GEW - Die Bildungsgewerkschaft
Du bist hier:

GanztagNicht auf die Zeit kommt es an

Ganztag ist nicht gleich Ganztag. Mal sind alle Schülerinnen und Schüler da, mal nur, wer möchte. Für die Leistungen ist das nicht entscheidend, für das Schulklima schon.

08.01.2021 - Jeannette Goddar, freie Journalistin

Als die Bildungsforscher Prof. Klaus Klemm, Prof. Falk Radisch und Prof. Klaus-Jürgen Tillmann gelungenen Ganz-
tag beschreiben wollten, wählten sie zehn Schulen aus, die mit dem Deutschen Schulpreis oder dem Jakob-Muth-Preis für inklusive Bildung gekürt worden waren. Vor Ort führten sie Gespräche, deren Ergebnisse in kompakte Empfehlungen flossen. Best-Practice-Forschung nennt sich der Ansatz.

Alle zehn Schulen arbeiten gebunden, also so, dass alle Schülerinnen und Schüler verpflichtend an mindestens drei Wochentagen die Ganztagsangebote wahrnehmen. „Absicht war das nicht“, sagt Klemm, „wir waren schlicht auf der Suche nach guten Schulen.“ Für Zufall hält es der Essener Bildungsforscher dennoch nicht: „Nur in gebundenem Ganztag kann Lernen neu organisiert werden. Wenn die Hälfte der Kinder mittags geht, kommen die Schulen aus dem Rhythmus ‚Morgens Unterricht, nachmittags Spielen‘ nicht heraus.“

„In einem offenen Modell ist Schulentwicklung kaum möglich. Nur wenn alle da sind, entstehen Räume, um etwas Neues zu versuchen.“ (Ivo Züchner)

Bildungsexperten sind sich oft einig: Gebundener oder mindestens teilgebundener Ganztag, bei dem zumindest ein Teil der Schülerinnen und Schüler am verpflichtenden Ganztagsangebot teilnimmt, hat Vorteile. Auch Prof. Ivo Züchner, an der „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG) beteiligter Forscher, sagt: „In einem offenen Modell ist Schulentwicklung kaum möglich. Nur wenn alle da sind, entstehen Räume, um etwas Neues zu versuchen.“

Umso erstaunlicher ist, dass sich eine zentrale Erwartung bisher in keinem der Ganztagsschulmodelle erfüllt hat: Die Kinder und Jugendlichen verbessern ihre Leistungen nicht. Das gilt auch für Schülerinnen und Schüler aus sozial benachteiligten Elternhäusern – für die man sehr gehofft hatte, mehr Zeit in der Schule würde ihnen zu besseren Chancen verhelfen. Klemm: „Im Hinblick auf PISA-Kompetenzen gibt es keine messbaren Befunde. Das bedeutet leider auch: Es gibt bisher keinerlei sozialen Ausgleich.“

Laut der StEG-Studie, mit der die großflächige Einführung des Ganztags über 15 Jahre begleitet wurde, entscheidet über diesen nicht die Lerndauer, sondern die Qualität. „Wir haben es mit einem komplexen Wenn-Dann-Modell zu tun“, erklärte der Gießener Bildungswissenschaftler Prof. Ludwig Stecher Ende 2019 bei einem Bilanzkongress in Berlin. In Kurzform funktioniert das so: Wenn die Atmosphäre motiviert, die pädagogische Qualität hoch ist und es ziel- und kompetenzorientierte Angebote gibt, die Schülerinnen und Schüler zusätzlich zum Unterricht, in hoher Dosis und dauerhaft wahrnehmen – (nur) dann werden sie in der Schule besser.

„Hier und da gibt es Spuren, doch eine grundlegende Veränderung der Kopplung von Bildungserfolg und sozialer Herkunft ist nicht messbar.“

Der Marburger Bildungsforscher Züchner hat Schülerleistungen an gebundenen und offenen weiterführenden Ganztagsschulen von 2012 bis 2015 verglichen. „Hier und da gibt es Spuren“, sagt er, „doch eine grundlegende Veränderung der Kopplung von Bildungserfolg und sozialer Herkunft ist nicht messbar.“ Über die Gründe kann er nur mutmaßen; ein simpler dürfte sein, dass freiwillige Förderangebote nicht unbedingt von jenen genutzt werden, die sie benötigen: „Wer nicht gut liest, geht vielleicht lieber zum Basketball als in den Lesekurs“, erklärt er, „so lesen dann wieder jene, die das von zu Hause können.“

Bei Sport- und Computerangeboten, beim Sozialen Lernen und der Selbstorganisation ist sozialer Ausgleich auch tatsächlich messbar. Und zwar insbesondere dann, wenn viele Schülerinnen und Schüler teilnehmen, wie es vor allem im gebundenen Ganztag der Fall ist. Auch das Schulklima verbessert sich stärker. Züchner: „Viele gebundene Schulen haben die Freiräume ja für tolle Entwicklungen genutzt, hin zur Kulturschule, Schule ohne Rassismus oder zu demokratischer Schulkultur.

Deswegen werden aber nicht die Matheleistungen besser. Und darauf, nachmittags den Unterricht vom Vormittag zu vertiefen, haben sich meines Wissens kaum Schulen konzentriert.“ Wollte man Bildungserfolg ins Zentrum stellen, fasst Züchner zusammen, müsste man den Schulen diesen Auftrag gezielt mit auf den Weg geben – und ihnen zudem erklären, wie das geht. „Stattdessen wurde ihnen weitgehend freigestellt, was sie machen.“

„Das Grundproblem wird bleiben: Das Ganztagsmodell ist vor allem auf Betreuung angelegt – nicht auf kognitiven Zugewinn.“ (Klaus Klemm)

Hinzu kommt: Oft fehlt es ganz profan an Zeit. Bildungsökonom Klemm hat ermittelt, dass in gebundenen Ganztagsschulen der Sekundarstufe I in manchen Ländern nur vier über den Pflichtunterricht hinausgehende Stunden zur Verfügung stehen, an Grundschulen liegt der niedrigste Wert bei acht. Für die Zeit ab dem für 2025 geplanten Rechtsanspruch auf eine Ganztagsbetreuung an Grundschulen haben die Kultusministerinnen und -minister immerhin beschlossen, dass diese fünf Tage in der Woche für jeweils acht Stunden geöffnet sein soll. Klemm fürchtet allerdings, dass die zusätzliche Zeit kaum von Lehrkräften bestritten wird. „Das Grundproblem wird bleiben: Das Ganztagsmodell ist vor allem auf Betreuung angelegt – nicht auf kognitiven Zugewinn.“

Die aus den zehn preisgekrönten Schulen destillierten Empfehlungen der drei Forscher sprechen sich übrigens für
einen Abschied von „gebunden“ versus „offen“ aus. Sie plädieren für eine acht Stunden geöffnete Schule, in der es zusätzlich zum Unterricht eine verpflichtende Kernzeit mit außercurricularen Angeboten gibt. Über die Anwesenheit in einer dritten Phase sollten Eltern sowie Schülerinnen und Schüler selbst entscheiden. „So würden andere Lernformen ebenso möglich wie Flexibilität“, sagt Klemm.

Denn Eltern sind weit weniger überzeugt von einem verpflichtenden Modell als die Forschung: Laut der unter anderem von Erziehungswissenschaftler Tillmann durchgeführten Jako-O-Bildungsstudie plädiert mit 48 Prozent nahezu die Hälfte der Befragten für eine offene Ganztagsschule. Die andere Hälfte verteilt sich gleichmäßig auf jene, die sich eine gebundene Schule wünschen, und solche, die weiterhin ein Halbtagsmodell favorisieren.