweils drinstehen muss. Allerdings könnte es Rahmendaten geben, die etwa besagen: Es muss eine School of Education geben, die mehr ist als eine Studienberatung und zum Beispiel ein Promotionsrecht hat. Es muss Statistiken geben, die die Absolventenzahl abbilden. Es muss transparente Statistiken zu Studienverläufen und Abbrecherquoten geben. Es muss lehramtsspezifische Angebote geben. All das könnten die Hochschulrektorenkonferenz und die KMK in einem Eckpunktepapier vereinbaren und so das Geld in den Ländern jeweils zweckbinden.

  • E&W: Sie schlagen als Überbau einen Staatsvertrag der Länder vor, um Lehrkräfte bedarfsdeckend und bedarfsgerecht auszubilden. Was sollte da drinstehen?

Rackles: In einem Staatsvertrag müsste jedes Bundesland verbindlich erklären, dass es seinen Bedarf an Lehrkräften selbst deckt. Außerdem müsste es darin Zielzahlen geben. Ich empfehle, dass man nicht weniger als 2,9 Prozent des eigenen Personalbestands ausbilden darf, sonst fällt man unter die Zahl der Ruheständler. Ein Orientierungswert nach oben wären die bereits erwähnten 4,5 Prozent. Diesen Wert erfüllt derzeit nur Bremen. Zudem müsste es eine jährliche Bedarfsprognostik geben, die von einem wissenschaftlichen Beirat auf Plausibilität begutachtet wird. Das Ganze muss öffentlich sein, damit man darüber diskutieren kann.

  • E&W: Sie waren knapp acht Jahre Bildungsstaatssekretär in Berlin. Was würden Sie heute in diesem Amt anders machen?

Rackles: Grundsätzlich finde ich die deutsche Lehrkräftebildung nicht schlecht, weil sie universitär ausgerichtet ist und hohe Qualitätsstandards hat. Aber wenn man solche Standards setzt, dann muss man auch Strukturen schaffen, die es ermöglichen, ausreichend Menschen auszubilden. Wenn ich nochmal ins Amt käme, würde ich mich nicht um die Unis kümmern, sondern um die KMK.