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New York: Kontrastprogramm auf Staten Island

Zwanzig Minuten benötigt die Fähre von Manhattan nach Staten Island, wo etwa eine halbe Million Menschen leben. Dort besuchen wir eine Schule für Behinderte und eine technische Oberschule, in der Elite ausgebildet wird.

05.10.2010 - Sigrid Baumgardt

Foto: M. Brinkmann

Die Delegation ist auf ein straffes Programm eingestellt und trifft sich um 9.00 Uhr in der Lounge unseres Hotels. Tony Sclafani von der UFT ist schon da und treibt uns an, die Fähre nach Staten Island zu bekommen. Dort erwarten uns die UFT-KollegInnen dieses Distrikts und ein von ihnen vorbereitetes Kontrastprogramm.

Staten Island ist der kleinste der fünf New Yorker Stadtteile. Er hat 65 Schulen, davon sind etwa 50 Grundschulen, 10 Oberschulen und fünf für Kinder mit besonderem Förderbedarf. Zunächst besuchen wir eine der Schulen für Kinder mit besonderem Förderbedarf, danach eine technische Oberschule, die bis vor vier Jahren Power-Schule hieß und eine ausgewählte Elite-Schülerschaft hat. Zunächst aber zur „Hungerford School for Special Education".

Die Schule wird von 180 SchülerInnen besucht. Es gibt im Wesentlichen zwei Arten von Behinderung: Viele SchülerInnen sind autistisch mit unterschiedlich starker Ausprägung, andere sind mehrfach schwerstbehindert, wenige haben Down-Syndrom. Der Anteil an Kindern mit Down-Syndrom war vor der Zeit der pränatalen Diagnostik deutlich höher. Heute steigt der Anteil autistischer Kinder: Eins von achtzig Kindern in den USA hat Formen von Autismus. Die Ursachen für diese hohe Quote sind unbekannt.

Wie aber kommen Kinder in diese Form der – wir würden sagen – Sonderschulen? Zunächst wird der Versuch unternommen, alle Kinder in der Regelschule gemeinsam zu unterrichten. Stellen sich dann im Verlauf der Schulzeit Probleme ein, etwa wenn SchülerInnen sich nicht über das Niveau der 4. Klasse hinaus entwickeln, so wird geprüft, ob sie in einer Sonderschule besser gefördert werden können. Daneben existieren, vergleichbar mit unseren Integrationsschulen, auch Regelschulen, die schwerst mehrfach Behinderte integrieren. Keine Sonderschulen gibt es für weiche Formen von Behinderungen, also für Lernbehinderte oder so genannte emotional und sozial Benachteiligte oder Kinder mit besonderem Sprachförderbedarf.

 Was ist das pädagogische Konzept der Hungerford School und was das große Ziel? Alle Lehrkräfte sind darum bemüht, dass die Kinder sich in ihren Gruppen wohl und geborgen fühlen, um sie auf die Herausforderung des gemeinsamen Lernens einzustellen. Für jedes Kind existiert ein spezielles, an seine individuellen Fähigkeiten angepasstes Programm. Ziel ist es, den Kindern beizubringen, wie sie selbst für sich sorgen können oder sich zumindest nicht in Gefahr bringen. Dafür gibt es ein sehr differenziertes, kleinschrittiges Programm. Die Kinder lernen zunächst zuzuhören und dann Dinge selbst zu tun: Fahrradreparaturen, Hausarbeit, all diese Fertigkeiten mit dem Ziel, ihnen ein normales Leben zu ermöglichen und mit ihren Fertigkeiten einen Platz in der Arbeitswelt zu finden. Das wird in außerschulischen Projekten und in Zusammenarbeit mit Firmen vorbereitet.
Der Code heißt 6:1:1 oder 12:1:4, oder 6:1:1:1 oder auch 1:1. Was verbirgt sich hinter diesen Zahlenspielen? In jedem Klassenraum ist eine Lehrkraft. Je nach Schwere oder medizinischer und hygienischer Versorgungsnotwendigkeit kommen noch BetreuerInnen und SozialarbeiterInnen oder ausgebildete Krankenschwestern dazu. Sie kooperieren eng miteinander und es ist nicht in jedem Fall auszumachen, wer welche Profession hat.

Auch mit den Eltern wird sehr eng zusammengearbeitet. Für jedes Kind existiert ein Tagebuch, das zwischen Eltern und Schule hin und her wandert und in dem sowohl die PädagogInnnen wie auch die Eltern täglich besondere Vorkommnisse notieren. Und noch etwas ist besonders: Für die BetreuerInnen besteht die Möglichkeit, über ein Stipendium und die Freistellung von der Arbeit ein College oder eine Universität zu besuchen und so einen Abschluss als Lehrkraft zu erwerben.

Was lässt sich abschließend zu unseren Eindrücken sagen? Für viele von uns waren die Einblicke in die Welt schwerstbehinderter Kinder bedrückend. Der Schulleiter erzählte uns jedoch, dass von den Beschäftigten niemand ausgebrannt sei. Im Gegenteil machen sie ihre Arbeit gerne und sind davon überzeugt, das Beste für die Kinder zu tun. In den Klassen leben sie wie in einer großen Familie und die Teams erhalten regelmäßig Supervisionen. Sie fühlen sich damit aufgehoben und ihre Arbeit gewürdigt.

Anschließend werden wir schon in der „Staten Island Technical Highschool erwartet, die von etwa 1000 Schülerinnen und Schülern besucht wird. Der Direktor, den wir eher als Manager wahrnehmen, ist offensichtlich darauf erpicht, uns in möglichst kurzer Zeit alles zu präsentieren, was seine Schule zu bieten hat. Die erste Station ist das Fernsehstudio. Hier können Sendungen produziert werden, die über lokale Fernsehanstalten verbreitet werden. Die SchülerInnen haben die Möglichkeit, DVDs zu erstellen, in denen sie sich und ihr Können darstellen – eben nicht nur auf der Grundlage von Papieren.
Beeindruckend! Ganz schnell waren dafür eine halbe Million Dollar beschafft. Denn hier wird Elite ausgebildet. Dies ist auch nachzulesen in den öffentlich ausgehängten Ergebnissen der Schulabschlüsse: Neunzig Prozent der SchülerInnen erreichen ihr Highschool-Diplom. Die AbsolventInnen sind sehr gefragt; sie erhalten Angebote von Universitäten nebst Stipendium und die Schule schmückt sich mit ihren ehemaligen SchülerInnen.

Unsere nächste Station sind dreiminütige Kurzeinblicke in den Unterricht verschiedener Klassen. Danach folgen Lehrerstützpunkte, Bibliothek und computergesteuerte Skulpturenherstellung. Wer aber darf denn nun in diese Schule gehen? Seit vier Jahren hängt der Zugang an einem Testverfahren, auf das sich selbstverständlich Kinder aus gebildeten und begüterten Elternhäusern bestens vorbereiten können. So fällt auf, dass es fast keine schwarzen SchülerInnen gibt. Zahlreich vertreten sind Weiße und Asiaten und teilweise auch Kinder mit lateinamerikanischem Hintergrund.
Natürlich wird auch den Lehrkräften vieles geboten, damit sie sich mit der Schule identifizieren und ein gutes Arbeiten möglich ist. In jedem Klassenraum existieren moderne Smart- oder Whiteboards, die Lehrkräfte haben mit Computern ausgestattete Zentren, damit sie die Zeit in der Schule voll für ihre Arbeit nutzen können.

Nach etwa einer Stunde verlassen wir die Schule und finden nur ein Wort dafür: Lernfabrik. Ein Gespräch mit einer UFT-Kollegin, deren drei Söhne die Schule besucht haben, zeigt aber auch die positiven Seiten. Ihre Kinder haben während der Schulzeit und auch jetzt noch von einem engen Zusammenhalt untereinander profitiert und viel Unterstützung genossen, wenn Schwächen auftraten und ein Scheitern drohte. Das alles hat sich uns durch den Besuch jedoch so nicht erschlossen. Klar bleibt, dass diese Schule selektiert und ein Beispiel dafür ist, dass auch in New York Herkunft und Bildungskarriere eng miteinander verbunden sind.

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