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Niederlande: AOb trauert um André Steenhart

Der Kongress der niederländischen Bildungsgewerkschaft AOb musste wegen des plötzlichen Todes ihres Generalsekretärs André Steenhart kurzfristig abgesagt werden. Das Programm der internationalen Gäste fand dennoch statt.

18.11.2015 - Michael Strohschein

Trauriger Beginn und trauriges Ende der internationalen Tagung

Der siebte Kongress der niederländischen Bildungsgewerkschaft AOb (Algemene Onderwijsbond) vom 11. - 14. November 2015 in Utrecht ist aus traurigem Grunde ausgefallen. Der Generalsekretär der AOb - André Steenhart - ist nach einem Herzinfarkt während einer Gewerkschaftssitzung kurz vor dem Kongress verstorben. Da die dreißig internationalen Gäste aus aller Welt von Surinam bis Moskau, aus Amerika , Portugal, Spanien, Dänemark, Türkei, Frankreich, Großbritannien, Belgien, aus verschiedenen Balkan Staaten und auch von der  GEW zum Teil schon auf dem Wege waren und der ehemalige Vorsitzende der AOb -Walter Dresscher- eigentlich im feierlichen Rahmen verabschiedet werden sollte,  hat die AOb entschieden, das internationale Treffen trotz aller Bedenken und ohne den Kongress stattfinden zu lassen.

AOb international aufgestellt

Traditionell ist AOb -wie die Niederlande insgesamt- besonders international ausgerichtet. So gehört auch der Generalsekretär von Education International (EI), Fred van Leeuwen, der ein Grußwort an die Gäste und an Walter Dresscher richtete, der AOb an. Walter Dresscher hat sich in seinem Engagement für EI neben seinen atlantischen Initiativen in besonderem Maße um die Befriedung der Konflikte in der Bildung und Erziehung verschiedener Balkanstaaten wie Mazedonien, Serbien, Albanien und des Kosovo nach den Balkan Kriegen verdient gemacht. So ist er mehrere Male in die Konfliktregionen gereist. Beispielsweise hat er sehr konkret mit Hilfe des AOb und EI die Schulen in den serbischen Enklaven im Kosovo unterstützt und zugleich die immer im Hintergrund schwelenden Konflikte zwischen den Bildungsgewerkschaften aus Serbien und Albanien mit seiner  ruhigen Souveränität ausgeglichen. Auch am Rande dieses Treffens gab es diesbezügliche Gespräche. Die internationale Arbeit von Walter würdigten im Namen aller Gäste die russische Delegation, ein Vertreter der Belgier und das für die internationale Arbeit zuständige Vorstandsmitglied der AOb Trudy Kerperien.

Solidarität mit türkischer Bildungsgewerkschaft

Trudy wies in ihrem Grußwort besonders auf die äußerst schwierige Situation der türkischen Bildungsgewerkschaft Egitim Sen hin. Sie erinnerte an die diesjährigen Preisträger des von dem niederländischen Gewerkschaftsdachverband FNV ( Federatie Nederlandse Vakbeweging) gestifteten Friedenspreises Sakine Esen Yilmaz und Mehmed Bozgeyik , die in der Türkei wegen ihrer Gewerkschaftsarbeit für Egitim Sen längere Zeit inhaftiert waren. Trudy bekräftigte noch einmal eindrücklich den Wert der internationalen Solidarität und die Wichtigkeit und Wirksamkeit der Arbeit von EI.

Kurzfristig tolles Programm auf die Beine gestellt

Ansonsten hat Trudy mit ihrem Team: Marja van den Dungen, Pedro van Duuren, Ad Hazen , Clazien Rodenburg und Ellen Scholten kurzfristig ein tolles Programm auf die Beine gestellt, bei dem alles geklappt hat. Beeindruckend war neben der Gastfreundschaft in allen besuchten Institutionen die Erkenntnis, dass im niederländischen Bildungswesen bei äußerst großzügiger Architektur der Gebäude sehr persönliche Beziehungen zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern aufgebaut werden können. Der Druck im Bildungssystem entsteht allerdings durch die tendenzielle Verknappung der Budgets, über die in der Regel autonom entschieden werden kann, und über landesweite Prüfungen.

Ausbildung und Entlohnung der Lehrkräfte in Europa extrem ungleich

Im Teacher Training Institute in Amstelveen gab es neben der Präsentation der niederländischen Lehrerausbildung einen Austausch über die Pädagogenausbildung der unterschiedlichen Länder. Die Anerkennung von Bachelor und Master Abschlüssen und die Entlohnung von Lehrkräften in den unterschiedlichen Schulstufen wird in Europa extrem ungleich vorgenommen. Erschreckend war die Information, dass es in Großbritannien inzwischen möglich sein soll, ohne jegliche pädagogische Ausbildung in den Schulen zu unterrichten. In einer großen Schule in Amsterdam gewann die internationale Delegation Einblick in den Fremdsprachen- und den naturwissenschaftlichen Projektunterricht.

Deltion Collage überwältigend

In Zwolle wurde ein regionales berufliches Bildungszentrum - das Deltion Collage - besichtigt. Überwältigend war es nicht nur durch seine Größe - es unterrichten dort ca. 1.200 Lehrkräfte ungefähr 15.000 Schülerinnen und Schüler -, sondern durch seine helle, offene Architektur, die ruhige gelassene Atmosphäre im Betrieb und seine Ausstattung. Vom eigenen Theater über ein hervorragendes Übungsrestaurant bis zum kompletten Flugzeug für die Ausbildung von Luftfahrttechnikern war alles vorhanden.

Gewerkschaftsrechte verteidigen

In einem kurzen Dank und einer Zusammenfassung der Tagung machte Walter Dresscher die Relevanz der internationalen Zusammenarbeit deutlich, indem er die international zu beobachtende Tendenz, Gewerkschaftsrechte zu beschneiden, Verhandlungen mit Gewerkschaften zu vermeiden und Freiheitsrechte einzuschränken, brandmarkte und zu weiterer internationaler Solidarität aufrief. Betroffen und voller Trauer und Mitgefühl diskutierten die bis zum 14.11.2015 noch anwesenden internationalen Gäste der AOb die schrecklichen Ereignisse in Paris, wo durch mehrere gleichzeitig stattfindende Terroranschläge mehr als 100 Menschen ums Leben kamen.

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