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„Niemand soll die Schule ohne Abschluss verlassen.“

Die Paul-Schneider-Schule ist anders. Sitzenbleiben gibt es nicht, Klassenverbände auch nicht. Dafür prägen Lerngruppen und Förderprogramme den Schulalltag. Grund genug für die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe, sich in Rheinland-Pfalz umzusehen.

22.05.2017 - Norbert Glaser

"Wir mussten auf verschiedene Herausforderungen reagieren", sagt Kay Baumgarten, Konrektor der Schule am 17. Mai in Sohren-Büchenbeure. "Rückläufige Schülerzahl bei den Hauptschulen, ein starker Zuzug von Aussiedlern aus den GUS-Staaten und so weiter. Das hat uns bewogen, neue Wege zu gehen. Wir mussten umdenken, um mit der Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler mitzuhalten." Einen langen Weg hat die Paul-Schneider-Realschule plus und Fachoberschule seitdem hinter sich gebracht, erläutert der stellvertretende Schulleiter der GEW-Vorsitzenden, die interessiert zuhört und sich Notizen macht. Bis Mitte der 1990er Jahre war die unweit des Flughafens Hahn, im idyllischen Hunsrück gelegene und nach einem von den Nazis in Buchenwald ermordeten evangelischen Pfarrer benannte Schule in Sohren-Büchenbeuren eine ganz normale Hauptschule. "Das Kollegium war aber immer experimentierfreudig. So konnten wir auf Dinge aufbauen, die Lehrergenerationen vor uns entwickelt hatten", sagt Baumgarten über Vergangenheit der Schule und dessen ehemalige Lehrerinnen und Lehrer.

350 Schülerinnen und Schüler besuchen die Realschule plus. „Wir begleiten die Kinder ein Schulleben lang,“, sagt der pädagogische Koordinator, Michael Zimmer. „Dadurch kennen wir die Eltern und die familiären Verhältnisse.“ Das erleichtere manches. Neben der Berufsreife nach der 9. und dem qualifizierten Sekundarabschluss nach der 10. Jahrgangsstufe kann seit 2011 die Fachhochschulreife nach der 12. Jahrgangsulftufe erworben werden. Ein entsprechendes Aufbauprogramm ermöglicht es Schülerinnen und Schülern, nach 13 Jahren auch das Abitur an der benachbarten Berufsbildenden Schule Simmern abzulegen.

Eine Schule ohne Klassen

Klassen gibt es an der Schule in Sohren-Büchenbeuren nicht. Gelernt wird in Lerngruppen, die jeweils alle Kinder und Jugendliche eines Jahrgangs umfassen. Fehlanzeige auch bei Klassenlehrerin oder Klassenlehrer. Das jeweils dafür verantwortliche Lernteam eines Jahrgangs organisiert alle Angelegenheiten eigenverantwortlich. Die Pädagoginnen und Pädagogen begreifen ihren Arbeitsplatz als Teamschule. Und: Ganztagsschule und Sozialarbeit gehen Hand in Hand. Schulsozialarbeiterinnen und -arbeiter des IB (Internationale Bund) sind ständig präsent und werden von allen Beteiligten als Teil der Schulgesellschaft betrachtet.

In einem freien Klassenzimmer bespricht das Team der Jahrgangsstufe 7, zu dem auch eine Förderschullehrerin und eine Integrationshelferin gehören, aktuelle Fragen:

  • Ein Schüler hat gestern gegen das Rauchverbot verstoßen und ist heute gleich ganz dem Unterricht ferngeblieben. Was tun?
  • Die Exkursion zum Frankfurter Flughafen zur Berufsorientierung ist für zwei Gruppen: Soll ein Austausch organisiert werden?
  • Ein Junge dreht nach der Mittagspause regelmäßig voll auf. Wie kann man ihn bändigen?
  • Ein Mädchen lächelt, wenn man es auf seine Lernschwierigkeiten anspricht, macht aber ansonsten dicht. Was tun?

Neben der Vermittlung von Wissen gehört das Lernen von Kompetenzen zum schulischen Profil. „Für uns steht die Berufsorientierung in vielen Fächern im Vordergrund, nicht nur im Wahlpflichtbereich“, sagt Fachoberschul-Koordinatorin Claudia Moser. Dazu gehören eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Berufswahl, die Mitarbeit in Arbeitsgruppen und Praktika ab der 8. Jahrgangsstufe in regionalen Unternehmen.

Schon die frühere Hauptschule hatte ein sehr praktisches Profil. Als eine der ersten in Rheinland-Pfalz beteiligte sie in den 1990er Jahren am Experiment Regionale Schule. Um die Kinder von Aussiedlern aus den GUS-Staaten zu integrieren, entwickelte die Schule ein Sprachförderungssystem und führte die Ganztagsbetreuung ein. 2002 wurde daraus die Ganztagsschule. Seit 2009 ist sie eine integrative Realschule plus. Zuvor hatte sie im Rahmen eines Versuchs die Trennung zwischen Realschule und Hauptschule aufgehoben. Die Teilnahme am Projekt „Selbstverantwortung an rheinland-pfälzischen Schulen“ ermöglichte es der Schule, sich seit 2005 bei Neueinstellungen personell so aufzustellen, wie sie es pädagogisch für sinnvoll hält.

„Wenn du immer Einzelkämpfer warst und dann sollst dich auf einmal dauernd absprechen, dann ist das nicht einfach." (Dirk Sitte)

 

Rheinland-Pfalz experimentiert seit Jahren mit mehr Selbstverantwortung im Bildungsbereich. Das ermöglicht es der Paul-Schneider-Schule, Akzente zu setzen: So gibt es in der 5., 6., 7. Jahrgangsstufe Gespräche von Schülerinnen und Schülern, Lernteam und Eltern, bei dem Arbeits-, Lern- und Sozialverhalten sowie die Fachleistung thematisiert und Ziele für die Weiterarbeit vereinbart werden. Sprachvermittlungskurse tragen dazu bei, individuelle Defizite auszubügeln. Und eine pädagogische Betreuung der Schülerinnen und Schülern nach der Mittagspause gibt ihnen die Möglichkeit, den Unterrichtsstoff des Vormittags zu sichern.

„Nicht für alle Kolleginnen und Kollegen ist das Teammodell geeignet“, beantwortet Dirk Sitte vom Personalrat die entsprechende Frage von Marlis Tepe. „Wenn du immer Einzelkämpfer warst und dann sollst dich auf einmal dauernd absprechen, dann ist das nicht einfach. Das kann richtige Ängste auslösen. Neuen Kolleginnen und Kollegen erklären wir genau, was an Rechten und Pflichten auf sie zukommt.“ Sitte zufolge ist die Belastungen der Kolleginnen und Kollegen höher als an normalen Schulen, dafür gebe es eine gewisse Entlastung, weil Probleme kollegial beraten werden. Wichtig: „Die Neuen werden alle unabhängig von der Schulform einheitlich mit A13 bezahlt.“

Wie so oft: Mehr Geld würde helfen!

„Was fehlt, um mit den Herausforderungen fertig zu werden?“, will Tepe von den Personalräten wissen. Sitte überlegt: „Von allem ein bisschen mehr wäre nicht schlecht. Unser Hauptproblem ist sicher die Arbeitsbelastung. Wir sind für tausend Sachen zuständig – bis hin zur sozialen und finanziellen Situation einzelner Familien.“ Seine ÖPR-Kollegin Lina Held ergänzt: „Mehr Geld würde uns helfen. Kleinere Klassen wären schön. Vor allem muss mehr Geld für die Ausbildung künftiger Lehrerinnen und Lehrer investiert werden. Sie müssen bereits im Studium lernen, anders mit Kindern umzugehen und als Teamplayer zu agieren.“

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