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Lobbyismus und SchuleNeustart für den Materialkompass

Immer mehr Unternehmen, Verbände und Stiftungen bieten Unterrichtsmaterialien für Schulen an - darunter 22 der 30 Dax-Konzerne. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) hat daher seinen Materialkompass zur Qualitätsprüfung reaktiviert.

13.12.2019 - Nadine Emmerich, freie Journalistin

Für freie Bildungsmaterialien aus der Wirtschaft haben Expertinnen und Experten des vzbv-Materialkompasses in den Jahren 2011 bis 2014 in 18 Prozent der Fälle die Note mangelhaft vergeben. Die Angebote waren interessengeleitet, einseitig oder inhaltlich falsch. Einige Anbieter, deren Materialien durchfielen, zogen diese zurück, andere überarbeiteten sie. „Unsere Kritik wird ernstgenommen“, sagt Materialkompass-Referentin Annette Fesefeldt.

Die GEW fordert seit Jahren eine staatliche Stelle, die die freien Bildungsmedien auf fachliche und didaktische Qualität prüft, nach verbindlichen Standards bewertet und Empfehlungen für Lehrkräfte gibt. Bisher ist der vzbv-Materialkompass die einzige unabhängige Bewertungsplattform. Und das aktiv auch erst wieder seit September 2019. Zwischen Ende 2014 und Anfang 2016 wurde das vom Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz (BMJV) finanzierte Onlineportal auf Eis gelegt. Der über Projektmittel geförderte Service entpuppte sich als Daueraufgabe, dafür gab es zunächst keine Gelder. Da Union und SPD die Fortsetzung des Materialkompasses im Koalitionsvertrag 2018 festschrieben, wurde aus der projektbezogenen eine dauerhafte Zuwendung des BMJV.

Nun ist die Datenbank mit vier Themenbereichen zurück: Ernährung & Gesundheit; Finanzen, Marktgeschehen & Verbraucherrecht; Medien & Information; nachhaltiger Konsum & Globalisierung. Ausführlich geprüft und benotet werden die fachliche, methodisch-didaktische und gestalterische Qualität.

Derzeit wird der Materialkompass, in dem nach etlichen Kategorien gefiltert werden kann, intensiv aktualisiert. Denn freie Bildungsmedien sind ein boomender Markt: Die Universität Augsburg listete in einer Studie rund 880.000 Lehrmaterialien im Internet, die Dunkelziffer liegt geschätzt bei einer Million. „Tendenz steigend“, sagt die Leiterin des vzbv-Teams Verbraucherbildung, Vera Fricke.

„Die öffentliche Hand muss Verantwortung dafür übernehmen, wie Inhalte an Schulen kommen.“ (Martina Schmerr) 

Eine vzbv-Analyse ergab 2014, dass zwar mehr als 60 Prozent von 450 untersuchten freien Lehrmedien die Anforderungen erfüllten. Mit 75 beziehungsweise 70 Prozent stammten die sehr gut oder gut bewerteten Materialien indes von der öffentlichen Hand und von Nichtregierungsorganisationen. Knapp ein Fünftel der Angebote aus der Wirtschaft fiel durch – was bei einigen der Gescholtenen zu Kritik am Materialkompass führte. Der GEW und ihrem Einsatz gegen einen zunehmenden Lobbyismus an Schulen stärkte die Auswertung derweil den Rücken.

Daher begrüßt die Gewerkschaft den Neustart des Portals, wünscht sich aber noch deutlich mehr: „Die öffentliche Hand muss Verantwortung dafür übernehmen, wie Inhalte an Schulen kommen“, fordert GEW-Referentin Martina Schmerr und nennt als Beispiel eine entsprechende Stelle bei der Kultusministerkonferenz (KMK). Der Materialkompass untersuche den Markt nicht systematisch. Sein Umfang – derzeit 622 Angebote – sei zwar „stattlich“, die Auswahl teils aber „etwas zufällig“. Schmerr wünscht sich über die Verbraucherbildung hinaus zudem gewerkschaftliche Themenbereiche wie Arbeitswelt, Berufsorientierung oder Demokratie.