GEW - Die Bildungsgewerkschaft
Du bist hier:

Braucht Deutschland mehr Akademikerinnen und Akademiker?Nicht selektieren, sondern fördern

Über viele Jahre wurde die berufliche Bildung schlechtgeredet. Das war ein Fehler, denn berufliche Bildung kann der sozialen Ungleichheit entgegenwirken.

07.05.2021 - Prof. Julian Nida-Rümelin

Die Bedeutung, die die berufliche Bildung im deutschen Bildungssystem hat, ist international einmalig. In den meisten Ländern der Welt dominieren die schulische Allgemeinbildung und die akademische Hochschulbildung. Im internationalen Vergleich einmalig sind auch die niedrigen Quoten der Jugendarbeitslosigkeit. Anders als insbesondere in den angelsächsischen Ländern hängt die Zugehörigkeit zur Mittelschicht nicht davon ab, ob man über einen akademischen Abschluss verfügt.

In Deutschland ist die Einkommensungleichheit deutlich schwächer ausgeprägt als in den angelsächsischen Ländern, und die soziale Mobilität ist höher. Dies spricht gegen die Einschätzung, dass ausgerechnet die berufliche Bildung Ungleichheit zementiert: Westliche Länder ohne ein ausgeprägtes System der beruflichen Bildung, die nur die Stufen High School Dropout, High School Diploma, Bachelor und Master kennen, schneiden sowohl im Hinblick auf Ungleichheit wie auch Mobilität deutlich schlechter ab. Entgegen neoliberaler Propaganda ist eine Gerechtigkeitspolitik der sozialen Mobilität förderlich und nicht hinderlich.

Jahrzehntelange Fehleinschätzung

Über viele Jahre wurde die berufliche Bildung schlechtgeredet. Sie galt als eine problematische Sonderform, die zwar im Ausland gerühmt und kopiert, aber im Inland als Relikt vergangener Zeiten dargestellt und oft als Auffangbecken für diejenigen charakterisiert wurde, die den „normalen“ Weg über Abitur oder eine andere Hochschulzugangsberechtigung und Studium nicht schaffen.

Auch die Orientierung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) an angelsächsischen Bildungssystemen hat zu einer über Jahrzehnte währenden Fehleinschätzung der Bedeutung beruflicher Bildung in Mitteleuropa geführt. Unterdessen hat die OECD diese Einschätzungen korrigiert, und auch in den Koalitionsvereinbarungen der Landes- und Bundesregierungen spielt die Förderung der beruflichen Bildung eine wichtige Rolle. Die berufliche Bildung wird aber nur dann eine gute Zukunft haben, wenn sie junge Menschen in ihrem weiteren Lebens- und Berufsweg nicht frühzeitig festlegt, wenn der Spurwechsel hin und zurück auch in die akademischen Bereiche erleichtert und der Dynamik des Arbeitsmarktes Rechnung getragen wird.

Dreiteilung des Bildungssystems aufheben

Zur Kultur der Anerkennung im Bildungssystem gehört, dass wir von der Orientierung am vermeintlichen „Oben“ und „Unten“ wegkommen, dass wir Bildung nicht als Selektionsmaschine verstehen, die denjenigen, die besonders begabt und engagiert sind, einen langen Verbleib ermöglicht, während sie andere frühzeitig zum Abschluss ihrer Bildungsentwicklung zwingt. Menschen sind kognitive, aber auch soziale, ethische, gestalterische und kooperative Wesen. Die einseitige Betonung kognitiver Kompetenzen führt nicht nur zu einer Schlagseite der Persönlichkeitsentwicklung, sondern auch zu einer Abwertung derjenigen, die hohe praktische Interessen und Fähigkeiten haben und ohne die sich die Spitzenstellungen der deutschen Wirtschaft auf den Weltmärkten in vielen Bereichen, zumal den technisch-handwerklichen, nicht aufrechterhalten ließe.

Wir sollten nicht mit neun oder zehn Jahren in einem Grundschul-Abitur nur denjenigen den „höheren“ Bildungsweg erlauben, die gute Noten in Deutsch und Mathematik aufweisen, und ihn den anderen versperren, wir müssen wegkommen von der Dreiteilung des Bildungssystems im Sinne einer Pyramide der Besten, der Mittelguten und der Schlechteren. Die demografische Struktur in Deutschland ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass das Bildungssystem nicht selektieren, sondern fördern sollte, ausdifferenzieren, aber nicht abwerten, auf der Basis gleichen Respekts und gleicher Anerkennung.

Der Autor lehrt Philosophie und politische Theorie an der Universität München und ist Direktor am Bayerischen Institut für Digitale Transformation. Letzte Buchpublikation: Die Realität des Risikos. München 2021.